Verbraucher Gute Konsumenten
Grün und fair einkaufen – das Internet bietet die Möglichkeit, mit ruhigem Gewissen zu genießen und bei Bedarf dem Kapital auf die Finger zu klopfen.
Schreiben Sie eine E-Mail an den Bürgermeister der Stadt Shenzhen! Suchen Sie im nächstgelegenen Baumarkt nach Tropenholz, und tragen Sie Ihre Funde in die Onlinedatenbank von Greenpeace ein! Protestieren Sie gegen die Arbeitsbedingungen in den indischen Textilfabriken, direkt vor Textilläden mit der Marke GStar!
Wer sich als politischer Konsument ins Internet begibt, braucht sich über mangelnde Angebote zur Partizipation nicht zu beklagen. Es war der Soziologe Ulrich Beck, der den Begriff des »politischen Konsumenten« als Gegenmacht der globalen Zivilgesellschaft in die deutsche Debatte eingeführt hat. Allerdings als eine »bislang kaum entfaltete Gegenmacht«, meinte Beck.
In den letzten Jahren hat diese Gegenmacht mit ihrer Entfaltung begonnen – im Internet. So bestellte im Januar 2001 der amerikanische Student Jonah Peretti beim Sportartikelhersteller Nike online Schuhe mit persönlichem Schriftzug. Er wählte das Wort sweatshop, um Nike zu ärgern. Und bekam eine automatisch generierte Antwort: »Ihr Wunsch wurde abgelehnt.« Es sei entweder eine Urheberrechtsverletzung, ein Schimpfwort oder unangemessener Slang. Peretti schrieb zurück, das alles sei das Wort sweatshop nicht, Nike widersprach, Peretti wiederholte seinen Wunsch, Nike schlug vor: »Wenn Sie Ihr Produkt mit einer neuen Personalisierung noch einmal bestellen möchten, besuchen Sie uns doch wieder auf www.nike.com .« Das war ein Fehler.
Peretti nämlich schickte den Mail-Wechsel an ein paar Freunde. Die schickten die Mail ihrerseits an Freunde. In den folgenden Wochen breitet sich Perettis Nike -sweatshop- Mail-Wechsel auf der ganzen Welt aus. Vermutlich über elf Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben gelesen, wie hilflos oder ignorant Nike mit Kritik an seinen Produktionsbedingungen und Sozialstandards umgeht. Peretti erhielt über 3.600 Mails mit Nachfragen, Ermutigungen und Beschimpfungen. Die NBC Today Show lud ihn ein, Zeitungen baten um Interviews. Und in jedem dieser Texte standen die Wörter Nike und sweatshop in engem Zusammenhang. Der Weltkonzern war blamiert – durch ein paar E-Mails eines unbekannten Studenten.
Das Internet ist nicht nur eine gigantische Informationsverteilmaschine, es erleichtert auch die direkte Intervention. Das Schreiben von Protest-E-Mails gehört heute zum Handwerkszeug der meisten Aktivisten. So hatte die Kampagne für Saubere Kleidung vor einigen Monaten ihre Mitglieder per E-Mail über Gewaltattacken gegen ein Zentrum für Wanderarbeiter in Shenzhen informiert. Die Arbeiter können sich dort über das neue Arbeitsvertragsrecht informieren, das ihnen mehr Rechte gegenüber ihren Chefs zusichert. Viele Unternehmer lehnen das Gesetz ab, sodass die Aktivisten glauben, die Überfälle seien politisch motiviert. Sie riefen zu einer Protest-Mail-Aktion auf. In zwei Wochen erreichten über dreihundert E-Mails die Behörden der Stadt Shenzhen und des Distrikts Xicheng.
Eine öffentliche Verurteilung des Überfalls haben sie damit nicht erreicht. Dennoch wirken solche Aktionen: Sie zeigen den Unternehmen, dass sich das Verantwortungsgefühl der Konsumenten ebenso globalisiert hat wie ihre Produktionslinien. Global citizenship nennen das die Politikwissenschaftler. »Wir haben 2005 systematisch mit solchen Eilaktionen begonnen«, sagt Evelyn Bahn vom entwicklungspolitischen Netzwerk Inkota, einer der Trägerorganisationen der Kampagne. »Seitdem haben sich 2.300 Leute in diesen Verteiler eingetragen, viele leiten unsere Mails weiter. Das multipliziert sich im Internet sehr schnell.«
Auch wenn die Zahlen der politischen Aktivisten nicht beeindruckend sind, sie zeigen Wirkung. »Noch vor acht Jahren haben die Textilhersteller unsere Arbeit belächelt«, sagt Christiane Schnura von der Kampagne für Saubere Kleidung. »Das ist nun nicht mehr möglich. Sie wissen genau, dass jede Arbeitsrechtsverletzung in ihren Zulieferbetrieben, von der wir erfahren, ihr Image verletzen kann. Sie müssen mit uns in den öffentlichen Dialog treten.«
Im September 2004 etwa brachte die Kampagne ans Licht, dass ein Tchibo-Zulieferer, die Fabrik Basic Apparels in Bangladesch, 230 Arbeiterinnen entlassen hatte, weil sie Mitglied einer Gewerkschaft waren. Die Kampagne rief zum Protest, und mehr als 20.000 Konsumenten reagierten mit E-Mails und Protestpostkarten. Das brachte Tchibo schließlich dazu, Druck auf seinen Lieferanten auszuüben. Basic Apparels stellte die Entlassenen wieder ein oder entschädigte sie und kündigte an, künftig Gewerkschaftsmitgliedschaften erlauben zu wollen.
Das vier Jahre alte Politikforum Campact organisiert Protestaktionen zusammen mit Nichtregierungsorganisationen wie Attac, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland oder Transparency International. Campact hat über 50.000 registrierte Onlineaktivisten. 2006, als das Forum dazu aufrief, gegen die geplante Änderung des Gentechnikgesetzes zu protestieren und von Bundestagsabgeordneten eine gentechnikfreie Landwirtschaft zu fordern, machten mehr als 24.000 Menschen mit. Campact wertete die Aktion als Erfolg: Im neuen Gentechnikgesetz, im Januar 2008 verabschiedet, ist die strenge Haftungsregelung für kontaminierte Nachbarfelder nicht gestrichen.
Kritische Konsumenten wollen heute nicht mehr nur Verzicht predigen, sondern auch genießen. Man nennt sie Lohas – die Wortschöpfung steht für lifestyle of health and sustainability, gesunder und nachhaltiger Lebensstil. Lohas organisieren ihren »grünen Konsum« über das Internet, in Onlineportalen wie Ivyworld.de oder Utopia.de . Die kommen schick und bunt wie Frauenzeitschriften daher und stellen öko-faire Produkte vor. Utopia etwa ruft zur Aktion »Ökostrom jetzt« auf, an der sich der Schauspieler Axel Milberg und die Band Zweiraumwohnung beteiligen. Das Ziel: 10.000 Menschen zum Wechseln bewegen.
Die Portale für grünen Konsum stehen allerdings unter Kommerzialisierungsdruck: Utopia etwa finanziert sich durch Anzeigen und kann, wie andere Portale auch, nicht ausschließen, dass Unternehmenslobbyisten sich als private User registrieren lassen, um ihre eigenen Produkte schönzuschreiben.
Linksammlung:
Konsumenteninformation:
www.einkaufsnetz.org
Der ökologische Einkaufsführer von Greenpeace
www.label-online.de
Label-Datenbank der Verbraucher Initiative
www.ecotopten.de
Einkaufsführer des Öko-Instituts
Nichtregierungsorganisationen:
www.saubere-kleidung.de
Kampagne für faire Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie
www.makeitfair.org
Kampagne für faire Arbeitsbedingungen in der Elektronikindustrie
www.maketradefair.de
Kampagne der britischen Organisation Oxfam für fairen Handel
Grüner Lifestyle:
www.ivyworld.de
Lifestyle für eine bessere Welt
www.utopia.de
Das Internetportal für strategischen Konsum
www.lohas.de
Lifestyle of Health and Sustainability
- Datum 14.05.2008 - 07:20 Uhr
- Serie Internet-Spezial
- Quelle DIE ZEIT, 08.05.2008 Nr. 20
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In dem Artikel finde ich eine Reihe hervorragender und weiterführender Hinweise, wie man sich gegen weltweiten, zum Teil auch kriminellen Missbrauch von Menschenrechten stemmen kann. Im Beispiel wurde u. a . Nike genannt; nach Fersehberichten trifft es wohl Adidas und andere genau so. Auf diesem Wege lernen " Unternehmenslenker", deren einziges Credo die Rendite ist, dass mündige Bürger ihnen durchaus gleich gestellt sind und Verantwortung einfordern. Selbst im eigenen Land gibt es Protestmöglichkeiten genug, auch gegen Unternehmen, die ihre Mitarbeiter wie Sklaven behandeln. Wenn das Beispiel weiter Schule macht, werden Neo-Liberale, mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Und das ist Gut so ! Es ist zu empfehlen, dass sich möglichtst viele Tageszeitungen Protest -Aktionen anschliessen. Solitaire
Zu ergänzen wäre der Hinweis auf die nonprofit-Produktsuchmaschine ECOSHOPPER, die beim "homo oeconomicus" ansetzt und Preis- und Leistungsvergleiche und bequeme online-Bestellungen ermöglicht.Die Öko-Suchmaschine bietet unter rund 80.000
Produkten aus über 200 Shops den schnellen Marktüberblick und Preisvergleich.
Öko-Mode und Waren aus fairem Handel gehören ebenso dazu wie Biowein und
Naturkosmetik. Und selbstverständlich auch Produkte für den Klimaschutz, vom
hocheffizienten Kühlschrank bis zum Ökostrom. EcoShopper will zeigen, dass es bei praktisch jeder Kaufentscheidung
eine ökologische oder ethische Alternative gibt. Das Portal soll helfen, an den boomenden Öko-Märkten die Spreu vom
Weizen zu trennen und die richtige Konsumentscheidung zu treffen. Zu erreichen ist das Portal unter der Adresse www.ecoshopper.de
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