InternetPrivat war gestern

Sicherheitsexperte Sean Hastings rät, nur noch wirklich Wichtiges geheim zu halten von 

DIE ZEIT: Ziemlich radikal, Ihre Datenschutzidee aus dem Jahr 2000: Sie bauten einfach ein paar Computer auf einer Flugabwehrstation vor der englischen Küste auf, wo keine Regierung Zugriff hatte…

Sean Hastings: Es ging um das Recht, unbehelligt von Regierungen im Internet verbreiten zu können, was man will. Dafür könnte es heute immer noch einen Markt geben.

Zeit: Heute scheint ein anderes Datenschutzproblem drängender: Regierungen und Unternehmen spionieren mehr denn je im Netz.

Hastings: Ja, und zwar großteils heimlich und elektronisch, durch Viren, trojanische Pferde, mit Hackermethoden. Dagegen schützt es natürlich nicht, seinen Computer an einem fernen Ort aufzustellen.

Zeit: Wie schützt man sich vor den Schnüfflern?

Hastings: Es gab immer wieder Firmen, die hocheffektive Systeme für das unentdeckte Surfen und Kommunizieren im Internet zur Verfügung gestellt haben. Aber selten fanden sich genug Käufer, die das wirtschaftlich gemacht hätten. Diese Dinge werden auf Dauer nur kostenlos, als Standardausstattung in Browsern und E-Mail-Programmen, erfolgreich sein. So wie ja heute schon viele Kryptotechniken allgegenwärtig sind, etwa beim Homebanking.

Zeit: Weil die Leute sich ihre Privatsphäre nichts kosten lassen wollen?

Hastings: Es gibt noch einen besseren Grund. Wer ungewöhnlich hohen Aufwand mit verschlüsselter E-Mail und ähnlichen Dingen treibt, macht erst recht auf sich aufmerksam. Wenn Sie ein Verschlüsselungsprogramm für Ihre EMail benutzen, kann man sofort erkennen, dass verschlüsselt wurde. Wer also an Personen interessiert ist, die etwas zu verbergen haben, kann systematisch nach solchen E-Mails suchen.

Zeit: Das muss sich doch irgendwie lösen lassen.

Hastings: Sie müssen noch mehr Aufwand treiben. Es gibt eine Technik namens Steganografie, bei der geheime Botschaften in scheinbar alltäglichen Dateien versteckt werden, etwa in Fotos und Videos. Davon werden stündlich Millionen um alle Welt versendet. Das fällt niemandem auf.

Zeit: Haben Sie Empfehlungen für solche Programme?

Hastings: Gibt es massenhaft und sogar kostenlos im Internet. Meine Empfehlung ist, nur solche zu benutzen, deren Macher ihren Programmcode öffentlich ins Internet stellen. Dann kann nämlich die ganze Welt kundiger Experten nach Stellen suchen, an denen man die Verschlüsselung knacken kann. Das erhöht die Sicherheit enorm.

Zeit: Was würden Sie Leuten empfehlen, die wirklich ihre Geheimnisse für sich behalten wollen?

Hastings: Erstens Steganografie. Zweitens viel Sorgfalt, damit auf ihrem Computer keine Spuren der unverschlüsselten Nachrichten zu finden sind. Zumindest sollten sie alles auf ihren Festplatten verschlüsseln. Ungleich sicherer ist es aber, wenn der Computer gar keine Festplatte hat, sondern wenn sie ihn jedes Mal von einer DVD-ROM hochfahren, auf der sich ihr Verschlüsselungsprogramm befindet.

Zeit: Das andere Datenschutzproblem im Internet entsteht durch Surfen, Herunterladen von Musikdateien – auch da wird man heute auf Schritt und Tritt beobachtet.

Hastings: Benutzen Sie doch die Internetverbindung von jemand anderem! Dann war der schuld.

Zeit: Jetzt mal im Ernst.

Hastings: Ich meine das ernst! Fast überall in der zivilisierten Welt gibt es heute Gratishotspots für das Internet oder unverschlüsselte Verbindungen, die ein Nachbar offen gelassen hat. Niemand kann wissen, dass Sie es waren, der da online gegangen ist. Zwar sendet jeder Computer eine sogenannte MAC-Adresse an das drahtlose Netzwerk, sodass er im Prinzip identifiziert werden kann, aber die lässt sich fälschen: Sie installieren ein Programm, und dann geht das mühelos.

Zeit: Eine Lösung fürs Surfen von daheim ist das nicht.

Hastings: Wenn Sie schon einen drahtlosen Anschluss zu Hause haben, dann lassen Sie ihn offen, ohne Verschlüsselung oder Zugangssperren! Nach dem Motto: Wie, jemand hat die Computer des Innenministers von meiner Internetadresse aus gehackt? Die haben sich bestimmt in mein drahtloses Netzwerk geschlichen. So was. Seit Wochen schon habe ich mir vorgenommen, da mal ein ordentliches Passwort einzubauen, aber man kommt ja zu nichts…

Zeit: Wenn man dann daran denkt, dass viele Leute auf Seiten wie MySpace freiwillig alles über sich ins Internet stellen – Anschrift, Konsumgewohnheiten, private Fotos…

Hastings: Sicher, und Betrüger nutzen das aus. Doch hier bin ich mir nicht sicher, ob das so negativ ist. Lassen Sie die Leute doch voneinander wissen, was sie wollen.

Zeit: Die Halbnacktfotos vom jugendlichen Saufgelage? Der künftige Chef könnte von der prüden Sorte sein…

Hastings:(lacht) Daher sollten wir dafür eintreten, dass jedermann solche Bilder von sich ins Internet stellt. Dann kann sich niemand mehr leisten, so prüde zu sein.

Zeit: Das kann nicht wahr sein! Da interviewt man einen Experten zur Datensicherheit und Geheimhaltung, und er sagt: Stellt alles über euch ins Internet?

Hastings: Okay, jetzt mal ernsthaft: Es gibt sowieso keine Privatsphäre mehr. Davon sollte erst mal jeder ausgehen. Nicht nur Sie selber, auch alle möglichen anderen Leute stellen alles Mögliche über sich ins Netz. Ihr Aufenthaltsort wird laufend überwacht. Kameras werden immer kleiner.

Zeit: Wenn das so ist, könnte man sich Ihre Tipps zum geheimen Surfen und Nachrichtenschicken also sparen?

Hastings: Nein, aber man sollte sich klar machen: Es erfordert besondere Anstrengungen, ein Geheimnis zu bewahren, übrigens nicht nur elektronischer Art. Ansonsten müssen Sie davon ausgehen, dass alles öffentlich ist, was Sie tun.

Zeit: Für welche Art von Geheimnissen treiben Sie eigentlich selber solchen Aufwand?

Hastings: Ich habe keinen Grund, diese Frage zu beantworten.

Die Fragen stellte Thomas Fischermann

Der amerikanische Computer- und Sicherheitsexperte Sean Hastings befand im Jahr 2000, dass es in ganz Amerika keinen sicheren Platz für seine Rechner gebe. Also nahm er sie nach Sealand mit, in eine unwirtliche ehemalige Luftabwehrstation im Ärmelkanal, die in den 1960er Jahren von einem exzentrischen Briten besetzt und zum unabhängigen Fürstentum erklärt worden war. Von Sealand aus verkaufte Hastings Serverplätze an eine geheimniskrämerische Klientel, die den staatlichen Zugriff fürchtete. Heute lebt er wieder in den USA und berät Organisationen und Firmen. Vor kurzem ist sein Buch mit dem Titel "God Wants You Dead" erschienen.

Linksammlung

www.sealandgov.org
Informationen über das seltsame Prinzentum Sealand

www.privacyrights.org
www.privatsphaere.org

Debattenorte für das Thema Privatsphäre im Internet

http://www.eff.org
Verhaltensmaßregeln der Electronic Frontier Foundation

www.salon.com/news/feature/2006/06/21/att_nsa
Paranoiker schauen besser nicht hier rein. Bericht des Internetmagazins salon.com über Internetüberwachung

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Leserkommentare
  1. seiner abendlichen Surftouren als Kinderschänder, Pervers-Pornograph und Radikal-Stammtischbruder. Ist doch absurd. Ein bischen Logik hift da: Es gibt gar nicht so viel Gefängnisplätze, um all diese Freizeitkriminellen zu verbuchten...
    Aber es gibt echte Kriminelle und Terror. Da sollten wir etwas toleranter sein mit unseren verbeamteten Fahndern, dass sie auch mal Erfolg haben, mit Ihrer Super-Softwaretools.
    Bussi, Eure Bussibussi

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    ...könnte unter Umständen verpflichtet sein, die freiheitlich-demokratische Ordnung des Grundgesetzes zu verteidigen. Da muß er sich vor den Häschern des oder der Tyrannen verstecken können, wenn er seinen Angriff vorbereitet. Wir wären heute um eine Legende ärmer wenn Stauffenberg verchipt und von Kameras auf Schritt und Tritt begleitet worden wäre, der Terrorist. 

  2. ...könnte unter Umständen verpflichtet sein, die freiheitlich-demokratische Ordnung des Grundgesetzes zu verteidigen. Da muß er sich vor den Häschern des oder der Tyrannen verstecken können, wenn er seinen Angriff vorbereitet. Wir wären heute um eine Legende ärmer wenn Stauffenberg verchipt und von Kameras auf Schritt und Tritt begleitet worden wäre, der Terrorist. 

    • hermse
    • 13. Mai 2008 9:30 Uhr
    3. Hermse

    Was war denn das für ein Interview?!? Da rät ein "IT-Experte" dazu seine drahtlos Verbindung unverschlüsselt zu lassen damit andere darauf anonym surfen können?!? Gehts noch? Da wird Derjenige sich aber freuen. Den laut deutschem Recht ist jeder für seinen eigenen Anschluss verantwortlich und wird für alles was darüber läuft zur Rechenschaft gezogen.Tut mir leid, aber das ist das absolut dümmste was ich zu diesem Thema seit langem gehört habe.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Abgesehen davon daß Funkverbindungen mit Reichweiten über ein paar Meter mit den Jahren massive gesundheitliche Schäden mit sich bringen können, erlauben sie wieder eine gewisse Anonymität. Das kanns natürlich nicht sein. Wir sind als Bürger in der Verantwortung gemäß unseren Vorbildern wie Wilhelm Tell oder Graf Stauffenberg unsere Verwaltung zu Zurückhaltung und Einhaltung demokratischer Prinzipien zu erziehen. Mit Sartre der meint, indem man sich gegen einen Herrscher bewusst auflehne, erkenne man seine Herrschaft an, ergreift auch der Mann hier die Flucht nach vorne und propagiert: alles rauslassen. Hat er irgendwie Recht. Faktisch ist es so. Ich bin doch viel zu faul irgendwas von mir zu verbergen. Und wirklich, wenn ich das was ich so tue als verbergenswert in vorauseilendem Gehorsam quasi zensierte dann liefe etwas gewaltig schief. Hier verändern die technischen Voraussetzungen unser Bewußtsein. Wenn sich jetzt alle Freien Menschen verstecken, dann finden man im Netz  nur noch Perverse, Spiesser und Fachisten. Symptomatisch ist da die Moderation des Forums von Spiegel-Online. Finde ich übrigens gut daß hier einigermaßen freie Rede herrscht.

  3. Abgesehen davon daß Funkverbindungen mit Reichweiten über ein paar Meter mit den Jahren massive gesundheitliche Schäden mit sich bringen können, erlauben sie wieder eine gewisse Anonymität. Das kanns natürlich nicht sein. Wir sind als Bürger in der Verantwortung gemäß unseren Vorbildern wie Wilhelm Tell oder Graf Stauffenberg unsere Verwaltung zu Zurückhaltung und Einhaltung demokratischer Prinzipien zu erziehen. Mit Sartre der meint, indem man sich gegen einen Herrscher bewusst auflehne, erkenne man seine Herrschaft an, ergreift auch der Mann hier die Flucht nach vorne und propagiert: alles rauslassen. Hat er irgendwie Recht. Faktisch ist es so. Ich bin doch viel zu faul irgendwas von mir zu verbergen. Und wirklich, wenn ich das was ich so tue als verbergenswert in vorauseilendem Gehorsam quasi zensierte dann liefe etwas gewaltig schief. Hier verändern die technischen Voraussetzungen unser Bewußtsein. Wenn sich jetzt alle Freien Menschen verstecken, dann finden man im Netz  nur noch Perverse, Spiesser und Fachisten. Symptomatisch ist da die Moderation des Forums von Spiegel-Online. Finde ich übrigens gut daß hier einigermaßen freie Rede herrscht.

    Antwort auf "Hermse"
  4. 5. 100%

    grandioses interview!

  5. von privat machen! Im Staatsdienst hat man doch eh kein Recht auf Geheimhaltung! Wenn die Richterin Frau Klatte vom Amtsgericht Rostock eigenständig die Prozeßabfolge 'Strafbefehl-Einspruch-Hauptverhandlung' in 'Strafbefehl-Einspruch-Beschluß zum Erstellen eines psychiatrischen Gutachtens' umwandelt (ich habe doch die Rechtsbelehrung gelesen zum Strafbefehl, sowas steht nicht drin, nur eine Hauptverhandlung), darf ich mich öffentlich über sie ärgern, oder? Außerdem ist das die einzige Möglichkeit für den Staat als Gesamtheit von unterschiedlichen Ämtern, sich selbst zu regulieren - die kapitalistische Wirtschaft kann zum Beispiel nur in einem geschützten rechtlichen Raum funktionieren. Oder laßt uns die Geheimdienste zu so einer Aktion aufrufen - da klagen die armen Gesundheitsamttanten über Kinderbordelle, niemand weiß aber, wer sie deckt und wieso die Ermittlungen so behindert werden und von wem. Das war ein Nationaltrauma mit den Kinderbordellen! Ihr habt eure Kinder verraten und emotionale Krüppel ins Leben entlassen (hoffentlich werden sie nicht umgebracht - sie sind ja Zeugen einer Straftat).

  6. Gerne darf wer auch immer über meine Daten verfügen, wenn ICH im Gegenzug dafür ein paar andere Daten erhalte, wie z.B.:  Wie geht eine Firma bei der ich mich bewerben will/soll mit ihrem Personal um? Oder :  Welcher Anteil des Preises eines Produktes zahle ich für            - die Werbung            - den Gewinn           - für die Löhne der Firmenleitung und des Mangements            - für die Spanne des Zwischenhandels            - und letztendlich für die Produktion des Produktes selbst?Ich denke solche Daten aus der Kosmetik- und Modebranche könnten schon zu der einen oder anderen Erkenntnis führen?Und das beste : Solche Daten können wir alle selbst zusammentragen! Ersteres über einen freien Gedankenaustausch über die Personalkultur in Unternehmen.Und letzteres teilweise aus den Bilanzen die zumindestens Kapitalgesellschaften veröffentlichen müssen. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit (sic) das wir solche Daten zusammentragen.

  7. ... kann nie absolut sein, da kein technisches System in der Lage ist, zu 100% korrekt zu funktionieren (mal unter "Heisenberg" googeln). Es gibt also gar keine absolute Sicherheit, auch ohne Philosophie.Schön finde ich immer wieder, wie Menschen, die mit der Dummheit der Massen ihr Geld verdienen, sich in den Dienst des Systems und ihrer finanziellen Interessen stellen.Klingt ja alles toll, daß wir uns total öffnen sollen. Aber was wäre denn die Konsequenz? Mr. Hastings & Co. werden unendlich reich. Und: big brother is watching you, und das noch mit unserer tätigen Mithilfe. Will das jemand?Also, Denkapparat einschalten und arbeiten lassen! Jede/r ist seines/ihres Un/glückes Schmied/in.WorkConsumeBe Silent Die

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  • Serie Internet-Spezial
  • Schlagworte Datensicherheit | Browser | Internet | MySpace | Privatsphäre | USA
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