Man stockt schon beim ersten Blick. Unterdrückte und verfolgte Schriftsteller der beiden totalitären Systeme Europas sind ausgestellt: Fotos, Briefe, Dokumente, die der Journalist Jürgen Serke über Jahrzehnte gesammelt hat. Porträts osteuropäischer Autoren, zudem Gemälde und Zeichnungen, die als »entartete Kunst« galten. Doch wieso blicken wir im ersten Raum gleich auf Wolfgang Borchert? Einen Moment bitte! War das Kriegsheimkehrerdrama Draußen vor der Tür nicht 1947 erschienen? War Borchert nicht Soldat der Wehrmacht gewesen? Gehört Borchert wirklich hierher? Flankiert von Ernst Toller, der eine ganze Generation früher für die Münchner Räterepublik kämpfte und fünf Jahre inhaftiert war, und flankiert von Jürgen Fuchs, dessen ganzes Leben und Arbeiten in ständigem Bezug zu den Terrororganen der DDR stand.

Borchert, Toller, Fuchs: Das ist das Eingangstableau der vielteiligen Ausstellung Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989 im Solinger Museum Baden. Aber dann liest man eine Reihe von Briefen Borcherts, Kommentare, verbindende und quer verweisende Texte, und das Bild gerät in Bewegung, das literarische und das Geschichtsbild. Als Buchhändlerlehrling hatte Borchert 1939 Kisten verbotener Literatur gefunden, mit Werken Döblins, Brechts, Tucholskys und mit Ernst Tollers Drama Der deutsche Hinkemann. Tatsächlich ist Draußen vor der Tür eine literarische Parallelschaltung zum Hinkemann, eine Antwort, ein Weltkrieg später. Zudem war Borchert im Krieg mehrfach wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet worden. Und seine grundsätzliche Widerständigkeit gegen jede Form des obrigkeitsstaatlichen Gehorsams brach sich schließlich literarisch Bahn. »Sag nein!« lautet eine knappe Formel aus einem Antikriegsmanifest von 1947, und »Wir werden nie mehr antreten auf einen Pfiff hin« wurde zum lyrischen Motto von Jürgen Fuchs. Das ist Geschichtslektüre auf den ersten Blick. Eine komplexe Blicklinienführung durch ein ganzes schreckenvolles Jahrhundert – verantwortet neben dem Sammler Jürgen Serke von dem Kurator Jürgen Kaumkötter.

Eine weitere Herausforderung ist der Verzicht auf Chronologie, auf literaturgeschichtliche Einordnung, Kanonisierung. Dichte und Komplexität steigert auch die gesonderte Ausstellung der vier Fotografen, mit denen Jürgen Serke zeit seines Forscher- und Sammlerlebens zusammengearbeitet hat, allen voran die der Dichterporträts Wilfried Bauers. Ein Glücksfall für Solingen und den Besucher, dass das Museum Baden über die Kunstsammlung Gerhard Schneider verfügt, die vor allem sogenannte »entartete« Kunst umfasst. Damit wird das Museum zu einem Nukleus der Sammlung und Darstellung verfolgter europäischer Künstler überhaupt. Aus Theresienstadt ist eine Ausstellung mit Bildern und Gedichten des in Auschwitz umgekommenen Künstlers Peter Kien übernommen, eines Freundes von Peter Weiss.

Es ist ein kleines Wunder, dass dies so zusammenfinden konnte. Doch ohne Lesen, Suchen, Nachdenken bleibt ein Besuch in dieser vielteiligen Ausstellung ein Blindflug. Es stimmt nicht, dass man nur sieht, was man weiß, aber sehr wohl, dass zum Sehen Selberdenken gehört. Die erste Frage, der man nicht ausweichen kann, ist die nach der Vergleichbarkeit der totalitären Systeme. Doch Serke mit seinen Büchern zu den verbrannten und verbannten Dichtern hat schon in den Siebzigern, zu einer Zeit, als dies inopportun war im annäherungswilligen Westen, von den Dichtern und ihren Lebensläufen her gedacht und nicht trennen und gewichten wollen; kein Opferranking also, heutig gesprochen.

Ebendies ist allen publizistischen Bemühungen um die verfolgten Dichter anlässlich der Erinnerung an die Bücherverbrennung vor 75 Jahren gemeinsam, auch den Büchern von Volker Weidermann, Das Buch der verbrannten Bücher, und von Armin Strohmeyer, Verlorene Generation: Sie berichten und erzählen von der besonderen Kraft, die denen zu eigen ist, die Opfer von Unterdrückung wurden: allein schon die Kraft, klarzusehen, eine eigene Stimme zu entwickeln, einer eigenen Linie zu folgen. Ein Problem wird bei der scheinbar harmlosen Frage sichtbar, welche Autoren vorgestellt werden und warum. Strohmeyer beschränkt sich auf dreißig Angehörige der »Verlorenen Generation« und stellt sie ausführlicher vor. Weidermann erzählt mehr als hundert Biogramme auf eine forciert lebhafte Weise. Da all diese Schicksale höchst dramatisch sind, dämpft mit der Zeit die Serialität die Vitalität. Doch sein Auswahlprinzip hat etwas Bestechendes. Weidermann legt seinem Buch genau die Bücherliste zugrunde, die der Deutschen Studentenschaft bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 zur Hand war; und er erzählt höchst instruktiv die Geschichte dieser Liste. Die Solinger Ausstellungsmacher wie die Buchautoren sind nicht ohne Stolz, bezogen auf dieses Datum, da sie dem erklärten Willen der Nazis, einen bedeutenden Teil der deutschen Literatur auszulöschen, erfolgreich trotzen. Das ist wichtig, auch im Bezug auf die Dissidenten der DDR und der kommunistischen Regime Osteuropas. Was aber weitgehend unterbleibt, nicht nur in den beschriebenen Darstellungen, ist ein ästhetisch analysierender und wertender Umgang mit dieser Literatur. Es braucht zweifellos eine lange Zeit der Restitution eines schwer verletzten literarischen Körpers, doch Freiheit und Selbstverständlichkeit beweisen sich am Ende erst dann, wenn Kritik und Urteil möglich sind. Keine Erinnerung ohne Vergessen. Doch 75 Jahre nach der Bücherverbrennung freuen wir uns über das Wiedervorhandensein.

Jürgen Serkes Sammlung
der verfolgten und verbotenen Dichter hat nun in Solingen ihr Domizil gefunden. Sie widmet sich den Opfern beider totalitärer Systeme, des Nationalsozialismus wie des Kommunismus