Am 10. Februar kaufte das »Schnuckelchen« die Stange fürs Himmelbett. Am 6. März erstand es gemeinsam mit »Hasi« Gardinen fürs Babyzimmer. Und am 10. März dürfte »das Mäuschen« wohl auf die Welt gekommen sein, denn an diesem Tag stoppten die täglichen Einträge vom Schnuckelchen im Weblog »Mama werden« plötzlich. Der letzte Eintrag lautet: »Geht’s jetzt los???«

Familie K. (Name der Redaktion und den Internetusern bekannt) aus Herbede war im Februar auf Hamburg-Besuch. Es hat den K.s »sehr gut gefallen«. Und im vergangenen November verbrachten sie ihren Urlaub in Ägypten, zum elften Mal! Frau K. arbeitet übrigens beim Plus-Supermarkt in Herbede, ihre Hobbys sind Stricken, Häkeln und Backen.

Und Andrea und Daniel B. (Name dito) haben am 19. Mai 2006 geheiratet, da konnte ihre gemeinsame Tochter Leonie Daniela bereits laufen. Schließlich war Andrea, Mädchenname K., Sternzeichen Waage, bereits fünf Wochen nach dem ersten Treffen mit Daniel schwanger. Den sie übrigens in einem Internetchat kennengelernt hatte.

19 Prozent der Deutschen stellen private Informationen über sich ins Internet, ergab vergangenen August eine Untersuchung des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom). Sieben Prozent präsentieren sich auf einer eigenen Homepage (wie die K.s), zehn Prozent geben in Onlinecommunitys wie Facebook oder Unsere-Hochzeitsseite.de Privates von sich preis (wie die B.s), zwei Prozent halten ihren Alltag in Weblogs fest (wie Schnuckelchen).

Es herrscht ein eigenartiges Mitteilungsbedürfnis – nicht nur in Deutschland. Menschen wollen andere an ihrem Liebesleben teilhaben lassen, an ihrem Versuch abzunehmen, an ihrer Schwangerschaft, an ihren Urlaubsreisen. Es ist eine Mischung aus Lust zur Selbstdarstellung und unbedarftem Umgang mit einem noch jungen Medium, die Menschen in die Öffentlichkeit treibt. Jahrelang konnten sie in den Medien immer nur Berichte über Politiker und andere vermeintliche Promis lesen, nun haben sie eine Plattform, um auch ihr Leben ins gefühlte Rampenlicht zu schieben – »Interessiert euch doch auch einmal für mich!«.

Dabei schaukeln sich Promis und Private gegenseitig hoch (genauer: runter), wenn es um die Enthüllung intimster Details geht. Privatsphäre wird in der öffentlichen Berichterstattung schon längst nicht mehr so richtig ernst genommen, auch nicht von den Objekten der Berichterstattung selbst.

Einer der legendären Tiefpunkte war Dieter Bohlens Erzählung von seinen beiden Penisfrakturen, die eine Ghostwriterin in seiner ersten Autobiografie ebenso fröhlich wie plastisch darzustellen wusste. Inklusive der Petitesse, dass er »einen künstlichen Blasenausgang gelegt« bekam und zwei Wochen »nicht pieschern gehen« konnte. Fehlt nur, dass sich Frauen auch noch beim Kinderkriegen filmen lassen. Richtig, auch das tun sie ja bereits: in der Dokusoap Mein Baby bei RTL, in Schnulleralarm auf RTL2 und Hallo Baby auf Vox.