Wie heißt die Hauptstadt von Vanuatu? Port Vila. Wie hieß der erste Affe im Weltraum? Ham, der Astroschimpanse. Wer ist Christian Siedenbiedel? Ein »bekannter Mitarbeiter der FAZ«. All das weiß die Menschheit durch Wikipedia, das Internetlexikon, an dem jeder mitschreiben kann.

Die beiden Informationen über Vanuatu und den kosmischen Affen stehen auch in gedruckten Nachschlagewerken. Aber wer kennt Christian Siedenbiedel? Sein Name wurde am 11. Januar 2007 um 20.13 Uhr in der deutschen Ausgabe von Wikipedia in die Liste der »prominenten FAZ- Mitarbeiter« eingetragen – pikanterweise von einem Rechner aus, der in der FAZ- Redaktion steht. Mittlerweile wurde der Name des Wirtschaftsredakteurs von einem kritischen Nutzer wieder gelöscht.

Seit 2007 gewährt die Software Wikiscanner die Möglichkeit, hinter die anonymen IP-Nummern zu schauen, die jeder Nutzer auf Wikipedia hinterlässt, wenn er etwas einträgt, verändert oder löscht. Im Falle des Siedenbiedel-Eintrags führt der Weg direkt in die Frankfurter Hellerhofstraße. Doch Christian Siedenbiedel kann sich überhaupt nicht erklären, wie sein Name zwischen Frank Schirrmacher und Marcel Reich-Ranicki gelangt ist. Er selbst habe damit nichts zu tun, sagt er. Das Gegenteil kann auch nicht bewiesen werden, da der Scanner die Änderungen meist nicht direkt bis zum Autor zurückverfolgt – sondern nur das Firmennetzwerk preisgibt, aus dem heraus der Eintrag geändert wurde.

An einem Novembernachmittag 2005 beispielsweise säuberte ein Mitarbeiter von Daimler den Eintrag zu seinem Konzern von lästigen Passagen. Darin ging es um NS-Zwangsarbeiter, eine Daimler-Außenstelle des Konzentrationslagers Sachsenhausen und den »damaligen nationalsozialistischen Musterbetrieb«. An drei Stellen wurde eine kritische Bewertung der Firma gelöscht.

Eine Sprecherin des Konzerns gibt sich überrascht, als sie von den Löschungen erfährt. Zehn Mitarbeiter der Pressestelle würden zwar alles beobachten, was über Daimler veröffentlicht werde, darunter falle auch der regelmäßige Besuch von Wikipedia – »offiziell haben wir da aber nichts gemacht«, sagt die Sprecherin. An anderer Stelle findet der Leser bei den Beschreibungen zu den Mercedes-Benz-Lkw Actros, Atego und Axor wohlfeile PR-Prosa – eingestellt von einem Daimler-Rechner aus, zur Büroarbeitszeit um 11.18 Uhr. Auch davon will der Konzern nichts gewusst haben. »Wir benutzen Wikipedia nicht als Werbeplattform. Wenn solche Einfügungen von Daimler-Rechnern aus erfolgt sind, dann haben das Mitarbeiter ohne unseren Auftrag vorgenommen«, sagt die Firmensprecherin. Einzig falsche Angaben etwa beim Geburtsdatum eines Aufsichtsratsmitgliedes würden die Stuttgarter Öffentlichkeitsarbeiter richtigstellen.

Ähnlich lautet auch die interne Regel beim Medienkonzern Bertelsmann. Die beiden Mitarbeiter der Unternehmenskommunikation, die sporadisch bei Wikipedia vorbeisurften, änderten nichts an den Wertungen und beteiligten sich auch nicht aktiv an der Weiterentwicklung der Einträge, sagt ein Sprecher. Nur ungenaue Daten würden korrigiert. Diese Grundsätze hinderten engagierte Mitarbeiter 2005 und 2006 jedoch nicht daran, Kritisches über den Bertelsmann-Eigentümer Reinhard Mohn zu löschen oder umzudeuten. Aus dem Mohn zugeschriebenen Satz »Die Hauptversammlung bin ich!« machten Nutzer mit Bertelsmann-Log-in: »Die Familie Mohn kümmert sich bis heute um die Erhaltung der Unternehmenskultur.« Auch den Hinweis »Der Verlag hatte bis 1944 in großem Umfang am NS-Regime partizipiert und war keineswegs ein Hort des Widerstandes« empfand man in Gütersloh wohl als zu kritisch – er wurde kurz nach der Mittagspause um 14.30 Uhr gestrichen. Da diese Änderungen schon zwei, drei Jahre zurücklägen, könne man sie nicht mehr nachvollziehen, sagt der Bertelsmann-Sprecher. Außerdem stehe das Unternehmen auch zu den dunklen Kapiteln der Firmengeschichte, es gebe ja schließlich seit sieben Jahren eine unabhängige Historikerkommission, die die Verstrickungen von Bertelsmann in den Nationalsozialismus untersuche.

Andere Unternehmen nutzen die Plattform zur Werbung. Manchmal sind es aber auch nur die kleinen Eitelkeiten, die der Wikiscanner aufdeckt. So mussten Daimler-Mitarbeiter dringend darauf hinweisen, dass der Name ihres Firmenchefs, »Dieter Zetsche«, unvollständig sei. Es muss schließlich heißen: »Dr. Dieter Zetsche«.