Viele Merkwürdigkeiten des Internets sind schon, oft noch vor ihrem massenhaften Auftreten, ausführlich gedeutet worden: die Möglichkeit, Texte mit Verweisen zu versehen, neudeutsch: zu verlinken; das herrische Auftreten von Privatkommentatoren, Blogger genannt; die unbeschränkte Möglichkeit der Nutzer, ihrerseits zurückzukommentieren, die den klassischen Frontaljournalismus der Druckmedien aufbricht; die Verführung zu einem hemmungslosen Exhibitionismus, der das Privateste der Öffentlichkeit zum Fraße vorwirft; und vieles andere mehr. Nicht alle Thesen, die sich daran knüpften, haben ihre Plausibilität behalten. Die Hypertext-Theorie beispielsweise, die auf der Möglichkeit der Verlinkung beruhte, hat schwer an Attraktivität eingebüßt, und auch von einer neuartig egalitären Diskussionskultur, die dem Ideal des herrschaftsfreien Diskurses nahekommt, ist nicht mehr so begeistert die Rede, seitdem viele Foren des Austausches von den ökonomischen Interessen der Anbieter manipuliert werden.

Stattdessen hat sich ein anderes Phänomen gezeigt, das noch kaum annähernd begriffen ist: die von allen sozialen und intellektuellen Zugangsschranken befreite Öffentlichkeit. Im Internet ist allen alles jederzeit zugänglich. Das ist im Prinzip auch mit den Druckerzeugnissen nicht anders, die in einem Kiosk ausliegen; jedoch muss man sie kaufen, und diese kleine finanzielle Zumutung ist offenbar eine zuverlässige Sperre, sich von dem fernzuhalten, was einen nichts angeht. Die Anglerzeitschrift bleibt so vor dem Hass der Tierschützer bewahrt, das Waffenjournal vor den radikalen Pazifisten, die schwul-lesbische Postille vor frömmelnden Katholiken, die katholische Wochenschrift vor eifernden Atheisten und das intellektuelle Monatsmagazin vor den kulturellen Analphabeten.

Das ist ein bedeutender Umstand. Der publizistische Frieden bleibt bewahrt durch die Segmentierung des Publikums. Man stelle sich vor, der hochspezialisierte Journalist, der sein Leben dem Fliegenfischen geweiht hat, müsste sich von morgens bis abends mit rabiaten Angelfeinden auseinandersetzen. Oder der Professor, der geduldig tüddelnd an feinen und feinsten Unterschieden der antiken Textexegese arbeitet, müsste sich vorwerfen lassen, die Sprache des einfachen Volkes nicht mehr zu gebrauchen. Oder der Herausgeber einer Zeitschrift zur Völkerverständigung müsste sich vor Skinheads rechtfertigen, die den Kampf gegen Überfremdung führen.

Nun, das alles kann man sich nicht vorstellen. Niemand kann zum Beispiel seiner publizistischen Arbeit nachgehen, wenn er sich auch vor denen behaupten muss, die schon die Voraussetzungen dieser Arbeit ablehnen. Und doch ist dies der Alltag der Internetkommunikation. Natürlich ist auch das Netz vielfältig segmentiert; nirgendwo können so schön und unzensiert und mit kleinstem finanziellen Einsatz die Special Interest Groups ins Kraut schießen und ihre Liebhabereien pflegen. Aber sie haben keine Garantie, unter sich zu bleiben. Ein missgünstiger Besucher genügt, um die friedfertigsten Sondertümler einem eskalierenden Hass auszusetzen. Er muss nur von einer Seite oder einem Kommentar einen Link legen, und schon kann er Gesinnungsgenossen auf das loshetzen, was seinem Weltbild widerspricht.

Dies ist keine theoretische Fantasie, sondern das alltägliche Grauen des Netzes. Die Hassexplosionen beschränken sich auch keineswegs auf die Gegenstände. Sie knüpfen sich oft schon an den Auftritt (zum Beispiel: elitär), die Sprache (Ironie wird missverstanden), wenn nicht den persönlichen Habitus (arrogant oder schlampig oder was auch immer). Gerade die Tendenz des Netzes, Persönliches zu zeigen oder sogar zu dramatisieren, befriedigt nicht nur einen Wunsch nach Authentizität oder Glaubwürdigkeit, sondern erlaubt auch eine Zensur der ganzen Persönlichkeit. Wer sich als Individuum inszeniert, kann auch als Individuum hingerichtet werden.

Der individuellen Neigung, sich mit Provokationen im Netz Aufmerksamkeit zu verschaffen, entspricht die kollektive Neigung, darauf mit einem Scherbengericht zu antworten. Ähnlich wie die Bürger des antiken Athens dazu neigten, allzu profilierte Persönlichkeiten in die Verbannung zu zwingen, so versuchen auch die organisierten Kollektive im Netz, sich ihre Gegner plebiszitär vom Halse zu schaffen.

Das Internet erlaubt und organisiert einen nie gekannten Pluralismus der Meinungen und Interessen, es hat aber nicht die Toleranz, nicht einmal die Gleichgültigkeit gelernt, mit der die traditionellen Öffentlichkeiten liberaler Gesellschaften mit Außenseiterpositionen umgehen. Es ist keine seltene Erfahrung, dass missliebige Äußerungen im Netz mit realen Morddrohungen beantwortet werden. Das Internet als virtuellen Raum zu denken war nichts als ein Irrtum, der durch die Möglichkeit zu Maskeraden, zu Schein- und Tarnidentitäten inspiriert wurde. Identifizierbare Personen werden auch außerhalb des Netzes identifiziert und verfolgt.