»Lieber Professor Lewin, ich habe Ihnen ein paar Kekse gebacken, weil Ihre Online-Vorlesungen mir geholfen haben, den 8.03-Schein zu machen.« Das Gebäck ist längst aufgegessen, aber die Danksagung steht immer noch mit Kreide an der Tafel in Walter Lewins Büro.

8.03 ist die Physikvorlesung über Vibrationen und Wellen, die Physikstudenten am Massachusetts Institute of Technology (MIT) im fünften Semester hören. Man muss nicht an der Eliteuniversität in Cambridge eingeschrieben sein, um die Vorlesung zu verfolgen: Sie lässt sich kostenlos im Internet ansehen – 23 Doppelstunden 8.03, dazu Lewins Vorlesungen 8.01 und 8.02 mit ähnlich vielen Folgen. Auf YouTube oder auf iTunes U, der akademischen Abteilung von Apples Musikladen im Netz.

ITunes U führt auch eine Top Ten der meistgesehenen Filme, und da ist Walter Lewin fast immer zu finden. Mit 72 ist er zu einer Art akademischem Popstar geworden. Eine späte Anerkennung für einen Professor, der sein Leben der Lehre verschrieben hat wie wohl kaum ein anderer.

Sehr beliebt ist zum Beispiel die Vorlesung 8.01, in der Lewin anhand eines langen, von der Hörsaaldecke hängenden Pendels die Umwandlung von Lage- in Bewegungsenergie demonstriert. Er steht an der linken Wand des Hörsaals, hält ein 15 Kilo schweres Gewicht direkt vor seine Nase. »Ich glaube so stark an die Erhaltung der Energie, dass ich bereit bin, mein Leben dafür zu riskieren«, sagt Lewin und lässt das Pendel los. Es schwingt quer durch den Saal, kommt zurück – und stoppt Millimeter vor seinem Kinn. »Physik funktioniert«, ruft er, »und ich lebe noch!« Die Studierenden sind begeistert. Und ahnen vielleicht nicht, wie gefährlich das Experiment war: Gibt man dem Pendel auch nur einen kleinen Schwung mit, dann kann die Sache durchaus ins Auge gehen.

Walter Lewin genießt seine neue Popularität sichtlich, er verfolgt die iTunes-Top-Ten genau. »Heute morgen bin ich ein bisschen abgerutscht. Noam Chomsky hat mich überholt! Ich habe monatelang vor ihm gelegen, sogar vor Al Gore.« Und er hat geschafft, was jeder Geistesarbeiter englischer Sprache sich erträumt: Am 19. Dezember 2007 – das Datum wird er nie vergessen – porträtierte die New York Times den Physikprofessor auf der Titelseite.

Professoren messen ihren Wert gewöhnlich an den Ergebnissen ihrer Forschung, an den Veröffentlichungen und Preisen. Die Lehre ist meist eine Pflichtübung. Auch Walter Lewin ist ein respektabler Forscher, er hat sich einen Namen auf dem Gebiet der Röntgenastronomie gemacht. Aber als ihn die Pflicht ereilte, eine Grundvorlesung zu halten, stellte er fest, dass seine wahre Berufung woanders lag.

Am MIT muss jeder Student zwei Semester lang Physik hören. Mehrere Hundert 18-Jährige von einem Fach zu begeistern, das sie sich nicht ausgesucht haben, ist keine leichte Aufgabe. »In einer Vorlesung geht es nicht nur darum, die Sachverhalte klar und deutlich darzustellen. Das Timing ist mindestens ebenso wichtig«, sagt Lewin. Jede seiner Vorlesungen arbeitet auf einen dramatischen Höhepunkt hin, meist ein spektakuläres Experiment, und da darf man sich zwischendurch nicht verfransen. Denn Studenten sind ein erbarmungsloses Publikum – wenn die Stunde vorbei ist, stehen sie auf und gehen, egal, ob der Professor noch mitten in einem wichtigen Satz ist.