Internet Bleibt neugierig!
Edzard Reuter, ehemals Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG, kaufte mit 70 einen Laptop und entdeckte das Internet. Jetzt ist er 80 und kommuniziert per Mail. Und rät anderen Älteren, sich auf Neues einzulassen
DIE ZEIT: Herr Reuter, empfinden Sie das Internet als einen Segen?
Edzard Reuter: Das kann ich so nicht sagen, denn entscheidend ist, wie man ein solches Medium benutzt. Das Internet ist ein Kommunikationsmedium. Es kommt darauf an, ob man es zum Richtigen oder zum Falschen, zum Guten oder zum Schlechten nutzt.
ZEIT: Wann haben Sie für sich gemerkt, dass die Post in Richtung Internet abgeht?
Reuter: Vielleicht vor zehn Jahren, im Alter von 70.
ZEIT: War das ein langsamer Prozess, oder gab es eine Schlüsselerfahrung?
Reuter: Nein, ich habe mich eigentlich aus Neugier auf dieses Gebiet bewegt, habe mir einen Laptop gekauft und Schritt für Schritt ausprobiert, was es denn so gibt.
ZEIT: Kompliment, wer im Alter von 70 Jahren online geht, gilt als »Silver Surfer«.
Reuter: Amüsant, die Bezeichnung gefällt mir.
ZEIT: Haben Sie sich damals den Gebrauch des Laptops erklären lassen, oder sind Sie ein Autodidakt?
Reuter: Im Prinzip bin ich schon ein Autodidakt, ich habe sämtliche Fehler, alle Dummheiten, die einem die Anbieter nahelegen, durchleiden müssen.
ZEIT: Sprechen Sie mit Ihrem Computer, schimpfen Sie mit ihm?
Reuter: Ja, innerlich, und ich habe geflucht und draufgehauen, gewiss, und das nicht nur einmal!
ZEIT: Denken Sie in solchen Momenten an die guten alten Zeiten mit der Schreibmaschine Gabriele zurück?
Reuter: Nein, die guten alten Zeiten heißen für mich, etwas mit der Hand zu schreiben und etwas Falsches auch mit der Hand wieder auszustreichen. Ich habe lange gebraucht, mir beim kreativen Schreiben diese alte Übung abzugewöhnen. Keine Frage, jetzt an einem Computer ist die Arbeit viel einfacher. Ob die Gedanken damit besser werden, wenn alles Korrigieren schnell geht, das weiß ich nicht.
ZEIT: Haben Sie das Gefühl, dass das Internet Lebensgeister wecken kann?
Reuter: Es kann passieren, dass man beim Surfen plötzlich auf Links stößt, die einen auf neue Gedanken bringen – dass man damit zu Antworten kommt, die man gar nicht gesucht hat, die sich aber doch als überaus interessant erweisen.
ZEIT: Wodurch unterscheiden sich Mails von Briefen?
Reuter: Mails machen es dem jeweiligen Absender sehr viel einfacher, auf die Schnelle etwas zu kommunizieren. Vielleicht verführen sie auch dazu, nicht allzu sehr auf den Stil der Mitteilung zu achten. Es sind bei einem herkömmlich geschriebenen Brief auch Ästhetik und Schriftbild, die, jedenfalls für mich, eine gewisse Rolle spielen. Sosehr ich der Versuchung auch immer stärker unterliege, per Mail zu korrespondieren, so gibt es doch bestimmte Anlässe, bei denen ich mir ganz bewusst einen Ruck gebe und entscheide, nein, dieses Thema oder dieser Empfänger verdient einen besser überlegten und besser durchdachten Brief.
ZEIT: Der Füllfederhalter kommt in den epochalen Momenten des Lebens zum Einsatz?
Reuter: Nicht unbedingt. Es hängt mit dem Empfänger und dem Anlass zusammen. Wenn ich mit einem Verleger korrespondiere, um ihm zu sagen, dass er ein beeindruckendes Buch herausgegeben hat, würde ich schon auf die Idee kommen, dass ich mir sorgfältig überlegen will, wie das zu formulieren ist.
ZEIT: Welche Gelegenheit wäre mehr für eine Mail geschaffen? Das Schreiben an einen Betriebsrat?
Reuter: Mit dem Betriebsrat habe ich ja aktiv nichts mehr zu tun, aber wenn ich Herrn Boris Becker zu seinem letzten Auftritt im Fernsehen gratulieren will, würde ich vielleicht die E-Mail wählen.
ZEIT: Zeitungslektüre online?
Reuter: Das ist so ein Thema; ich muss eine Zeitung in der Hand haben, ich muss eine Zeitung umblättern und knuffen können, und deswegen käme ich nur auf die Idee, eine Zeitung online zu lesen, wenn etwas in einer Zeitung erschienen wäre, die ich nicht physisch bei mir habe. Sonst würde ich immer das eigene Durchblättern bevorzugen.
ZEIT: Haben Sie einen iPod?
Reuter: Ja.
ZEIT: Laden Sie sich Musik herunter?
Reuter: Nein.
ZEIT: Könnten Sie aber technisch, wenn Sie wollten?
Reuter: Ja.
ZEIT: Die Zahl der Internetnutzer wird nach Ansicht von Experten um 15 Prozent im Jahr zulegen. Besonders Frauen und Silver Surfer werden für neue Absatzchancen sorgen...
Reuter: ...und die sogenannten Einfachlaptops für die Märkte in den Entwicklungsländern, von denen jetzt viel die Rede ist, könnten für gewaltige Zuwächse sorgen.
ZEIT: Warum ist es nie zu spät, um sich mit dem Internet zu beschäftigen? Sie haben jetzt die Gelegenheit zu einem Appell an alle, die zögern und sich nicht trauen.
Reuter: Ich rate jedem älter werdenden Menschen, neugierig zu bleiben; neugierig bedeutet, begierig zu sein auf Dinge, die es vorher nicht gegeben hat. Es ist doch erstrebenswert, Neues aus der Nähe zu betrachten.
ZEIT: Sollte die Schrift im Internet größer werden?
Reuter:
Wenn das technisch zu machen ist, sollten es sich die Anbieter überlegen. Aber ich glaube nicht, dass allein die Größe der Tastatur ältere Menschen zum Beispiel vom Gebrauch eines Handys abhält. Es ist wahrscheinlich die nicht vorhandene Gewohnheit, ununterbrochen jeden Mist, der einem gerade einfällt, über ein Handy zu kommunizieren, wie das bei anderen – im Zug, demnächst auch im Flugzeug – der Fall ist. Das haben alte Menschen so nicht gelernt. Dies ist, nehme ich an, der eigentliche Grund für die Zurückhaltung.
Die Fragen stellte Hanns-Bruno Kammertöns
Edzard Reuter wurde am 16. Februar 1928 in Berlin geboren. Von 1987 bis 1995 war er Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG und machte sich für das Konzept eines integrierten Technologiekonzerns stark. 1995 rief Reuter gemeinsam mit seiner Frau Helga die Reuter-Stiftung ins Leben. Ihr Ziel ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie von praxisorientierten Vorhaben, die der Toleranz und Völkerverständigung dienen
Linksammlung
www.platinnetz.de
Chats, Diskussionsforen und Partnersuche für Menschen über 50
www.seniorentreff.de
Hier wird geflirtet und gechattet, einige der Mitglieder schreiben eigene Blogs
www.feierabend.de
»Webtreff für die besten Jahre«, alles von Harndrang bis Rentenpolitik
www.neumann-blog.de
Blog des 73-jährigen Uwe Neumann aus einem Hamburger Seniorenheim
- Datum 09.05.2008 - 03:49 Uhr
- Serie Internet-Spezial
- Quelle DIE ZEIT, 08.05.2008 Nr. 20
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