Über Kunst wird gern gesagt, sie sei kreativ, schöpferisch. Aber zur Schöpfung gehört die Sintflut. Wer die Macht hat, neue Welten zu erschaffen, der hat auch die Macht, sie zu vernichten. Der Maler Gerhard Richter hatte damit nie ein Problem. "Und siehe, es war sehr gut" – den Gottessatz aus der Genesis hat er bedenkenlos umgedreht, wo ihm etwas an der eigenen Schöpfung nicht gut erschien, unreif.

Seine radikalste Aktion war das Feuer im Hof der Düsseldorfer Kunstakademie, worin er die Bilder seiner ersten Jahre im Westen verbrannte – Annäherungen an die damalige abstrakte West-Moderne, auf die der junge, welthungrige Richter sich nach seiner Flucht aus der DDR 1961 gestürzt hatte. Damit war es bald aus. Richter ging seinen eigenen, unberechenbaren, aber gegenständlicheren Weg.

Es muss nicht immer brennen. Begraben geht auch. Seine künstlerische Existenz vor 1961 hat Richter – der sein gesamtes Frühwerk restlos in Dresden zurücklassen musste, um seine Flucht vor den misstrauischen DDR-Behörden zu tarnen – später rituell beigesetzt, in einem schönen, strengen Pappgrab. Er klebte, wie sein Biograf Dietmar Elger berichtet, "Abzüge aller bislang entstandenen Werke fein säuberlich auf Kartons auf und katalogisierte sie in zwei dicken Mappen. Eine komplette Werk- und Lebensphase hatte der Künstler auf diese Weise für sich verarbeitet und abgelegt. Gerhard Richter wollte mit seinem Frühwerk nichts mehr zu tun haben."

Damit das gleich klar ist: Selbstverständlich hat ein Künstler das Recht, Teile des eigenen Werkes zu verstoßen. Daran ist nichts skandalös – am verstoßenen Frühwerk allerdings auch nicht! Denn das ist das Kuriose an dieser Geschichte. In der Verstoßung des jungen Malers Richter durch den reifen Künstler Richter zeigt dieser sich seltsam einig mit dem Staat, dem er entfloh und dessen Kunstpolitik er später als "truly idiotic" kritisiert hat.

Auch die DDR löschte Richters Werk aus, wenngleich mit gröberen Mitteln – Meißel und Quast. Drei Wandbilder malte Richter in den fünfziger Jahren in Dresden, zwei davon an prominenter Stelle, alle drei wurden nach seiner Flucht beseitigt, geweißt, zerstört. Ein Fall, der in der Kunstgeschichte kaum eine Parallele finden dürfte: Das komplette Frühwerk eines bedeutenden Malers, unisono verstoßen von ihm selbst wie von dem Staat, der ihn verstieß.

Doch die Bilder sind zäh. Manchmal überleben sie alle Bildpolitik. Über dreißig Jahre nach seiner Flucht, im Frühjahr 1994, erhält Richter – für viele Kritiker der wichtigste Maler der Gegenwart, für den englischen Guardian sogar der "Picasso des 21. Jahrhunderts" – Post aus seiner Heimatstadt.

Dort erfindet das weit über Dresden hinaus bekannte Hygiene-Museum sich gerade neu. Gegründet 1911 im Geiste medizinischer Volksaufklärung über Tbc, Tripper und so fort, geht man nun daran, das Haus und seine Idee im Sinne eines umfassenderen Menschenbildes zu renovieren, das Themen wie "Schlaf und Traum" und "Glückssuche" einbezieht. Dabei gerät auch eine große, weiße Wand im Eingangsbereich in den Blick – Gerhard Richter hat sie einmal gut gekannt.