Vor diesem Mann kann man Angst bekommen. Vor genau einem Jahr schob er 50.000 Mitarbeiter in eine Tochterfirma ab. Dort arbeiten sie nun länger und für weniger Geld. Verantwortlich: René Obermann, Vorstandschef der Deutschen Telekom.

Aus solchen Nachrichten speist sich die Angst der Mittelschicht vor dem Abstieg. Sie kommen einem in den Sinn, wenn man zu ergründen versucht, warum die Deutschen an der Marktwirtschaft zweifeln. An den Führungskräften der Wirtschaft, denen viele unterstellen, sie hätten das Gefühl für Anstand verloren. Und am Versprechen der Leistungsgesellschaft, wonach harte Arbeit mit Aufstieg belohnt wird.

Es ist nachvollziehbar, warum René Obermann eine Projektionsfläche für Abstiegsängste darstellt – und zugleich doch völlig abseitig. Schließlich steht der 45-Jährige wie kein Zweiter für das Gegenteil.

Wer ein im Aktienindex Dax notiertes Unternehmen führt, hat es in der deutschen Wirtschaft ganz nach oben gebracht. 30 Männer gehören diesem Zirkel an, Obermann ist der zweitjüngste von ihnen. Die meisten stammen, wie es so heißt, aus guter Familie, jeder Zweite führt einen Doktortitel. Auch deswegen fällt der Studienabbrecher Obermann, der »in wirklich sehr bescheidenen Verhältnissen« (Selbstauskunft) bei seinen Großeltern aufwuchs, aus dem Rahmen. Außer ihm haben es nur drei Vorstandschefs ohne akademischen Abschluss an die Spitze geschafft – und die stehen alle kurz vor der Rente.

Karrieren von Sozialaufsteigern wie Obermann sind selten im heutigen Deutschland.

»Es war immer sein Ziel, an der Spitze eines Großunternehmens zu stehen«

Das wäre nur eine Nebensache, wenn sich dahinter nicht eine Erklärung für das schwindende Vertrauen in die Wirtschaftsordnung verbergen könnte. »Die Gesellschaft ist längst nicht so durchlässig, wie sie sein sollte«, sagt Obermann. »Wir können es uns nicht leisten, dass Bildung und Aufstiegschancen vielfach von der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht abhängen.« Man nimmt Obermann diesen Satz ab, weil er weiß, wie schwer die unsichtbare Mauer zwischen unten und oben zu sprengen ist.