Internet Allein unter Usern Gesundheitsportale boomen. Die Tipps sind oft dubios

Gesundheitsportale boomen. Die Tipps sind oft dubios

Die 36-jährige Mutter zweier Kinder fühlt seit drei Wochen einen Knoten in der Brust. Sie glaubt, er werde größer. Soll sie eine Mammografie machen, fragt sie im Forum von DocInsider.de. Vielleicht hätte sie jetzt gern erfahren, dass sie sich keine Sorgen machen soll. Dass sie zu jung ist für ein Mammakarzinom und dass die Brustkrebserkrankung ihrer Mutter kein böses Omen sein muss. Den Gefallen tut ihr »theo65« nicht. »Angst ist ein schlechter Ratgeber«, schreibt er, selbst als Homöopath würde er eine Diagnostik »unbedingt empfehlen«. Auch drei weitere Nutzer raten unisono: Ab zum Onkel Doktor!

Das ist mal ein guter Rat – nach Meinung vieler Ärzte, die die ganze Online-Medizinberatung höchst skeptisch betrachten, könnte man ruhig jede Diskussion in den einschlägigen Foren so abkürzen. Und damit gleich überflüssig machen. Stattdessen wächst gerade die Zahl jener Portale im Netz, die sich nicht mit lexikalischen Krankheitsbildern oder Medikamenteninfos begnügen, sondern in Fragen der Gesundheit auf die erstaunlich selbstbewussten und vielfältigen Ansichten medizinischer Laien bauen. Weil Laienwissen den Besuch beim Mediziner aber doch nicht ganz ersetzt, haben findige Portalerfinder sich zum Schrecken der Ärzte auch noch die Arztbewertung einfallen lassen. Ob bei Helpster, Imedo oder DocInsider: Sternchen trennen jetzt die Spreu vom Weizen, verleihen darf sie – die Community.

Was sollen Nutzerratschläge und Sternverteilung bringen? Mehr »Menschlichkeit« und »Transparenz im Gesundheitsmarkt«, ein »besseres Leben« gar, so versprechen es die Betreiber der neuen Patientenportale. Die Realität fällt ernüchternd armselig aus. Nehmen wir die Frage der Besucherin »Ixion« auf der Website von Imedo (»Gemeinsam gesund«): »Deutet eine weiß belegte Zunge auf einen Vitaminmangel hin?« In zehn Antworten erfährt sie vielerlei über die möglichen Ursachen einer belegten Zunge, von einer Magenverstimmung über Scharlach bis hin zum obligatorischen Darmpilz. Auf ihre Frage aber gehen nur zwei Nutzer ein – klar, Vitaminmangel! Und dazu kriegt die Mangelkranke Links geliefert, zu Anbietern von Nahrungsergänzungsmitteln.

Ob es noch hilft, dass Nutzer »Strahlemann« im neunten Kommentar zum Arztbesuch rät? Wenn ja, steht Ixion womöglich vor ihrem nächsten Problem: auf Imedos Seite einen guten Arzt zu finden. Zwar spuckt die Suchmaschine schnell einen Internisten in der Nähe aus, der mit fünf von fünf Sternchen gekürt wurde. Wer sich durch die Informationen zum betreffenden Arzt klickt, erfährt allerdings: Die Sterne stammen aus einer einzigen Bewertung, und sie sagen auch nicht viel über die Kompetenz des Arztes – denn Punkte gibt es nur in den Kategorien Terminvergabe, Pünktlichkeit, Zwischenmenschlichkeit und Mitarbeiter. Ob der Herr Doktor auch den Zungenbelag gut behandeln wird, bleibt offen, und das soll sogar so sein: Auf Nachfrage bei Imedo heißt es, dass der Laie doch zu wenig wisse, um die fachlichen Fähigkeiten eines Mediziners zu bewerten.

Selbst Expertenrat, wie ihn das etablierte Portal Lifeline anbietet, kann dubios sein – auf der Spezialseite zur Hormonersatztherapie ist kein Hinweis auf die gut belegten Risiken der Wechseljahrsbehandlung zu finden. Zweifel vonseiten der Nutzerinnen wischt der einzige beratende Frauenmediziner skrupellos beiseite. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren; eine direkte Verbindung zur Pharmaindustrie ist nirgends ersichtlich. Dabei ist weder das Internet noch die Idee des freien Meinungsaustauschs schuld am miesen Image der Netzgesundheit. Es sind die schlechten Konzepte, die den meisten Portalen zugrunde liegen. Und das Personal: Die Beiträge werden nicht fachlich moderiert, die Informationen nicht überprüft, die Bewertungskriterien nicht überdacht, die Zielgruppe wird nicht eingegrenzt.

Mit etwas mehr Aufwand ginge es auch anders. Patientenportale wie das amerikanische PatientsLikeMe bieten kranken Menschen zum Beispiel eine gute Hilfestellung: Die Betroffenen können ihre Erfahrungen hier mit Hunderten oder Tausenden von Leidensgenossen teilen, Konkretes über Therapieformen und Medikamente erfahren und ihrem Arzt zumindest besser informiert entgegentreten. Seit Jahren bietet zudem die National Library of Medicine einen Service für alle Bürger an, der im deutschsprachigen Netz seinesgleichen sucht: MedlinePlus, ein Portal mit aktuellen und wissenschaftlich geprüften Informationen zu allen Themen der Gesundheitsvorsorge und Medizin.

In Deutschland wird an vergleichbaren Angeboten immerhin gebastelt, so baut das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen unter Gesundheitsinformation.de gerade ein umfassendes Portal mit zuverlässigen Informationen auf. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung arbeitet an einem Kriterienkatalog für die Arztbewertung.

Der beste Rat für Ratsuchende wird dennoch der alte bleiben: Besuche den Doktor persönlich. Den richtigen zu ermitteln mag mühevoll erscheinen, aber wer einmal einen Arzt gefunden hat, dem er vertraut, ist eben kein gesichtsloser User mehr. Und vielleicht muss er dann gar nicht mehr für jedes Wehwehchen das Haus verlassen: Aufgeschlossene Mediziner bieten ihre Hilfe längst auch per E-Mail an, wenn es nach einer Diagnose noch Probleme gibt oder während eines Urlaubs unerwartete gesundheitliche Komplikationen auftauchen. Kein visionäres oder revolutionäres Prinzip, aber ein zuverlässiges.

Linksammlung

www.lifeline.de
www.helpster.de
www.imedo.de
Bunte deutschsprachige Gesundheitsportale, mit Foren bzw. Communities

www.gesundheitsinformation.de Informationen über den »Stand des medizinischen Wissens«

www.nlm.nih.gov/medlineplus Gesundheitsinformationen der amerikanischen Gesundheitsbibliothek und der Nationalinstitute für Gesundheit

Warum ist meine Zunge belegt? Scharlach! Magen! Darmpilz! Vitaminmangel! Oder etwa ein Fall für den Doktor?

 
Leser-Kommentare
  1. Kathrin Zinkant stimme ich durchaus zu, wenn es darum geht, etwaige "eigennützige" Interessen der Gesundheitsportale im Auge zu behalten. Auch Ratschläge in Foren, übereifrige "Naturheilmittelempfehler" usw...all das sollte immer auch skeptisch betrachtet werden.Andersherum muss man fragen, was den Nährboden für die bunte Vielfalt der Portale liefert....und das sind dann Krankengeschichten, welche Ärzte erst so richtig in Gang gebracht haben.....Der Spruch: fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker sollte nämlich auch mit Vorsicht beherzigt werden....Wer selbst pfuschende und/oder hilflose Ärzte erlebt hat, wird vorsichtig. Sinnlose Krebstherapien oder sinnlose Polypenentfernungen, welche nur in seltenen Fällen wirklich angebracht sind, sind einige wenige Beispiele.Wer sich im www über Gesundheit informieren möchte, sollte daher möglichst "breit" recherchieren. Ich hatte eine Anfrage bzgl. Polypenentfernung und habe nach einer ausführlichen eigenen Recherche (Buch+www) dazu einen Beitrag geschrieben (Das ewige Leid mit den Polypen) Zwar wurden die dortigen Ergebnisse nicht von HNO-Ärzten bestätigt, dafür von anderen Ärzten im Bekanntenkreis um so mehr. (Aussage:An irgendwas müssen HNO's herumschnippeln ;-)).In der Medizin ist es, wie in jeder anderen Wissenschaft: allzu "überzeugte" Therapieratschläge sind nicht immer die Besten.....Denn nicht jeder Mediziner verfügt über gleich viel "medizinisches Wissen" und vieles in der Medizin ist leider noch unerforscht.....

  2. Wie sagt ein erfolgreicher Agenturchef doch immer:"Der Segen des Internets: Jeder kann alles publizieren - das Fatale: Fast alle tun's auch!"Es gibt ja seit langem die Diskussion um Qualitätsstandards, gerade bei Gesundheitsinformationen. So wurde z.b. vor Jahren unter Mithilfe des BMG afgis gegründet - www.afgis.de - mit der Maßgabe, Seiten und Anbieter zu zertifizieren. Leider ist diese Initiative etwas ins Stocken geraten. Dann gibt es noch den HON-Code.Und nicht zu vergessen, die vielen Seiten, die sich schon seit Jahren dem Selbsthilfgedanken verschrieben haben - beim Thema Diabetes z.B. www.diabsite.de und DIABETESGATE. Um nur einige positive Beispile zu nennen...

    • QUOTE
    • 14.05.2008 um 13:42 Uhr

    "Dieser Bericht wurde Ihnen präsentiert von den Kassenärztlichen Vereinigungen und Bitburger!"

    • QUOTE
    • 14.05.2008 um 15:06 Uhr

    ...ich tret normalerweise nicht nach...aber ich WUSSTE daß ich den Namen Zinkant irgendwann schon mal gelesen hatte."Kathrin Zinkant kam
    1974 als drittes Kind eines Arztes zur Welt, der wiederum der älteste
    Sohn eine Arztes
    war und zwei Brüder hatte, die - na, was wohl waren?
    Ärzte."http://blog.zeit.de/diagn...

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  • Serie Internet-Spezial
  • Quelle DIE ZEIT, 08.05.2008 Nr. 20
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