Lebensmittel Die Lobby sieht nur noch rot
Die Wirtschaft lehnt ein einfaches Farbsystem zur Kennzeichnung von Lebensmitteln ab. Das setzt Verbraucherminister Seehofer unter Druck
Alles schien bestens zu laufen. Nach friedlicher Kooperation mit der Wirtschaft verkündete Horst Seehofer im Oktober vergangenen Jahres, wie er die Kennzeichnung von Lebensmitteln zugunsten der Konsumenten gestalten will. Leicht verständlich und vergleichbar müssten die Informationen sein. Scheinbar hatte der Verbraucherminister alle Interessen vereint. Auch die Lebensmittelkonzerne waren einverstanden.
Dann aber folgte eine Rede von Gerd Müller. Der Staatssekretär in Seehofers Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ließ im März durchblicken, dass bei den Angaben über Fett, Zucker oder Salz nicht nur Zahlen und Prozente, sondern auch Farben eine Rolle spielen könnten. Seither sieht die Wirtschaft nur noch rot.
Ausgelöst wurde die Kennzeichnungs-Initiative von den verheerenden Resultaten der sogenannten Verzehrstudie. Die hatte ergeben, dass zwei Drittel der deutschen Männer und gut die Hälfte der Frauen übergewichtig oder fettleibig sind. Ernährungsbedingte Krankheiten schlagen im Gesundheitssystem inzwischen mit 70 Milliarden Euro im Jahr zu Buche.
Händler und Industrievertreter sehen das Problem – und wollen handeln. Nur eines wollen sie nicht: die Ampellösung, bei der die Signalfarben Rot, Gelb und Grün für schnelle Orientierung sorgen. In Großbritannien ist sie bereits im Einsatz. Zum Schrecken der Wirtschaft ließ Seehofer jetzt auch in Deutschland testen, was die Konsumenten dazu denken. Offiziell sind die Ergebnisse der Umfrage zwar noch nicht bekannt. Durchgesickert ist aber, dass eine farbliche Orientierung bei der Mehrheit gut ankommt. Welche Konsequenzen Seehofer daraus zieht, verrät er nicht. Der Streit um die Bekämpfung von Zuckerbomben und Fettmachern geht also weiter.
Vordergründig scheint er sich darum zu drehen, welches Bild die Kontrahenten vom Verbraucher hegen. Ist er eher dumm? Braucht er eindeutige Signale, die ihm zeigen, wovon er die Finger lassen sollte? Oder ist er klug, darf man ihm auch detailliertere Informationen zumuten? Derzeit jedenfalls haben alle ein Problem, die einkaufen gehen: Zutaten sind oft in so winziger Schrift aufgelistet, dass normale Sehstärke kaum ausreicht. Auf die Spitze trieb es der Anbieter eines tiefgefrorenen Apfelkuchens, der auf eine Verpackung 23 Zusatzstoffe in 17 Sprachen druckte. Die Schrift war nur ein Millimeter groß. Zu klein, entschied das Landgericht in München. Die Richter befanden, dass die Zutaten in deutlich lesbarer Schrift anzugeben seien.
Die Größe der Buchstaben spielt bei der neuen Kennzeichnung allerdings nur eine Nebenrolle. In der Hauptsache geht es darum, ob künftig nur Zahlen oder auch Farben zum Einsatz kommen. Seehofers Plan trägt den Titel »1 plus 4«. Gemeint ist damit die Angabe des Brennwerts plus des Gehalts an Fett, Zucker, gesättigten Fettsäuren und Salz. Und das jeweils bezogen auf eine Portion und in Prozent der empfohlenen Tagesmenge – jede Menge Ziffern also, die etwa auf Kartoffelchips oder Fruchtzwergen prangen sollen.
»Es gibt zu viele Möglichkeiten zur Manipulation«
Verbraucherverbände und Organisationen wie Foodwatch lehnen das ab – nicht nur wegen des Augenpulvers. Sie stört vor allem, dass es Seehofer den Unternehmen überlässt, ob sie überhaupt mitmachen. Außerdem kann die Lebensmittelindustrie selbst bestimmen, wie groß die Portionen sind, auf die sich die Angaben beziehen – und wie viel Gramm an Salz oder Zucker einer empfohlenen Tagesration entsprechen. So liegt den Angaben bei Erfrischungsgetränken in etwa der Inhalt eines Glases zugrunde. Wer das übersieht und die ganze Flasche leert, wägt sich fälschlicherweise auf Diät.
Noch größere Irrtümer kann es rund um die empfohlenen Tagesmengen geben. Bei Zucker lassen sich aus den Angaben der Gesundheitsorganisation WHO beispielsweise 50 bis 60 Gramm ableiten – für einen Erwachsenen. Kinder sollen, je nach Alter, weniger als 40 Gramm Zucker am Tag konsumieren. Die Lebensmittelbranche aber orientiert sich an 90 Gramm. Wenn eine Mutter also glaubt, sie sei mit einer Portion Frühstücksflocken noch auf der vorsorglichen Seite, ist der Grenzwert womöglich schon überschritten.
Bärbel Höhn von Bündnis 90/Die Grünen nennt das ein »Zuckerversteckspiel«. Sie prangert die ungleichen Kräfteverhältnisse an. Süßwarenunternehmen hätten in Deutschland einen Werbeetat von rund 600 Millionen Euro. Das Ministerium gäbe für Ernährungsaufklärung gerade einmal 5 Millionen Euro aus.
Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung kommt zu einem vernichtenden Urteil: Die Werte seien oft nur mit Vorsicht zu genießen, weil sich der zugrunde gelegte Kalorienbedarf an jungen Erwachsenen orientiere. Kinder und ältere Menschen »werden eher in die Irre geführt«, heißt es in einer Stellungnahme. Die Verbraucherzentrale Hamburg kritisiert: »Die unsinnigen Angaben helfen nicht, Lebensmittel mit hohen Fett- und Zuckeranteilen zu erkennen.« Auf ihrer Website sind weitere Tricks aufgelistet, mit denen die Industrie Lebensmittel »gesundschummeln kann«. Noch deutlicher wird Sibylle Becker, Referatsleiterin im AOK-Bundesverband: »Es gibt bei diesem System zu viele Möglichkeiten zur Manipulation.«
»CDU und Industrie sollten bald aus ihren Schützengräben kommen«
Die wachsende Schar der Gegner des von Seehofer bislang noch propagierten Modells plädiert für jene Lösung, die von der Wirtschaft so strikt abgelehnt wird: die Ampel. Entwickelt wurde das Signalsystem von der Britischen Lebensmittelbehörde Food Standard Agency (FSA). Grün, Gelb und Rot signalisieren bei den einzelnen Nährstoffen, ob die Produkte unbedenklich zu genießen sind oder eher in kleineren Mengen und maßvoll verzehrt werden sollten.
Das Entscheidende aber: Portionen und Tagesration legt die FSA fest. Die Portionen betragen 100 Gramm, und die zulässigen Tagesrationen orientieren sich an Kriterien weltweit anerkannter Gremien. Auf diese Weise werden die unterschiedlichsten Produkte vergleichbar. Das wünscht sich auch Manfred Zöllmer (SPD), stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: »Sinnvoll wäre es, bei einer Ampellösung einheitliche europäische Werte zu definieren, die überprüfbar sind.« Zöllmer hofft, »dass die CDU und die Industrie bald aus ihren Schützengräben kommen«.
Zumindest was den Part der Wirtschaft angeht, sieht es derzeit nicht danach aus. Peter Loosen vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, der die Interessen der Unternehmen vertritt, lehnt die Farbenlehre ab: »Eine mehr oder minder willkürliche Einteilung der Lebensmittel in gut oder schlecht ist nicht nur für die Wirtschaft inakzeptabel, sondern bringt auch für den Verbraucher Verwirrung.« Ihm würde suggeriert, er könne sich – ohne Nachdenken – gesund ernähren, wenn er nur viele Produkte mit grünen Punkten wählt. Dabei komme es auf eine ausgewogene Ernährung an, in der alle Lebensmittel ihren Platz hätten.
Im vergangenen Jahr teilte Minister Seehofer diese Meinung noch: »Ein roter Punkt könnte sehr schnell dazu führen, dass die Menschen die Finger von etwas lassen, das, in richtigem Maße verwendet, sehr wohl als Nährstoff für den menschlichen Körper notwendig ist.« Nach wie vor lässt er verbreiten, dass er die Ampellösung ablehnt. Neuerdings verweist er zusätzlich auf Brüssel. Auch dort favorisiert man das Modell der Wirtschaft. Peter Loosen: »Die EU-Kommission hat sich unseren Argumenten weitgehend angeschlossen.« Und er geht davon aus, »dass der Minister nicht mehr umschwenkt«.
- Datum 13.05.2008 - 10:44 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.05.2008 Nr. 20
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Der Titel ist, wie der Artikel zutreffend. Die Lobby sieht immer rot, wenn es um den Fortbestand ihrer Pfründe geht. Es ist doch eine Frechheit ohne gleichen, wie die Industrie mit der Gesundheit ihrer Kunden Schindluder treibt. Seehofer macht sich unglaubwürdig, wenn er das Verwirrspiel mitmacht. Sich auf Brüssel zurückzuziehen ist jedenfalls keine praktikable Lösung, da Brüssel von der Lobby mindestens so unterwandert ist, wie Berlin. Andererseits scheint aber auch aufgedeckt worden zu sein, dass man gegenüber der Lobby in London zumindest in der Kennzeichnung standfester ist, als in Brüssel oder Berlin. Und das ist der nächste Skandal.Solitaire
Ja das wird ein lustiges Ratespiel, wenn die Industrie die Portionsgrøsse festlegen darf. Wer kæme denn z.B. auf die Idee, eine Tuete Kartoffelchips enthalte 10 Portionen (die Angaben beziehen sich auf 25g)? Oder eine Portion Pizza ist eine halbe Pizza? oder, oder, oder.
ist diese amtsdeutsche und auch EU-Bauchkriecherei vor der Industrie, sei es nun Pharma-, Nahrungsmittel,- Energie-, "Land"wirtschafts- oder Autoindustrie einfach nur zum K*****.In der einen Argumentation ist der Verbraucher zu doof, weil er nicht abschätzen kann, dass er auch mal was Rotes essen darf, in der anderen ist er so klug, dass er die verwirrenden Angaben, die die Industrie jetzt macht mit Portionen und Tagesmengen spielend leicht entschlüsseln kann.Die sollen sich mal einigen, ob er nun doof oder klug ist.Aber vor allem möchte er es einfach haben, ob doof oder klug; er möchte nicht in die Irre geführt werden und nicht als Fast-Mathematiker mit Adleraugen diese Tabellen nachrechnen müssen.
Ich verstehe einfach nicht, warum sich alle so darüber aufregen und denken, nur weil irgendwo ein roter Punkt drauf ist, kauft keiner das Produkt. Die Deutschen sind doch nicht blöd und wissen, das eine ganze Tüte Chips nicht gesund ist, trotzdem kaufen sie es. Es wird höchstens einigen die Augen öffnen, denn nun könnten sie sehen, wie viele Kalorien sie da eigentlich zu sich nehmen und das ist auch gut so!Ich lebe z.Z. in Großbritannien und ja, ich finde es gut, dass die Informationen auf so gut wie allen Produkten abgebildet sind, es hilft mir, mich gesünder zu ernähren, aber trotzdem kaufe ich Chips, Eis und Hamburger, nun weiß ich eben genau, was drin ist und ich genieße diese Produkte einfach bewusster und esse weniger davon. Und das die Firmen selbst bestimmen sollen, welche Portionsgrößen auf den Produkten stehen, ist ja wohl der größte Witz! Seehofer muss einfach durchziehen, was er da vor hat und nicht auf die Industrie hören!
Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Ich lebe im Moment in den USA und stelle fest wie sehr mir die Kennzeichnung hilft mich bewusster zu ernähren. Außerdem habe ich als Verbraucher ganz einfach das recht dazu zu wissen was ich zu mir nehme.
Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Ich lebe im Moment in den USA und stelle fest wie sehr mir die Kennzeichnung hilft mich bewusster zu ernähren. Außerdem habe ich als Verbraucher ganz einfach das recht dazu zu wissen was ich zu mir nehme.
Die Kennzeichnung ist doch nix anderes als ein Schildbürgerstreich...Sinnvoll wäre eine Kennzeichnung, wie viele Ersatzstoffe drin sind. Also bspw. das im Erdbeeryoghurt keine Erdbeere drin ist, und in der Cola kein Zucker, sondern der Aspartamdreck etc.Die Kalorienangaben sind nur für die Essgestörten der Republik von Vorteil. Die müssen dann nicht mehr verschämt in dubiosen Internetforen ihre Kalorienphobie diskutieren, sondern können dann völlig autark ihrer Erkrankung huldigen.Nicht zuletzt sind Kalorien eine Illusion. Da wird Essen verbrannt, nix weiter. Nun kommt man aber mit dem VW Lupo mit drei Litern weiter, als mit dem Ferrari, der soviel schon beim anlassen verbraucht.Und solange wir nicht vom Genhofer per Gesetz den Einheitsmagen transplantiert bekommen, bringen Kalorienangaben nur Nachteile. Und wer bisher nicht wusste, daß Butter pur löffeln dick macht, der braucht keine Kalorientabelle, sondern einen gesetzlichen Vormund!
Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Ich lebe im Moment in den USA und stelle fest wie sehr mir die Kennzeichnung hilft mich bewusster zu ernähren. Außerdem habe ich als Verbraucher ganz einfach das recht dazu zu wissen was ich zu mir nehme.
ALso Herr Seehofer ist Verbraucherminister? Sprich er soll die Interessen der Verbraucher vertreten? Irgendwie stimmt doch da etwas nicht.Er vertritt, soweit ich weiss, die Interessen der:BauernLebensmittelindustrieAber Verbraucher?Im uebrigen: Jede Industrie braucht eine unabhaengige Organisation, die sie ueberwacht und Standards setzt. Das ist eine elementare Wahrheit des Kapitalismus. Firmen, fuer die letztendlich nur Profit zaehlt, koennen aus sich heraus keine oekologische, soziale oder sonst irgendeine Verantwortung tragen.Darum: Her mit den Punkten!
Unser lieber Herr Seehofer hat unglaublich jämmerlich und würdelos mit Frau und Freundin rumgehampelt. Gehen oder zuhause bleiben oder doch zu ihr ziehen oder doch nicht gehen oder doch gehen oder lieber nicht gehen oder vieleicht ja doch.Schon vergessen ? Ein absolut waschlappiges Verhalten.Und so jemand soll nun gegen eine Lobby sowas wie eine eigene Meinung entwickeln ? Oder sogar strikt Verbraucherinteressen vertreten ? Vollkommen unmöglich. Lachhaft.
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