Erziehung Einsam am Schnuller
Das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen ist geprägt von Ignoranz
Kaum sind amerikanische Kinder auf der Welt, stellen ihre Eltern sie vor dem Fernseher ab – belegt eine Studie. Von 154 befragten Müttern hatten 149 innerhalb der vergangenen 24 Stunden ihre im Schnitt 6,6 Monate alten Babys vor dem flimmernden Beruhiger geparkt. Während die Kleinen zum Beispiel die Weltnachrichten auf CNN verfolgten, sprach niemand mit ihnen. Am Schnuller nuckelnd mussten sie sich die internationale Krisenlage selbst erklären. Dabei, schreiben die Autoren von der New York University, sei doch bekannt, dass eine gelungene Eltern-Kind-Kommunikation wichtig für die spätere Entwicklung ist.
Aber viele Eltern verstehen ohnehin nichts von ihrem Nachwuchs. Ein Drittel der Erzeuger hat nicht die geringste Ahnung, was dem Kind in welcher Entwicklungsphase zugemutet werden kann. Dabei sollte sie doch zumindest interessieren, ab welchem Alter das TV-Kind in der Lage wäre, die Forderungen des Dalai-Lama im Tibet-Konflikt zu begreifen. Die Eltern über- und unterschätzen die Fähigkeiten des Nachwuchses, sagen Forscher von der University of Rochester. Ohne adäquates Wissen über Entwicklungsstadien, warnen sie, sei befriedigende Interaktion zwischen Eltern und Kind wenig wahrscheinlich.
Kommen die Kleinen dann in den Kindergarten, verschärft sich die Diskrepanz. Das Cincinnati Childrens Hospital hat herausgefunden, warum bewegungshungrige Kinder so wenig an die frische Luft kommen und deshalb Speckröllchen ansetzten. Manche Eltern hatten sie nur mit Sandalen in den Kindergarten geschickt, andere nur mit einer dünnen Jacke, obwohl es draußen kalt war. Hinzu kommt: Die Kindergärtner tippten lieber SMS in ihre Handys, als sich mit den Kindern zu beschäftigen. Eine aktive Vermeidungsstrategie, denn oft seien die Erzieher selbst etwas dick und unbeweglich. Sie blieben lieber im Haus. Arme USA. Aber Deutschland, hast Du es besser?
- Datum 09.05.2008 - 12:22 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.05.2008 Nr. 20
- Kommentare 14
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Dieses Beispiel zeigt wieder eindeutig: Es gibt zu viele Forscher, die stur und egozentrisch immer weiterforschen. Wenn sie schon die letzten Übriggebliebenen sind, die noch wissen, was wo fehlt und wie es gemacht werden muss, dann gibt´s da doch nur eines: Ärmel hoch gekrämpelt, in die Hände gespuckt und vorgemacht, wie´s geht! Glück auf!
Franz Josef Neffe
@ F.J. NeffeSolange "Wissenschaft" in ihrem eng umgrenzten Elfenbeitum, fernab von der praktischen Lebensrealität, aus empirischen Einzelergebnissen ganze "Rezepturen" zimmern wollen, bleiben Eltern "auf dem Trockenen sitzen". Meines Erachtens trägt die starke naturwissenschaftliche Wissenschaftsausrichtung in der Öffentlichkeit dazu bei, dass "altes", aber dennoch aktuelles entwicklungspsychologisches und lernpsychologisches Wissen "verschüttet" wird und im Alltag wenig Beachtung findet. Solange für die Praxis sinnvolles und nützliches Wissen nur rein theoretisch abgehandelt, oder erst gar nicht zum Gegenstand eines Studiums gemacht wird, bleibt ein wichtiger Transfer aus:Siehe: Hilflose Lehrer verbieten den Tausch von EM-Fußballbildern.........Dieser Trend, betrachtet man z.B. die Neurowissenschaften, ist derzeit hoch im Kurs. Solange Wissenschaftler glauben, man könne Forschungsergebnisse, welche mittels eines MRT's, d.h. in einer Laborsituation mit sehr einfachen Versuchsanordnungen gewonnen wurden, im Verhältnis 1:1 auf praktische Lebenssituationen übertragen, bleibt Wissenschaft lebensfremd.Wenn selbst Lehrkräfte "unpädagogisch" handeln, wo sollen dann Eltern ihr Wissen um förderliche Entwicklungsbedingungen hernehmen ?
Komisch nur, dass ich in meinem Umfeld und auch im Gespräch mit Bekannten aus anderen Ländern oft auch das genaue Gegenteil höre.
Und zudem muss man immer bedenken. Es sind nicht nur die Eltern, die sich so verhalten, es wird ihnen ja permanent von der Gesellschaft vorgelebt. Da zählt der Mensch als Mensch in einem Unternehmen nichts mehr sondern nur als Humankapital oder Kostenfaktor. Da wird selbst im Gymnasium nicht mehr auf das Leben, sondern auf den Beruf vorbereitet. Natürlich, Goethes Faust oder Heines Steppenwolf brauche ich nicht als Elektroingenieur... Aber vielleicht als Mensch ? Um etwas von Ethik, Moral, Tugenden zu begreifen ? Aber halt, dafür bezahlt mich mein Arbeitgeber nicht.
Eine Gesellschaft, die Kapital und Wirtschaftinteressen vor die Interessen der Bürger stellt, die den "kleinen Mann" zum Sparen aufruft und selbst prasst wo sie nur kann. Solch eine Gesellschaft braucht sich nicht zu wundern, wenn es zu Exzessen jeglicher Art kommt. Ohne Moral, ohne vorgelebte bzw. anerzogene Wertegefüge und einen Sinn für Ethik und Moral werden wir wohl bald alle in irgendeinem Gerichtssaal fett grinsend mit einem Victory Zeichen stehen.
... allerdings war mir bislang nicht bekannt, dass es auch von Heine einen Steppenwolf gibt. Der von Herrn Hesse ist jedenfalls lesenswert - auch und gerade für Elektroingenieure.
... allerdings war mir bislang nicht bekannt, dass es auch von Heine einen Steppenwolf gibt. Der von Herrn Hesse ist jedenfalls lesenswert - auch und gerade für Elektroingenieure.
Richtig. Aber Deutschland ist ja auch kein Land, sondern ein Wirtschaftsstandort.
... allerdings war mir bislang nicht bekannt, dass es auch von Heine einen Steppenwolf gibt. Der von Herrn Hesse ist jedenfalls lesenswert - auch und gerade für Elektroingenieure.
Da hab ich doch meine humanistische Bildung durcheinandergebracht. Natürlich meinte ich Hesse, nicht Heine, wobei beide Autoren lesenswert sind. Asche auf mein Haupt, da hätt ich besser noch mal korrekturlesen sollen.
Und mir hat damals, und da war ich schon stark informatikbelastet, mein Deutschlehrer Hesse ans Herz gelegt. Und er hatte Recht. Der Steppenwolf hat mir schon damals viel gegeben.
Da hab ich doch meine humanistische Bildung durcheinandergebracht. Natürlich meinte ich Hesse, nicht Heine, wobei beide Autoren lesenswert sind. Asche auf mein Haupt, da hätt ich besser noch mal korrekturlesen sollen.
Und mir hat damals, und da war ich schon stark informatikbelastet, mein Deutschlehrer Hesse ans Herz gelegt. Und er hatte Recht. Der Steppenwolf hat mir schon damals viel gegeben.
Siehe 'Vorsicht Bildschirm' - sollte als Sendung erhältlich sein, gibts aber auch als Buch. Wobei es natürlich, wie bei der Klimaerwärmung, immer Menschen geben wird die lieber wegsehen und die Realität verleugnen so lange es geht. Ist ja auch einfacher.Es fehlt eindeutig ein Schulfach Lebensvorbereitung in dem gelehrt wird wie man einfache Sachen daheim repariert, Kleinigkeiten kocht um zu überleben, richtig mit Geld umgeht (Haushalten), Wäsche richtig wäscht, Kinder erzieht, Grundlagen für gute Beziehungen, wie man die wichtigsten Formulare richtig ausfüllt.Stattdessen lernt man wer wann wo welche Kriege geführt hat (als ob das noch Bedeutung hätte, alles was daran wichtig ist, ist wie schlecht und sinnlos Kriege sind), oder es wird gelehrt ein 3-Gänge-Menü zu kochen (wie sinnvoll, braucht ja jeder für sein Leben) und das nennt sich dann Hauswirtschaft.Klar sollten Kinder diese Dinge großteils zu Hause lernen, aber wie wenn beide Elternteile heutzutage arbeiten müssen damit das Leben und ein wenig Luxus leistbar bleiben? Unser tolles Wirtschaftssystem schiebt Geld nur den ohnehin Reichen oder den Skrupellosen hinten rein. Außerdem sind nicht alle Menschen gleich erfolgreich dabei ihren Kindern diese Überlebensfähigkeiten beizubringen. Also könnte eine schulische Basis da nicht schaden.Gewalt ist der letzte Ausweg der geistig Schwachen.
Hi @ll
Zitat aus dem Artikel
*Aber viele Eltern verstehen ohnehin nichts von ihrem Nachwuchs. Ein Drittel der Erzeuger hat nicht die geringste Ahnung, was dem Kind in welcher Entwicklungsphase zugemutet werden kann.*
Zitat Ende
Ich erwarte das in Zukunft auf solche
-Unterstellungen
-Falschaussagen
verzichtet wird.
Desweiteren gibt es keine *Erzeuger* sondern nur Eltern (VATER und MUTTER) alle anderen "Beschreibungen" sind
-beleidigend
-diskriminierend
-abwertend
Gruss
Rene
Ich glaube kaum, dass das Wissen über Entwicklungsstadien für die Erziehung eines Kindes wichtig ist. Folgt man dieser Argumentation, dürften ja nur Akademiker pädagogischer Fachrichtungen zum Kinderkriegen zugelassen werden...
Die meisten von uns wurden schließlich von Eltern erzogen, die sich zwar nicht mit den derzeit schicken pädagogischen Theorien auskannten, aber mit viel Aufmerksamkeit und Liebe trotzdem erfolgreich waren.
"Die meisten von uns wurden schließlich von Eltern erzogen, die sich
zwar nicht mit den derzeit schicken pädagogischen Theorien auskannten,
aber mit viel Aufmerksamkeit und Liebe trotzdem erfolgreich waren."Ihr Beispiel kann ich ganz gut nachvollziehen, insbesondere, wenn Sie von jener Generation sprechen, in welcher noch "Übereinkünfte" herrschten, welche durchaus implizites entwicklungspsych./psychol. Wissen befolgten.Im Übrigen geht es nicht um "Entwicklungsstadien", sondern es geht um einiges mehr: Wissen darüber, wie sich Kinder entwickeln, wie sie lernen und wie sie sinnvolles Sozialverhalten entwickeln. Und die aktuellen Kinder-und Jugendprobleme zeigen durchaus, dass hier negative Veränderungen stattfinden bzw. stattgefunden haben, so dass das Argument "unsere Eltern wussten auch nichts über Erziehung und Psychologie" hinkt. (Alkoholprobleme, Verhaltensprobleme, mangelnde Sozialkompetenz, geringe Frustrationstoleranzen etc.)Wenn Sie dann noch die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen mit ins Kalkül ziehen, dann sind die heutigen Kinder ganz anderen Herausforderungen und Belastungen ausgesetzt. Wie man gerade am Beispiel jener Grundschule erkennen kann, hätte jenen Lehrkräften solches Hintergrundwissen genutzt. Wobei hier auch darauf hingewiesen werden muss, dass die Belastungen der Lehrkräfte im vergangenen Jahrzehnt drastisch angestiegen sind und ihre Ausbildung "pädagogisches Handeln" und Erziehungsschwierigkeiten im eigentlichen Sinne gar nicht vorsieht. Leider wurde - angesichts des herrschenden Neurohypes - die sehr hilfreichen Ergebnisse aus der psychologischen Forschung stark in den Hintergrund gedrängt.
"Die meisten von uns wurden schließlich von Eltern erzogen, die sich
zwar nicht mit den derzeit schicken pädagogischen Theorien auskannten,
aber mit viel Aufmerksamkeit und Liebe trotzdem erfolgreich waren."Ihr Beispiel kann ich ganz gut nachvollziehen, insbesondere, wenn Sie von jener Generation sprechen, in welcher noch "Übereinkünfte" herrschten, welche durchaus implizites entwicklungspsych./psychol. Wissen befolgten.Im Übrigen geht es nicht um "Entwicklungsstadien", sondern es geht um einiges mehr: Wissen darüber, wie sich Kinder entwickeln, wie sie lernen und wie sie sinnvolles Sozialverhalten entwickeln. Und die aktuellen Kinder-und Jugendprobleme zeigen durchaus, dass hier negative Veränderungen stattfinden bzw. stattgefunden haben, so dass das Argument "unsere Eltern wussten auch nichts über Erziehung und Psychologie" hinkt. (Alkoholprobleme, Verhaltensprobleme, mangelnde Sozialkompetenz, geringe Frustrationstoleranzen etc.)Wenn Sie dann noch die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen mit ins Kalkül ziehen, dann sind die heutigen Kinder ganz anderen Herausforderungen und Belastungen ausgesetzt. Wie man gerade am Beispiel jener Grundschule erkennen kann, hätte jenen Lehrkräften solches Hintergrundwissen genutzt. Wobei hier auch darauf hingewiesen werden muss, dass die Belastungen der Lehrkräfte im vergangenen Jahrzehnt drastisch angestiegen sind und ihre Ausbildung "pädagogisches Handeln" und Erziehungsschwierigkeiten im eigentlichen Sinne gar nicht vorsieht. Leider wurde - angesichts des herrschenden Neurohypes - die sehr hilfreichen Ergebnisse aus der psychologischen Forschung stark in den Hintergrund gedrängt.
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