Der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad steht nicht im Verdacht, ein besonders moderner Politiker zu sein. Und doch: Er bloggt. 15 Minuten die Woche widmet er seinem Blog Mahmud Ahmadineschad’s Personal Memos. Das hat er jedenfalls seinen Lesern versprochen. Allerdings gelingt es dem Präsidenten nicht immer, seine Versprechen einzuhalten. Er schreibt: »Es ist ein paar Monate her, seit ich den letzten Eintrag in meinem Blog verfasst habe!« Als guter Politiker macht er aus diesem Versäumnis eine Tugend: »Das bedeutet aber nicht, dass ich mein Versprechen nicht wahr gemacht habe. Ich habe die Zeit damit verbracht, die zahlreichen Nachrichten, die mir geschickt wurden, zu lesen!«

Wenn Ahmadineschad daneben auch noch Zeit findet, durch das Universum iranischer Blogs zu surfen, dürfte ihn das Grauen packen – so direkt, respektlos und unverblümt wird dort mit den Autoritäten der Islamischen Republik verfahren. Ein Blogger etwa richtet einen Brief an Ali Chamenei, den obersten Religionsführer des Landes: »Eure Heiligkeit, waren Sie jemals verliebt? Haben Sie jemals verträumt in das tiefe Rot des Weines geblickt, während ihre Küsse noch auf Ihren Augenlidern brannten? Haben Sie schon einmal getanzt?« Ein anderer Blogger ergänzt: »Der größte Segen, den die Islamische Republik uns gebracht hat, ist, dass uns heute überhaupt nichts mehr heilig ist!«

Die Iraner gehören weltweit zu den eifrigsten Nutzern des Internets. Sieben Millionen surfen regelmäßig, es gibt rund 80.000 private Internetseiten. In Teheran allein soll es an die 5000 Internetcafés geben. »Farsi ist heute die vierthäufigste Sprache, in der Internettagebücher geschrieben werden«, schreibt Nasrin Alavi, Autorin von Wir sind der Iran.

Ihr Buch vermittelt ein Bild, das mit dem des offiziellen Irans nicht übereinstimmt. Im Netz gibt es keine Tabus. Es wird über alles geredet, was sonst in der Iranischen Republik gerne verschwiegen wird. Die Blogger diskutieren über Drogen und Sex, über die Mullahs und ihre Machtgier, über Krieg, Folter und Gefängnis, über Religion und ihre Sittenwächter. Die Szene ist wild, rebellisch, bunt und vor allem getragen von einer brennenden Sehnsucht nach Freiheit: »Eines Tages wird es keine Zensoren mehr geben. Dann werden du und ich mit einer Flasche Champagner durch die Straßen schlendern!« Wenn Iran einmal eine demokratische Revolution auf der Straße erleben sollte, dann wurde sie im Netz bereits vorweggenommen.

In Iran wie in kaum einem anderen Land lässt sich erkennen, wie sehr das Leben im Netz in einem direkten Zusammenhang mit Repression im realen Leben stehen kann. 1997, als der Reformer Mohammed Chatami zum Präsidenten gewählt wurde, erlebte die liberale Presse im Land eine Blütezeit. Die Zensur wurde gelockert, und dementsprechend frei dufte man in Zeitungen und Zeitschriften diskutieren. Vom Jahr 2000 an war es damit wieder vorbei. Die konservativen Behörden gingen mit großer Härte gegen liberale Medien vor. Innerhalb von nur zwei Jahren wurden mehr als hundert Zeitungen und Zeitschriften verboten, viele Journalisten wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Damals wichen die kritischen Geister des Landes ins Internet aus. Viele namhafte Journalisten veröffentlichten dort Nachrichten, Kommentare und Analysen. Ihnen folgten politische Gruppen und regierungsunabhängige Organisationen. Innerhalb kurzer Zeit entstand eine richtiggehende Gegenöffentlichkeit. Wie leidenschaftlich dort über politische Themen diskutiert wird, kann man etwa auf http://peaceiran.blogspot.com lesen. Und weil er die massenhafte Bewegung im Netz ohnehin nicht unterbinden konnte, ließ sich auch Präsident Ahmadineschad, kaum ins Amt gewählt, einen Blog bauen, um eigene Präsenz zu zeigen.

Es dauerte allerdings nicht lange, und das Regime schlug auch hier zu. Im April 2003 verhaftete die Polizei den Onlinejournalisten Sina Motallebi, der ein kritisches und sehr populäres Weblog unterhalten hatte. Motallebi war weltweit der erste Journalist, der wegen seiner Aktivitäten im Netz verurteilt wurde. Viele weitere Blogger und Onlinejournalisten folgten Motallebi ins Gefängnis.