»Wir setzen uns mit Tränen nieder…« – so beginnt, mit Bachs Schlusschor, die neue Erzählung von Siegfried Lenz, Schweigeminute. Die Trauerfeier in der Aula des Gymnasiums irgendwo an der norddeutschen Küste gilt der Lehrerin Stella, und während die jüngeren Schüler einander foppen und schubsen, während manchem Kollegen die Augen feucht werden, während das Ritual der Ansprachen, Blumenkränze und Lieder über die Bühne geht und dem Tod eine notdürftige Form gibt, leidet der Schüler Christian am bittersten, denn die junge Englischlehrerin war die erste große Liebe seines Lebens. Man erhebt sich zur Schweigeminute, und in diesem Augenblick erinnert sich Christian an das vergangene Glück, erzählt sich selber und uns Lesern diese Geschichte.

Das ist schon alles und klingt wie aus einer anderen, fernen Zeit, einer Zeit, als man noch nicht wusste, was ein One-Night-Stand ist, und sich noch verzehrte vor Sehnsucht. Aber wer sagt, dass diese Zeit vorbei ist? Jeder, wie die Redewendung weiß, war einmal jung, und Lenz ist es bis heute. Für diese Novelle jedenfalls gilt, dass sie keinem Trend folgt, sondern etwas Überzeitliches auf altmodische Weise erzählt, in an almost classical mode, wie Harold Brodkey einmal seine Erzählungen untertitelt hat. Lenz erzählt von der Erfahrung, dass alle Liebe Dauer will, dass aber diese Dauer immerzu bedroht ist, am schlimmsten von Endlichkeit und Tod.

Das erzählen zu können bedarf der Meisterschaft, und Lenz ist hier, anders als in seinen vor Formulierungslust überquellenden Romanen, sehr lakonisch, ein Trauerton grundiert die Erzählung, obwohl sie auf der Oberfläche ganz leicht und frei daherfließt und natürlich bestimmt ist von jener realitätsfrohen Genauigkeit, die Lenz so liebt. Wieder sind es die Möwen, die Wellen und die Wolken, die Lenz mit wenigen Strichen malt, die Arbeit der Fischer und das Leben am Hafen, und wir erleben diesen Sommer am Meer, als wären wir dabei. Kunstvoll, wie Lenz die Erzählposition unmerklich wechselt, von der ersten Person in die zweite und wieder zurück. »Ich umarmte sie und zog sie an mich. Sie war nicht erstaunt, sie versteifte sich nicht, in ihren sehr hellen Augen lag ein träumerischer Ausdruck, vielleicht war es auch nur Müdigkeit, du neigtest mir dein Gesicht zu, Stella, und ich küsste dich.« Viel mehr wird nicht gesagt, und am Ende bleibt das leere Kopfkissen zurück, von dem es heißt, es habe nur eine einzige Delle gehabt. Selten las man etwas so Keusches, etwas so Erotisches. Die Schweigeminute , eine zeitlose Kostbarkeit, passt in diese Zeit. Ulrich Greiner