In den Geschichtsbüchern kommt er schlecht weg. Parvenu, Lebemann, politischer Abenteurer die Historiker schreckten vor kaum einer spöttischen Beschreibung zurück, wenn sie Leben und Wirken des letzten regierenden Bonaparte beschrieben. Vor allem natürlich die Deutschen.

Denn Napoleon III. wird von ihnen stets an Otto von Bismarck gemessen, diesem in seiner Zeit so außergewöhnlichen Staatsmann, der in der letzten Phase des Second Empire zum entscheidenden Widerpart Frankreichs aufgestiegen war. Bismarck hatte schließlich auf schurkisch-geniale Weise den schmählichen Untergang des französischen Kaisers heraufbeschworen. Aber auch Napoleons Landsleute haben ihrem letzten Monarchen wenig Beachtung geschenkt. Keine bedeutende Biografie aus der Feder eines französischen Historikers ist bis heute über ihn veröffentlicht worden, kein großer Boulevard oder Platz in Paris trägt seinen Namen. Obwohl er es doch war, der Frankreichs Metropole mit Hilfe des Präfekten Georges Eugène Haussmann städtebaulich das Gesicht gab, das die Reisenden schon damals bestaunten und wir noch heute bewundern. Aber während die Schriften über den berühmten Onkel der doch am Ende auch als politisch Gescheiterter ins Exil gezwungen wurde ganze Bibliotheken füllen, der auf den ersten Napoleon zurückzuführende Mythos Frankreichs Öffentlichkeit weiterhin leidenschaftlich bewegt, bleibt der Neffe allenfalls ein Symbol für das Paris der leichtlebigen Operettenwelt des Jacques Offenbach und der spektakulären Börsenskandale.

Er ging in die Falle, die Bismarck ihm gestellt hatte

Schön, dass nun ein deutscher Frankreich-Kenner den Versuch unternommen hat, der historischen Rolle Napoleons III. Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Johannes Willms, Paris-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, verzichtet bei der Beschreibung dieses Lebens auf jegliche Schlüssellochperspektive. Er hat eine klassische, spannende und sich ganz auf das Politische konzentrierende Biografie vorgelegt. Sie beschreibt den schwindelerregenden Aufstieg und tiefen Fall eines begabten Politikers und Staatsmannes, der seiner Zeit in vielen Fragen voraus war. Das Frankreich der Zeitalter nach 1871 hat es sich dagegen mit dem ziemlich jämmerlichen Ende des Kaiserreiches überaus bequem gemacht, indem es in Napoleon den Alleinschuldigen für die militärische Niederlage gegen Preußen ausmachte. Willms weiß das zu relativieren: »(Es) war seit Napoleon I. für Frankreich selbstverständlich geworden, als europäische Macht über die eigenen Verhältnisse zu leben.«

Das Zweite Kaiserreich wurde nicht nur durch den Kaiser bestimmt, sondern es war auch das Frankreich des konservativen Adels, der klerikalen Doktrinäre, der bürgerlichen Spekulanten, der hochmütigen Militärs und der republikanischen Parteicliquen, die nur allzu schnell dem nationalistischen Rausch erlagen. Nicht Napoleon III. wurde zum Kriegstreiber, sondern im französischen Kleinbürgertum, in der Hauptstadtpresse, in den Militär-, Wirtschafts- und Adelseliten verloren immer größere Kreise den Blick für die Machtrealitäten im europäischen Kräftespiel. Über die letzten Herrschaftsjahre, vor allem als der preußische Gegner nicht nur den Kaiser, sondern Frankreich insgesamt in der Luxemburg-Frage Paris scheiterte mit seinem Begehren, den neutralen Ministaat zu annektieren diplomatisch düpierte, konstatiert Willms mit Recht: »Nach der ihm von Bismarck zugefügten Demütigung figurierte der Kaiser seit Mai 1867 nur noch als Galions- figur des Regimes, dessen Geschicke jetzt in den Händen von unverantwortlichen Ministern und der Kaiserin lagen«.

So war es letztlich auch in den entscheidenden Tagen des Sommers 1871, als Frankreichs Politik bereitwillig in Bismarcks Falle ging und Preußen den Krieg erklärte. Napoleon war klug genug, zu erkennen, dass es da nichts zu gewinnen geben würde. Seine Militärs, die nationalistische Opposition, die Kaiserin und ihre Clique, vor allem aber die von der Presse aufgehetzte öffentliche Meinung gaben sich dagegen lauthals der Illusion hin, bald werde die Rheingrenze (die, wie Willms betont, nie im politischen Kalkül des Kaisers stand) Wirklichkeit werden und Frankreichs Vormachtrolle auf dem Kontinent ungefährdet bleiben.

Willms positive Urteile über den Staatsmann Napoleon basieren in erster Linie auf seiner Innenpolitik. In der Tat, die Umgestaltung der Hauptstadt und die auf modernen konjunkturpolitischen Theorien basierende Wirtschaftspolitik gehören aus der Sicht seines Biografen auf die Habenseite seines Lebenswerkes. Es sei entschieden sinnvoller, zitiert Willms den Kaiser, wenn der Staat 300 Millionen für die Bekämpfung der Armut ausgebe als 120 Millionen für den Bau neuer Gefängnisse. Es gab am Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich nur wenige Herrscher, die zu solchen klugen Einsichten fähig waren.