Operation Robin Hood«, findet Bernd Mühlbauer, wäre ein durchaus geeigneter Tarnname für sein Vorhaben. Der Bremer Forscher und seine Mitstreiter legen sich mit drei ganz Großen der Pharmabranche an – der US-Biotechfirma Genentech sowie den Schweizer Pharmariesen Roche und Novartis.

Der Pharmakologe startet gerade einen Arzneimitteltest, wie es ihn in dieser Form in Deutschland noch nie gegeben hat: Der Versuch soll klären, welches von zwei patentgeschützten Medikamenten besser gegen die feuchte Makuladegeneration hilft, eine besonders heimtückische Form der Altersblindheit (AMD). Auf dem Prüfstand stehen das für die Augenerkrankung nicht zugelassene Krebsmittel Avastin (Roche) und das AMD-Medikament Lucentis (Novartis). Da ist Zoff mit den Herstellern programmiert.

Normalerweise führen die Unternehmen selbst die nötigen Studien für die Zulassung ihrer Arzneimittel durch und bezahlen sie auch. Doch der Pharmakonzern Roche denkt nicht daran, für Avastin eine weitere Zulassung auch als AMD-Medikament auf den Weg zu bringen. »Wir arbeiten gegen den erklärten Willen des Herstellers«, sagt der Direktor des Instituts für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte. Die Studie namens VIBERA wird aus Mitteln seines Instituts finanziert. Ihr Ergebnis könnte die Einführung von Avastin für die AMD-Therapie gegen die Vermarktungsinteressen beider Pharmakonzerne erzwingen. Und dem deutschen Gesundheitssystem Milliarden an Kosten ersparen.

Gesundheitspolitisch ist das Unterfangen daher brisant. Die Preise für die beiden Wirkstoffe unterscheiden sich drastisch: Eine Injektion von Lucentis kostet gut 1.500 Euro, eine Spritze Avastin nur 50. Um alle AMD-Patienten in Deutschland mit Lucentis zu behandeln, müssten die Kassen schätzungsweise drei Milliarden Euro pro Jahr ausgeben – ein Achtel des gesamten deutschen Arzneimittelbudgets. Hinzu kommt die große Zahl der Diabetiker, die an einer sogenannten diabetischen Retinopathie erkrankt sind. Auch ihnen kann Lucentis helfen. Würde all diesen Patienten stattdessen Avastin gespritzt, kämen die Versicherer wohl mit gut 100 Millionen davon. Und es ist längst gesichert, dass auch das billigere Krebsmedikament das Fortschreiten der heimtückischen Netzhauterkrankung stoppen und in manchen Fällen das Sehvermögen wieder verbessern kann.

4,5 Millionen Deutsche leiden unter einer Makuladegeneration, sie ist die häufigste Ursache für Sehbehinderungen und Erblindung bei älteren Menschen. Jeder fünfte Patient ist an der gefürchteten feuchten Variante erkrankt: Die Sehzellen sterben ab, weil sich hinter der Netzhaut kleine, Blutgefäße bilden, aus denen Flüssigkeit austritt. Nach und nach fällt der Sehsinn in der Mitte des Gesichtsfelds, der Makula, aus. Lesen, Gesichter erkennen oder fernsehen wird unmöglich.

Das Krebsmittel stoppt auch das Gefäßwachstum im Auge

Seit 2005 kann diesen Patienten mit Avastin-Injektionen ins Auge geholfen werden, obwohl das Krebsmedikament für die Behandlung von AMD nicht zugelassenen ist. Das funktioniert, weil das Mittel gefäßbildende VEGF-Signalmoleküle blockiert (VEGF: Vascular Endothelial Growth Factor). Der Avastin-Wirkstoff, ein Antikörper, unterbindet die Blutversorgung von Tumoren, aber er stoppt auch das abnorme Wachstum der Blutgefäße hinter der Netzhaut. Solche Off-Label-Therapien sind in Deutschland erlaubt, sofern kein anderes zugelassenes Mittel zur Verfügung steht.

Die Kassen fürchten den Finanzkollaps, die Pharmafirmen den Umsatzeinbruch

Doch Ende Januar 2007 wurde Novartis’ AMD-Präparat Lucentis für den deutschen Markt zugelassen, nachdem seine Wirksamkeit in mehreren Studien überzeugend nachgewiesen wurde. Wie Avastin stammt auch der neue VEGF-Blocker aus den Labors des Biotechkonzerns Genentech. Viele Fachleute sehen zwischen den zwei Mitteln keinen großen Unterschied, die medizinische Wirkung beider VEGF-Hemmer ist nach den Erfahrungen der Ärzte sehr ähnlich.