Die Lentnersche Buchhandlung in München, gegründet 1698, ist einer der ältesten Buchläden Deutschlands. Seit Kriegsende findet sich das Stammhaus im Erdgeschoss des Münchner Rathauses am Marienplatz. Die Ladeneinrichtung hatte ein Schreiner noch aus Abbruchholz der zerstörten Frauenkirche gefertigt. »Da wird nix renoviert«, sagt Inhaber Thomas Felber. »Das mögen die Leute.« Der Laden mit seinen 45 Quadratmetern wirkt gemütlich und übersichtlich. »Bei uns gibt es keine Massenabfertigung oder hilflose Kunden vor riesigen Bücherstapeln wie in den Buchkaufhäusern.«

Gleich gegenüber betreibt die Firma Hugendubel solch ein »Buchkaufhaus«. Wenn sich die Touristen zur Mittagsstunde das Glockenspiel auf dem Rathausturm ansehen, ist vor dem Eingang oft kein Durchkommen mehr. Die sechs Stockwerke der größten deutschen Hugendubel-Filiale bieten 120.000 Titel. Gegen diese Konkurrenz des großen Filialisten muss ein kleiner Buchhändler wie Felber ankommen. Und beide gegen die Leute von Amazon.

Der weltgrößte Onlinebuchhändler sitzt zufällig auch in München. Nicht so zentral wie Lentner oder Hugendubel, sondern etwas abgelegen im wenig repräsentativen Münchner Norden. Die Deutschlandzentrale von Amazon ist ein dunkelrot gestrichener 08/15-Bürokasten. Aber auf Laufkundschaft ist Amazon ja nicht angewiesen.

Der deutsche Ableger des US-Unternehmens hat 1998 damit begonnen, Bücher übers Internet zu verkaufen. Mittlerweile hat sich Amazon.de zu einem der größten Buchhändler der Republik gemausert. Genauere Zahlen sind der sphinxhaften Pressesprecherin nicht zu entlocken. Nach einer Schätzung des Branchenmagazins Buchreport könnte Amazon Deutschland 2007 an der Umsatzmarke von einer Milliarde Euro gekratzt haben. Allerdings nicht nur mit Büchern. Bloß etwa 60 Prozent des Umsatzes sollen auf »Medienartikel« entfallen, wozu auch CDs und DVDs gehören. Die Onlinekonkurrenz folgt mit großem Abstand: Die Internetshops der Augsburger Weltbild-Gruppe setzten 198 Millionen, die buch.de-Internetstores 65 Millionen Euro um.

Pessimisten hatten dem klassischen Buchladen schon lange das Totenglöcklein geläutet. Dem Internet, hieß es, gehöre die Zukunft. Kann Bücherkaufen schöner sein als im Internet? Wo die Kunden daheim bequem am Computer sitzen, sich per Suchmaschine durch das fast unübersehbare Angebot klicken, Kundenrezensionen lesen und mit Kreditkarte zahlen. Die bestellten Titel liefert der Paketdienst ins Haus. Dank ausgefeilter Suchtechnik hat ein Kunde des florierenden Versandhauses Amazon bei den meisten Büchern noch die Wahl zwischen neu und gebraucht, oft mit beachtlichen Preisunterschieden. Nicht selten tauchen im Internet neuwertige Bücher zu Preisen des Modernen Antiquariats auf, und Kritiker warnen bereits, dass durch diese Praxis die gesetzliche Buchpreisbindung ausgehöhlt werden könne.

Doch überraschenderweise wurde das Netz in der Bücherbranche nicht zum rabiaten Jobkiller. Laut einer Statistik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels haben zwar seit 1999 knapp 800 von rund 4850 Buchläden geschlossen. Und etwa im gleichen Zeitraum stieg der Umsatz des deutschen Internetbuchhandels von 30 Millionen Euro (1998) auf geschätzte 700 Millionen Euro (2006). Doch in Summe ist der Anteil des Webs am Gesamtumsatz der Buchbranche von 9,23 Milliarden Euro nach wie vor eher bescheiden – 2006 lag er bei acht Prozent.

Nicht das große Buchladen-Sterben also, stattdessen ein »moderater Rückgang«, so der Börsenverein. Dank der Buchpreisbindung verlaufe der Konzentrationsprozess hierzulande deutlich weniger markant als etwa in Italien oder England, wo Onlinehändler wie Amazon ungleich billiger anbieten können. Dazu kommt, dass die Buchläden, je nach Größe und Ausrichtung, unterschiedliche Strategien entwickelt haben, mit der Onlinekonkurrenz umzugehen.