Aus meinem ersten Lebensjahr gibt es etwa zehn Fotos von mir. In den Jahren danach sieht es teilweise dünner aus, vor allem Pubertät und Studienzeit sind bis auf ein paar Urlaubsbilder kaum fotografisch dokumentiert. Man hatte andere Sorgen, als die banalen Eindrücke des Alltags für die Ewigkeit festzuhalten.

Und heute? Aus dem Jahr 2003 habe ich 862 Bilder. 2007 waren es bereits 1486. Tendenz steigend. Der Grund ist, dass die Digitalfotografie das Knipsen und Speichern so billig und einfach gemacht hat. Man kommt ja kaum noch dazu, die Schnappschüsse zu sichten und schlechte Bilder auszusortieren. Abzüge macht man nur von jedem zehnten Foto, bestenfalls. Aber alles wird gespeichert.

Der Festplattenhersteller Western Digital hat eine Umfrage gemacht: Im Durchschnitt hat heute jeder deutsche Computernutzer über 2100 Fotos auf seinem Computer, dazu 1700 Songs und 137 Videos. Während für uns ein einzelnes Foto von Opa aus dem Krieg eine wertvolle Rarität ist, ist es durchaus fraglich, ob sich unsere Nachkommen den bis dahin aufgelaufenen geerbten Pixelmüll jemals ansehen werden.

Die Sammelwut hat eine weitere Folge: Der Datensammler leidet ständig unter Platznot. Obwohl die Kapazität einer Standardfestplatte sich alle zwei Jahre verdoppelt, wird dieser Zugewinn gleich wieder zunichtegemacht: Die Bilddateien der neuen Kamera sind aufgrund der vielen Megapixel doppelt so groß wie die alten, und gespeicherte Videos lassen den Plattenplatz schmelzen wie Schnee in der Sonne. An der schönen großen Platte eines neuen Notebooks kann man sich gerade ein paar Monate freuen – dann ist sie schon wieder voll. Jetzt gibt es Terabyte-Platten. Sie sehen wie ein Buch aus und kosten weniger als 200 Euro. Ein Terabyte, das entspricht etwa 1000 Kinofilmen oder 500.000 Fotos!

Aber bleibt das alles wirklich erhalten? Computerfestplatten haben die Neigung, abzustürzen, im Schnitt alle zehn Jahre, und die Daten unrettbar mit sich in den Abgrund zu ziehen. Wer dann kein Backup gemacht hat, der hat einen blinden Fleck im digitalen Lebensarchiv. Das Video der eigenen Hochzeit ist dann so unwiederbringlich verloren wie die Babyfotos vom Nachwuchs. Vier von zehn Nutzern haben schon einmal einen solchen Plattencrash erlebt, und die Betroffenen fühlen sich oftmals, als habe eine unbekannte Macht ein paar ihrer Lebensjahre ausradiert, denn die Kultur der Sicherheitskopie hat sich noch nicht wirklich durchgesetzt. Auch nicht bei mir.

Und beim wilden Knipsen überlege ich bisweilen, ob ich meinen Enkeln damit nicht eher einen Gefallen tue.