Gerd Bucerius, der Eigentümer und Verleger der ZEIT, hatte einen Coup gelandet. Mitte 1982 lag die sozialliberale Koalition in Agonie. Bucerius sah das Ende der Regierung voraus; er hielt den Rücktritt des Kanzlers für möglich. Im Sommer fragte er Karl Klasen, den ehemaligen Bundesbankpräsidenten, mit dem beide befreundet waren, ob es vorstellbar sei, Helmut Schmidt als Herausgeber neben Marion Gräfin Dönhoff zu gewinnen. Es erwies sich nicht nur als vorstellbar, sondern als machbar.

Am 1. Oktober 1982 wurde der Bundeskanzler Helmut Schmidt durch ein konstruktives Misstrauen abgewählt, am 9. Oktober saß Bucerius bei ihm am Neubergerweg in Langenhorn. Es war das erste einer Reihe von Gesprächen, teils auf dem gelben Sofa im Bucerius-Büro, teils im Neubergerweg, einmal auch auf einem – zufälligerweise gemeinsamen – Flug nach Tokyo. Aber dann kamen dem Verleger angesichts von Schmidts Wahlkampf-Engagement wieder Bedenken. Einer »triumphierenden SPD«, argumentierte er, »kann man nicht außerdem noch als Trophäe die ZEIT mitgeben«. Bucerius war wohl der Einzige im Lande, der bei der Bundestagswahl vom 6. März 1983 einen Sieg der Sozialdemokraten voraussagte.

Letztlich konnten ihm die Bedenken ausgeredet werden. Am 31. Dezember 1982 schlug der Verleger dem auf Gran Canaria urlaubenden Helmut Schmidt brieflich vor, Herausgeber der ZEIT zu werden. »Aufgabe der Herausgeber«, setzte er hinzu: »Verlag und Redaktion zu beraten.« Konkretes wurde nicht vereinbart. Lose war von »vier tragenden Artikeln im Jahr« die Rede. Zimmer plus Vorzimmer wurden im Pressehaus eingeplant; es solle »nicht repräsentativ sein«, hatte Schmidt gesagt. Ums Geld ging es ihm nicht, denn er war sich sicher, dass er mit Büchern und Vorträgen genug verdienen würde. Das gleiche Gehalt wie die Gräfin war seine Vorstellung; erst bei der ersten Zahlung ging ihm auf, wie bescheiden die Löhnung war. Ein schriftlicher Vertrag wurde nicht geschlossen – übrigens bis heute nicht.

Anfang Mai 1983 zog Helmut Schmidt in die Führungsetage der ZEIT ein, in das 16 Quadratmeter große Zimmer 605 im Pressehaus am Speersort. Dort residierte er bis 1995. Nach dem Tode von Bucerius bezog er dessen – auch nicht viel größeres – Eckbüro im sechsten Stock, wo er seitdem zwischen prall gefüllten Bücherwänden an einem schlichten weißen Resopalschreibtisch sitzt. Originalkarikaturen erinnern an die Kanzlerzeit. Ein kleiner Konferenztisch und eine braune Sitzecke ergänzen die Einrichtung. Die Anspruchslosigkeit des Mobiliars wird durch den grandiosen Ausblick über die Hansestadt wettgemacht.

Das Panoramazimmer über den Dächern Hamburgs wurde Helmut Schmidt zur Heimstatt und Werkstatt. Er hätte der Zeitung als Sockel zur Erhöhung seiner Sichtbarkeit nicht bedurft, denn ihm standen vielerlei andere öffentliche Plattformen zur Verfügung: das Interaction Council, ein einflussreicher Zusammenschluss von Staatsmännern außer Dienst; die von ihm gegründete Nationalstiftung; das Kuratorium der ZEIT-Stiftung; das Führungsgremium des Schleswig-Holstein Festivals. Außerdem hält er sich als gefragter Vortragsredner noch immer im Rampenlicht. Und als Buchautor hat er mit seinen über zwanzig Werken in 25 Jahren ein Millionenpublikum erreicht. Menschen und Mächte, Die Deutschen und ihre Nachbarn und Weggefährten eroberten rasch die Bestsellerlisten. Im Herbst legt er sein jüngstes Werk vor, Außer Dienst, die Summe der Erfahrungen eines langen politischen Lebens. Ein Teil des Glanzes, der von Helmut Schmidt ausgeht, ist auch auf die ZEIT gefallen.

»Palmström reiste einst zu Korff / in das Bonner Bundesdorf«

Als er 1983 zu uns kam, stieß er auf viele Freunde und Bekannte. Da war zunächst Gerd Bucerius, den er in Hamburg kennengelernt hatte, noch ehe er selbst 1953 in den Bundestag einzog. Gemeinsam mit anderen Abgeordneten aus Hamburg und Bremen starteten sie damals eine Initiative zum Wiederaufbau der darniederliegenden Handelsschifffahrt, was dann mit Hilfe des Paragrafen 7d des Einkommensteuergesetzes auch gelang – danach liefen in großer Zahl die »Zahnarztschiffe« vom Stapel, finanziert von maritimen Laien, die der Steuervorteil lockte. Noch heute kann Schmidt alle Strophen eines Spottgedichts, das mit den Versen begann: »Palmström reiste einst zu Korff / in das Bonner Bundesdorf. / Und, so sprach er, lasst uns schauen / dass wir wieder Schiffe bauen.«

Marion Dönhoff kannte Schmidt aus ihrem Blankeneser Gesprächskreis, sie waren einander in respektvoller Freundschaft verbunden. Den Politikchef Kurt Becker hatte sich der Bundeskanzler 1980 vorübergehend als Regierungssprecher geholt. Rudolf Herlt, den ZEIT- Fachmann für die Weltfinanzen, schätzte er als Klügsten seiner Zunft. Nina Grunenberg, die Chefreporterin, hatte ihm einmal eine Woche lang beim Regieren über die Schulter blicken dürfen. Und ich, inzwischen Chefredakteur, hatte dem Bundesverteidigungsminister Schmidt 1969/70 auf der Hardthöhe den Planungsstab aufgebaut, die Kritische Bestandsaufnahme der Bundeswehr geleitet und das erste Weißbuch produziert; auch Christoph Bertram, inzwischen Ressortleiter Politik, war damals schon dabei gewesen. Die Chemie stimmte rundum.

Gleichwohl stießen da Welten aufeinander. Dass der neue Herausgeber die ZEIT zur SPD-Postille umfunktionieren werde, glaubte niemand, der ihn kannte; manch anderer freilich hatte da seine Zweifel, die in einer lebhaften Redaktionsversammlung lange diskutiert wurden. Aber einiges Gewohnte veränderte sich. Die Fahrstühle fuhren nicht mehr durch bis ins oberste Stockwerk, auf einmal wurden im Pressehaus aus Sicherheitsgründen Besucherkontrollen eingeführt. Als dann eines Tages ein Verrückter, der sich als Helmut Schmidts unehelicher Sohn ausgab, im sechsten Stock Feuer legte, bezwangen allerdings nicht die Personenschützer, sondern zwei wachsame Feuilletonredakteure den Eindringling, der später in Spanien wegen zweifachen Frauenmordes verurteilt wurde. Schmidt indessen ärgerte sich über die Stapel alter Zeitungen und die abgegessenen Teller, die nach der Redaktionsschluss-Nacht vor den Türen des Feuilletons auf dem Flur standen; da genierte er sich vor den Besuchern, die aus aller Welt zu ihm strömten. Und die Jüngeren – viele eher links und grün – spöttelten darüber, dass er bei Einstellungsgesprächen unweigerlich die Frage stellte: »Haben Sie gedient?«

Begonnen hat Helmut Schmidt bei der ZEIT als Herausgeber. »Es macht mir Spaß«, schrieb er 1984 an Bucerius. Im folgenden Jahr machte ihn der Eigentümer neben Hilde von Lang zum Verleger und Geschäftsführer; der fast achtzigjährige Bucerius sah in dem zwölf Jahre jüngeren Schmidt seinen Nachfolger. Schmidt oblagen die Publizistik und die Personalauswahl. (Ein Veto gegen die Vorschläge der Chefredaktion hat er nie eingelegt.) Schmidt engagierte sich mit Macht, schrieb programmatische Analysen, ungezählte Hausmitteilungen. Seine Korrespondenz mit Bucerius füllt mehrere Leitz-Ordner, und seine manchmal 40 Seiten langen Memoranden für den Chefredakteur hatten es in sich.

Kontroversen blieben nicht aus. Bucerius hatte Helmut Schmidt schon 1982 in seinem Silvesterbrief gewarnt: »Ihre Meinung wird nicht oft die der ZEIT sein… Wir sind alle Überzeugungstäter. Meinungsverschiedenheiten werden daher oft schmerzhaft ausdiskutiert. Persönliche Differenzen kann es dann nicht mehr geben.« Es brauchte freilich einige Zeit, bis sich der Staatsmann und die Redaktion aneinander gewöhnt hatten. Einmal schrieb der Chefredakteur: »Eine Redaktion ist ein pulsierender Organismus, kein hierarchisch aufgebautes Ministerium, und der Chefredakteur ist kein weisungsausführender Staatssekretär… Ich will… nicht regen Köpfen einbläuen, was sie zu denken haben. Links und rechts die Pflöcke einschlagen, die den Korridor des bei uns Möglichen markieren – gern, aber dabei in Kauf nehmen, dass die Ochsen und Kälber manchmal an Elektrodraht kommen. So viel Duldsamkeit, so viel Leidensfähigkeit muss ein Chefredakteur aufbringen. Ich dächte, ein Verleger auch.«

Mag sein, dass wir ihn damals verkannt haben. Schließlich hatte er drei Jahre lang als Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion amtiert. »Da kann man nichts anordnen«, erinnert er sich, »sondern man muss dafür sorgen, dass alle zu Wort kommen, und einen Kompromiss finden. Ich habe gelernt, verschiedene Standpunkte zusammenzuführen. Die Redaktion hat auch Kritik von mir gehört, aber weniger als von Bucerius.«

In der Tat reichte die Übereinstimmung sehr weit. Und es war einfach falsch, was der Spiegel verbreitete: dass Schmidt in der Redaktion noch immer den Kanzler spiele; dass er in den Konferenzen die Diskussion an sich reiße und rücksichtslos die Keksteller leere. Im Gegenteil: Er hört zu, lässt sich unterbrechen, genießt auch den unehrerbietigsten Schlagabtausch. Und bei allem Abstand, die der Respekt vor dem Elder Statesman, sein Alter, seine Lebensleistung gebieten – er ist einer von uns geworden. Der Altkanzler und die Redaktion (einschließlich einiger Altspontis) achten einander und lernen voneinander. In mancherlei redaktionellen oder verlegerischen Turbulenzen wirkte Helmut Schmidt als ruhender Pol. Bei aller Offenheit für Neues ist er auf Kontinuität und Gediegenheit bedacht. Zwar stichelt er, er sei auch nach 25 Jahren nicht Journalist, weil er sich nicht abgewöhnen könne zu arbeiten. Aber dann sagt er auch immer wieder, es gebe unter den Journalisten solche und solche, wie in allen anderen Metiers auch – und er fühlt sich in der ZEIT- Redaktion wohl. Der ständige Austausch mit Jüngeren regt ihn an.

Die Redaktion aber hat seine Prinzipien schätzen gelernt – wenn er, wie einst in einem Brief an Bucerius, bekannte, die Übereinstimmung »eher links von der Mitte« habe ihn zur ZEIT geführt. Wenn er den Eigentümer in der Auseinandersetzung darüber, ob die ZEIT an Bertelsmann gehen solle, beschwor, nicht den Eindruck entstehen zu lassen, »der Zeitverlag würde zu einem von mehreren profit-centers eines Großunternehmens« (Bucerius rückte von seinem Vorhaben ab). Oder wenn er einem Schüler mitteilte: »Entscheidend für Journalismus ist, dass die dargestellten Tatsachen wahr sein müssen, dass nicht durch unzugehörige Tatsachen das tatsächliche Bild verzerrt wird – und: dass die eigene, kommentierende Meinung der eigenen, fundierten Überzeugung entsprechen muss.«

Er schnupft bis heute seinen Schmalzler Marke Gletscherprise

Mit Bucerius stimmte er weithin überein. An einer Sachfrage allerdings schieden sich am Ende die Geister. Schmidt sah nicht ein, dass Bucerius die ZEIT in ein größeres Verlagshaus einbringen wollte; er sah in der ZEIT-Stiftung die geeignetere Trägerin. Als der Eigentümer dabei blieb, die Stiftung und das Blatt rechtlich zu trennen, zog Schmidt sich 1989 aus der Verlegerposition zurück und blieb nur noch Herausgeber. Angesichts der Entschlossenheit des Eigentümers billigte er dann aber Mitte der neunziger Jahre dessen Absicht, den Zeitverlag in die Hände der Verlagsgruppe Holtzbrinck zu legen.

Auf dem Posten des Herausgebers setzt Helmut Schmidt bis heute Maßstäbe der Information, der Urteilskraft und des journalistischen Anstands. Noch immer ist er drei Tage die Woche im Pressehaus. Er geht nur mehr in die Freitagskonferenz des Politikressorts. Aber nach wie vor kommt er akribisch vorbereitet, mit einem Leseexemplar der aktuellen Ausgabe – zahllose Sätze mit gelbem Leuchtstift markiert –, und meldet sich mit gewichtigen Anmerkungen und Anregungen. Er pafft seine Mentholzigaretten und schnupft – schnaubend, schnäuzend und niesend – seinen Schmalzler Marke Gletscherprise. Ohne Schroffheit, aber auch ohne Altersmilde kommentiert er den Inhalt des Blattes und die allgemeinen Zeitläufte. Er sagt seine Meinung, die Redakteure sagen die ihre.

Die Artikel, die er – auf eigenen Wunsch oder auf Drängen der Redaktion – verfasst, finden rund um den Globus große Beachtung. Sie bleiben selten in der Analyse stecken, sondern laufen meist auf Handlungsanweisungen hinaus. Kein anderer vermag die großen Zusammenhänge der Weltwirtschaft, der europäischen Integration und der Globalisierungsproblematik mit gleicher Meisterschaft darzulegen. Kaum einer hat harschere Kritik an US-Präsident George W. Bush geübt als Schmidt, aber wenn er dessen Administration kritisiert, so fügt er unweigerlich hinzu, er glaube an das Comeback Amerikas. Wenn er sagt, von Russland gehe keine Gefahr für den Weltfrieden aus, man solle sich vor andauernden Nadelstichen hüten, so vermutet niemand dahinter Gasprom-Interessen, zumal er schonungslos hinzufügt, die politische Kultur Russlands habe bisher fast nur aus Diktatur bestanden. Ähnlich seine Haltung zu China, das er aus Gesetzlichkeiten zu verstehen mahnt, die sich aus einer jahrtausendealten Geschichte ergeben; es werde beim Wiederaufstieg zur Weltmacht seinen eigenen Weg gehen. Schmidts Zweifel aber am Sinn und Zweck von Bundeswehreinsätzen in fernen Weltgegenden werden nicht nur in der anhebenden Diskussion über Afghanistan noch eine Rolle spielen. Desgleichen finden seine Philippiken gegen den »Raubtierkapitalismus« und die entfesselte Gier der Manager weithin Gehör und Applaus.

Seit einem Jahr gibt Helmut Schmidt jede Woche dem Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, zuweilen auch dessen Stellvertreter Matthias Naß, ein Kurzinterview: Auf eine Zigarette. Es erscheint auf der letzten Seite des ZEITmagazins. Witzig, kernig, pointiert, verdichtet gibt er dabei kurze Antworten auf große Fragen. Anfangs gab es allerhand Empörung von Nichtrauchern; der Mentholzigarettenliebhaber wurde mit Häme und Boshaftigkeit überschüttet. Inzwischen ist die Seite Kult geworden. Viele Leser beginnen die Lektüre der ZEIT damit. In einer forsa-Umfrage ist Helmut Schmidt – wohl nicht zuletzt wegen seiner neuen Raucherecken-Lässigkeit – jüngst zum »coolsten Kerl« Deutschlands gekürt worden – von Männern noch vor Til Schweiger, von Frauen vor Hape Kerkeling. Längst ist er nicht nur Autor und Elder Statesman, er ist eine moralisch-politische Instanz im Lande.

Für die ZEIT bleibt er ein kluger Berater, ein respektierter Mentor, eine einzigartige Stimme der abwägenden Vernunft und des unbestechlichen Urteils. Die Redaktion weiß sich einig mit seiner Definition einer liberalen Zeitung: »Nicht Westerwelle, nicht Möllemann, auch nicht Lambsdorff, sondern open-minded, tolerant, darum bemüht bleibend, dem Leser Überblick zu verschaffen und Durchblick.« Liberal heißt für ihn, für uns: »Verschiedene, auch konträre Meinungen zu servieren, um dem Leser die Spannbreite denkbarer Anschauungen und Lösungen vor Augen zu führen und ihm so ein eigenes Urteil zu ermöglichen.«

Die ZEIT hat Helmut Schmidt für ein Vierteljahrhundert verlässlicher, anregender und fruchtbarer Zusammenarbeit zu danken. Sie wünscht dem Altbundeskanzler, ihrem Altmeister, dass die Helligkeit seines Geistes und die Schärfe seines Urteils noch lange Zeit die Gebresten des Alters überstrahlen mögen.