Klimawandel? Das war letztes Jahr, wegen der Weltkonferenz in Bali. Dieses Jahr ist eher Artenschwund, wegen der Weltkonferenz in Bonn; und weil die Preise für Lebensmittel steigen, reden wir 2008 auch über die Ressourcenprobleme der Landwirtschaft. So haben die globalen ökologischen Krisen ihre Konjunkturen, jagen die Debatten den Ereignissen hinterher. Dabei meint man nach vier Jahrzehnten mehrfach wechselnder Phasen der Umweltapokalypsen und -verdrängung eigentlich, alles zu wissen – und registriert routiniert, dass sich die CO₂-Kurven weiter nach oben bewegen, sich die Wüsten ausbreiten, die Zahl der Hungernden wieder steigt.

Wie können Bücher da neue Aufmerksamkeit wecken; wie zeigen sie Zusammenhänge auf und Wege zu handeln? Welche Mittel finden sie wider die Gewöhnung? Immerhin sprießen Ökotitel in diesem Frühling wie lange nicht auf den Bücherwiesen. Und auch der überraschende Erfolg des düsteren Essays von Harald Welzer über die kommenden Klimakriege ist ein Indiz dafür, dass die beschleunigte Verwirklichung der globalen Krisen das Interesse am Thema wieder gesteigert hat. Oder nur die Angst?

Nicht bloß bei der Höhe der Bücherstapel im Handel ragt Welzers Werk über die anderen Neuerscheinungen hinaus. Sein Instrument, Aufmerksamkeit zu erregen, ist Schonungslosigkeit.

»Gewalt hat eine große Zukunft«, mehr als einmal schreibt der Autor diesen Satz. Denn wenn Dürren und Fluten zukünftig in vielen Weltregionen die Böden weiter degradieren ließen, wenn Seen vertrockneten und Flüsse versiegten, prophezeit Welzer, dann werde die Verknappung der Ressourcen unweigerlich zu Gemetzeln führen. Flüchtlinge würden die Konkurrenzkämpfe in andere Regionen weitertragen. Grenzüberschreitende Kriege, vor allem um Wasser, nähmen zu. Und wenn die Opfer all dieser Konflikte sich auf den Weg in Richtung Norden machten, dann blieben auch die Bürger in den Wohlstandszonen nicht mehr friedlich; dann gerieten auch jene Gesellschaften als Fluchtregionen oder terroristische Ziele in den Sog der Gewalt, die die Erwärmung der Erde zwar verursacht haben, ihre Auswirkungen jedoch selbst am wenigsten erleiden.

Der soziale Niedergang wird durch den ökologischen Kollaps ausgelöst

Nicht nur diese Perspektive malt Welzer gut recherchiert aus, er beschreibt auch, dass Klimakriege längst gegenwärtig sind. Die Massaker in Darfur etwa, in westlichen Medien allein als ethnisch begründete Konflikte codiert, seien ursprünglich von den Folgen der Erderwärmung aufgeheizt worden. Dort im Westsudan dringt die Wüste nach Süden vor, sie beschneidet die Lebensräume der Bauern und Hirten, und im Streit um Wasser und Land gingen die angestammten Regeln zu Bruch. »Der soziale Niedergang wird durch einen ökologischen Kollaps ausgelöst«, schreibt der Autor, »aber das sehen die meisten Akteure nicht.«

Welzer ist Sozialpsychologe, seine Argumentationslinie geht auch von seinem Wissen über die Bedingungen aus, unter denen Tötungshemmungen fallen. Am Beispiel des Holocausts und der Völkermorde in Bosnien und Ruanda hat er studiert, »wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden«. Ausführlich schildert er das schleichende, oft manipulierte Abgleiten der Wahrnehmung und Wegrutschen der moralischen Grenzlinien, das es Menschen irgendwann sinnhaft erscheinen lässt, andere Bevölkerungsgruppen auszulöschen. Immer wieder in der Geschichte wurden sie dabei durch tatsächliche oder eingeredete Konkurrenz legitimiert. Während also Klimaforscher Temperaturen und Meerespegel messen und die Öffentlichkeit die Eisbären beweint, lenkt Welzer den Blick auf die sozialen Katastrophen.