In dem Bericht über die »Operation Himmel« am 24. Dezember ging es nicht um Besinnliches für den Heiligen Abend. Die Mitteldeutsche Zeitung meldete, dass die Polizei seit Monaten gegen viele Internetnutzer wegen Kinderpornografie ermittle, der MDR berichtete von 12.000 Verdächtigen. Für die Medien kam die Neuigkeit in der nachrichtenarmen Zeit der Weihnachtstage gerade recht. Spiegel Online titelte noch am selben Tag: »Riesiger Kinderporno-Skandal schockiert Deutschland«; nach Weihnachten sprachen Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine vom »größten Schlag in Deutschland gegen Kinderpornographie«.

Während die klassischen Medien nach Superlativen suchten, hatten die Leser eines deutschen Weblogs einen anderen Blick auf die Sache. Udo Vetter, ein Düsseldorfer Strafrechtsanwalt, berichtete in seinem law blog von dem Fall eines von dem »Schlag« betroffenen Mandanten: Knapp 50.000 Bilder von jungen Frauen hätten die Polizisten auf dessen Computer gefunden, ein halbes Dutzend als möglicherweise kinderpornografisch bezeichnet. Und der Staatsanwalt habe das Verfahren eingestellt: Die Fotos seien legal und die Ermittlungsbehörden für Moral nicht zuständig. Doch Vetters Mandant hatte da schon Familie und Arbeitsplatz verloren.

Und während die Journalisten in der riesigen Zahl verdächtiger Internetnutzer nur einen Hinweis auf das Ausmaß des Skandals sahen, sprach die Zahl für den Anwalt dafür, dass die Ermittler übergründlich vorgegangen seien.

Offenbar lag er damit nicht falsch. Nach der ersten Empörungswelle wurden auch in den Medien Zweifel laut. Sie berichteten, dass nur ein winziger Bruchteil der Fälle überhaupt von der Staatsanwaltschaft behandelt werde. Wer sich gleich bei Udo Vetter erkundigt hatte, war zweifelsohne besser informiert.

Das ist kein Einzelfall. Seit im Internet jeder Publizist sein kann, gibt es zu ungefähr jedem Thema Alternativen zur Berichterstattung klassischer Medien. Neben vielen, die in unterschiedlichem Mischungsverhältnis große Ahnungslosigkeit mit großer Meinungsstärke kombinieren, finden sich auch kluge Gedanken von Laien, fundierte Analysen von Experten, persönliche Schilderungen von Betroffenen.

Nicht jede Quelle ist so gut wie das law blog von Vetter, der mit einer Mischung aus Anekdoten aus seinem Arbeitsalltag und Diskussionen zu aktuellen juristischen Themen täglich viele Tausend Leser erreicht. Und natürlich ist auch Vetter theoretisch keine gute Informationsquelle: Als Strafanwalt ist er nicht unabhängig, im konkreten Fall sogar selbst Partei. Aber das wissen die Besucher seines Blogs – und in vielen Fällen ist diese journalistisch eigentlich unzulässige Nähe kein Nachteil. Dafür, dass er seine Leser nicht täuscht, steht er mit seinem Namen.

Es ist leicht, Beispiele dafür zu finden, wie die neuen Formen von Öffentlichkeit im Internet die öffentliche Debatte bereichern. Noch leichter ist es, Gegenbeispiele zu finden. Auf jede Diskussion in Foren oder Blogs, in denen Menschen sich mit Engagement und Argumentationsfreude auseinandersetzen, kommen vermutlich mehrere, in denen sie sich beschimpfen und ihre Unwissenheit zur Schau stellen. Und oft genug ist es schwer, die Aufklärung von der Propaganda zu trennen.

Wer sich nicht nur auf die etablierten Medien verließ, konnte im Netz früh erfahren, dass Fernsehsender und Onlineangebote mit erschreckender Leichtfertigkeit den Mangel an Aufnahmen von Polizeigewalt in Tibet dadurch ausglichen, dass sie Aufnahmen von Polizeigewalt in Nepal zeigten. Er musste dazu aber auch durch Berge von chinesischem Propagandamüll waten.

Auch nach der berüchtigten Sendung von Johannes B. Kerner mit Eva Herman schien sich im Internet so etwas wie eine Massenbewegung zu formieren, die sich zornig gegen vermeintliche Manipulationen durch die etablierten Medien wehrte. In einigen Punkten hatte diese recht: Eva Herman ist von vielen Zeitungen und Onlineangeboten falsch zitiert worden, bis heute oft unkorrigiert.

Doch der gut begründete Widerspruch mischte sich mit einer bizarren Paranoia und immer abwegigeren Verschwörungstheorien – und mit einer ideologischen Auseinandersetzung, die Eva Herman entweder in Schutz nahm, weil sie gar nicht die Familienpolitik der Nationalsozialisten verteidigt habe oder weil man gerade das doch tun dürfen müsse. Zigtausende Kommentare wurden zu dem Thema abgegeben, Internetseiten gegründet, und wer nach einem Beweis sucht, dass es unmöglich ist, eine Diskussion zu führen, wenn alle mitreden – hier findet er ihn. Aber seinen Ursprung genommen hat dieser Aufstand in der Wahrnehmung, dass die etablierten Medien in ihrer Berichterstattung versagt hatten. Das Geschrei war Reaktion auf die als unangemessen empfundene Stille.

Dass Gegenöffentlichkeit eine gesittete, disziplinierte, höfliche Veranstaltung werden würde, war nie anzunehmen. Die Frage ist nur, ab wann die Art der Auseinandersetzung so entgleitet, dass man nicht mehr von einer Gegenöffentlichkeit sprechen mag, sondern von Mob sprechen muss.

Eines der drastischsten Beispiele dafür ist die islamfeindliche Seite Politically Incorrect (PI), die es geschafft hat, mit einer üblen Mischung aus Ressentiments, Unwahrheiten und tatsächlich besorgniserregenden Nachrichten über im Namen des Islams begangene Untaten zu einem der größten deutschen Blogs zu werden. Beunruhigend ist die Wirkung von PI in zweierlei Richtungen: Die Halbwahrheiten verbreiten sich von hier in vermeintlich seriöse Medien. Und andererseits eskaliert die Diskussion in den Kommentaren von PI in atemberaubender Weise. Angespornt von den mit Schimpfwörtern durchsetzten Meldungen, entwickelt sich unter den Autoren ein Wettbewerb um die drastischste Meinungsäußerung, der gelegentlich in Mordfantasien mündet.

Seit einiger Zeit werden die meisten Artikel von PI anonym verfasst, ein Impressum gibt es nicht, die Seite ist ins ferne Ausland gerückt, wo sie für keine Lüge und keine Persönlichkeitsrechtsverletzung belangt werden kann. Dank der hyperaktiven und in alle Richtungen ausschwärmenden Kommentatoren von PI scheint an vielen Orten im Internet eine sachliche Diskussion über Themen wie den Islam, Ausländerfeindlichkeit oder Ausländerkriminalität kaum noch möglich.

Sowohl Irrsinniges als auch Relevantes findet sich in den Blogs, und gute Journalisten werden sich in Zukunft dadurch auszeichnen, dass sie auf der Grundlage fundierten Fachwissens und journalistischer Techniken nur das Behaltenswerte an ihre Leser weitergeben. Dass man sich auch aus Quellen wie Blogs informiert, wird selbstverständlich sein.

Viele Argumente gegen die neuen Publikationsformen im Netz beruhen auf der Annahme, dass sich in dem ganzen Gewusel gute Informationen überhaupt nicht durchsetzen können. Doch darin steckt eine Geringschätzung des Publikums. Einiges spricht dafür, dass die Menschen Qualität als solche durchaus erkennen können. Das mag bei einer wachsenden Auswahl schwierig erscheinen – bei fehlender Auswahl war es das aber umso mehr. Und all den Schlamm, in dem die Trüffel stecken, werden wir lernen zu ignorieren. Anders als jede Maschine ist der Mensch in der Lage, in einer vollen Kneipe mit Hintergrundmusik Gespräche mit einem einzelnen Gegenüber zu führen, der auch nicht lauter spricht als alle anderen. Und unser Gehirn kann aus dem unglaublichen Getöse die relevanten Geräusche herausfiltern.

Dieses Kunststück wird uns mit etwas Übung im Internet auch gelingen.

Stefan Niggemeier, 38, ist freier Medienjournalist, Gründer von BILDblog.de und bloggt auch unter stefan-niggemeier.de

Linksammlung

www.stefan-niggemeier.de/blog
Munter diskutierter Blog des Medienjournalisten Stefan Niggemeier

www.lawblog.de
Fleißig kommentierter Blog des Düsseldorfer Rechtsanwalts Udo Vetter