Internet-Handel Handgestrickt
Schmuck, Seife, Töpferwaren: Etsy.com ist ein schnell wachsender Marktplatz für globale Kunsthandwerker, die von ihrer Arbeit leben wollen
Chanel Kennebrew sitzt an ihrer Nähmaschine in einem Loft im Industriegebiet von Red Hook. Ihre Dreadlocks hat sie hochgesteckt, und aus dem Fenster sieht sie groß die Freiheitsstatue von New York. Chanel Kennebrew ist 25, Grafikdesignerin und bislang mit ihren bedruckten T-Shirts und selbst genähten Kapuzenjacken von Markt zu Markt gezogen. Für die Miete eines eigenen Ladens hat die Näherei nie gereicht. Bis vor einem Jahr. Damals fand Chanel Etsy im Internet, Etsy.com , die Website nur für Handgemachtes.
Wenn eBay der Flohmarkt des Internets ist, dann ist Etsy sein Markt für Kunsthandwerk. Hier wird allerdings nicht gefeilscht, die Verkäufer geben einen festen Preis für ihre Waren an. Jeder Verkäufer hat ein eigenes Schaufenster, das heißt eine Seite, auf die er Fotos seiner Produkte stellt, und ein persönliches Profil, in dem er etwas über sich und sein Handwerk schreibt. Schmuck, Seife, Töpferwaren, Möbel und Spielsachen – alles gibt es hier. Hauptsache, selbst gemacht.
Chanels Laden heißt Junkprints und ist einer von 100.000 virtuellen Läden auf Etsy. Das Portal gibt es erst seit zweieinhalb Jahren, mittlerweile hat es jedoch schon eine Million registrierte Benutzer. Die kauften bisher Handgemachtes im Wert von 43,5 Millionen Dollar.
Der Firmensitz von Etsy befindet sich im obersten Stockwerk eines alten Fabrikgebäudes am Ende der Manhattan Bridge in Brooklyn. 60 Leute arbeiten hier, und wie bei jedem Internet-Startup sieht es auch hier aus wie in einem Studentenwohnheim: Im Flur stehen Kisten und Regale, daneben eine zwei Meter große Eule aus Pappe. In der Küche bereitet sich der ehemalige Musiker Matt, der jetzt für Etsy die Öffentlichkeitsarbeit macht, einen Cappuccino zu. Nebenan erhalten gerade die neuen Kollegen für den Kundendienst eine Schulung. Ein paar Türen weiter arbeiten die Programmierer, in einer Ecke ist, fast wie ein Kassenhäuschen, ein Kasten mit Fenster abgeteilt. Darin sitzt Sarah, die Etsy-Anwältin, und beantwortet onlinerechtliche Fragen der Kunsthandwerker: Wie viel Blei darf im Schmuck sein? Muss ich selbst gemachte Marmelade auch selbst einkochen, damit ich sie auf Etsy verkaufen kann? Darf ich Selbstgeschneidertes verkaufen, für das ich ein gekauftes Schnittmuster benutzt habe?
Es rumpelt im Fahrstuhl nebenan, Robert Kalin hat es durch den Berufsverkehr geschafft. Seine Wangen sind von der Anstrengung noch ganz rosa, die roten Locken sind kurz geschnitten, und wie er da so in seinem Büro steht, sieht er aus wie Prinz Harry. Um den Hals baumelt ihm ein Etsy-Schal. Der 28-Jährige ehemalige Philosophiestudent kam auf die Idee für Etsy, nachdem er der Ehefrau seines Englischprofessors geholfen hatte, ihre Website neu zu designen. Auf der Seite hatte sich ein Forum für Handarbeitsinteressierte gegründet. Die Gemeinde war erstaunlich groß, und alle hatten ein Problem: Viele hatten zwar eine Website im Internet, auf der sie ihre Sachen anboten, aber kaum einer verkaufte etwas, denn niemand fand ihre Seiten. Warum also nicht, dachte Kalin, einen Onlinemarktplatz nur für Selbstgemachtes gründen? Gemeinsam mit zwei Studenten, die Ahnung vom Programmieren hatten, entwickelte Kalin ein Konzept. Ein Bekannter investierte 50.000 Dollar in die Idee, und sein Opa, ein ehemaliger IBM-Programmierer, beriet bei geschäftlichen Fragen.
30 Millionen hat Etsy bislang von Investoren gesammelt. Miete, Computer, Serverspeicherplatz, Mitarbeiter, Software, all das kostet. Das meiste Geld kam im Januar, nachdem der Umsatz von Etsy von 3,8 Millionen im Jahr 2006 auf 26,5 Millionen im Jahr 2007 explodiert war. Das sind nicht die Zahlen von eBay, wo das Betriebseinkommen bei 7,7 Milliarden Dollar liegt. Noch nicht, sagt Prinz Harry. Am Ende des Jahres hofft er auf den Break-even.
Einen Teil des Erfolgs von Etsy macht aus, dass die Geschäftsidee so gut zu den unterschiedlichen Lebenssituationen der Kunsthandwerker passt.
Ryan McAbery ist 34 Jahre und lebt mit ihrem kleinen Sohn Miles in Portland, Oregon. Seit knapp zwei Jahren verkauft sie selbst gemachten Schmuck und Notizbücher auf Etsy. Ihr Onlineladen heißt littleputbooks und läuft so gut, dass sie und Miles mittlerweile ganz davon leben können: Ryan McAbery kann 24 Stunden am Tag verkaufen, auf Etsy regnet es nicht, und die Kundschaft kommt nicht nur aus Portland, sondern aus der ganzen Welt. Es haben sogar schon Großhändler bei ihr bestellt, aus den Niederlanden, Australien, Belgien und Kanada. In solchen Zeiten stellt Ryan zwei Aushilfen ein, die ihre Pakete zur Post bringen, damit sie ungestört weiterarbeiten kann.
Etsy finanziert sich durch eine Kommission von 3,5 Prozent, die es auf jeden Verkauf nimmt, sowie 20 Cent für jedes Angebot, das ein Verkäufer in sein Schaufenster stellt. Außerdem kann man für sieben Dollar ein Produkt einen Tag lang auf der Startseite von Etsy bewerben. Kommerzielle Werbung gibt es keine, aber Kalin denkt schon darüber nach. Werbung für Nähmaschinen, Papier oder Stoff kann er sich vorstellen. Eine Werbung von H&M neben einem selbst gemachten TShirt, das würde die Gemeinde tief in ihr Handarbeitsherz treffen, und auf die Gemeinschaft legt Kalin großen Wert. Sie ist sein Kapital.
Kalin setzt sich wieder auf sein Fahrrad. Er will nach Red Hook, in das Loft, in dem Chanel Kennebrew ihre Kapuzenjacken näht. Sechs Etsy-Künstler arbeiten zurzeit dort und teilen sich Nähmaschine, Druckmaschine und den Paketeabholdienst. Das war Kalins Idee. Sein Traum ist es, überall in der Welt solche Etsy-Coops zu haben, Zusammenschlüsse von Künstlern, damit immer mehr von ihrer Handarbeit auch leben können. Und wie alle seine Ideen konnte Kalin auch diese erfolgreich bewerben: Das Loft wurde Etsy von einem reichen Unterstützer kostenlos zur Verfügung gestellt.
Linksammlung
www.etsy.com/shop.php?user_id=5170554
Frau Kennebrews virtueller Laden mit exquisit abgefahrenen T-Shirts
www.treehugger.com
Videointerview mit Robert Kalin, Etsy.com-Gründer und CEO
- Datum 11.05.2008 - 08:23 Uhr
- Serie Internet-Spezial
- Quelle DIE ZEIT, 08.05.2008 Nr. 20
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Ein GefälligkeitsArtikel, einseitig und zugunsten einer einzigen Firma (die hochgejubelt werden soll durch Vergleiche mit ebay ) !
zeigt mir doch wieder einmal, was mit unkonventioneller denke und auch praktischem startup möglich ist. gerne lese ich weitere berichte dieser art. sie heben sich auch wohltuend ab von dumpfbackenen arbeitsangeboten im netz, die etwa: "soundsoviel euro für das beantworten einer email" versprechen. hier kann man mitmachen, vorausgesetzt, man hat eine gute idee und den mut, diese auch im www umzusetzen.finde ich super
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