Sechs Anmerkungen zum deutschen Theaterwunder
Das System
Die Geschichte des europäischen Theaters begann vor mehr als 2500 Jahren in Athen, sie hatte ihren Gipfelpunkt im elisabethanischen England mit Shakespeare. In gewisser Weise aber erlebt das Theater heute in Deutschland seine größte Blüte. Das Stadt- und Staatstheatersystem dieses Landes ist einmalig in der Welt.
5800 Inszenierungen pro Saison!
Rund 150 von der öffentlichen Hand finanzierte Theater Stadttheater, Staatstheater, Landesbühnen gibt es in Deutschland, außerdem etwa 280 Privattheater, rund 40 Festspiele und eine unschätzbare Anzahl freier Gruppen. Weiterhin: 130 Opern-, Sinfonie- und Kammerorchester und etwa 100 Tourneebühnen. 5800 Inszenierungen werden pro Saison neu aufgeführt - 2500 Werke, meldet der Deutsche Bühnenverein, werden gespielt. Darunter sind 360 Stücke, die als Ur- oder als deutsche Erstaufführungen herauskommen.
Shakespeare, Goethe und Gemetzel
Zu den beliebtesten klassischen Stücken in Deutschland gehören Shakespeares »Sommernachtstraum«, Goethes »Faust« und Lessings »Nathan der Weise«. Im aktuellen Theater hat sich die französische Dramatikerin Yasmina Reza nach vorn geschoben mit den Komödien »Drei Mal Leben« und »Der Gott des Gemetzels«.
Amerika hat nur Manhattan
Anders als Frankreich und England, deren große Bühnen sich in Paris und London ballen, anders als die USA, deren Theaterleben im Wesentlichen von einem Bezirk des New Yorker Stadtteils Manhattan repräsentiert wird, hat Deutschland viele Theaterzentren: Berlin mit fünf großen Bühnen (Berliner Ensemble, Schaubühne, Volksbühne, Deutsches Theater und Gorki Theater), München (mit dem Residenztheater und den Kammerspielen), Hamburg (mit dem Deutschen Schauspielhaus, dem größten deutschen Sprechtheater, und dem Thalia Theater), Stuttgart (mit seinem drei Sparten umfassenden Staatstheater), das Ruhrgebiet mit Theatern in Bochum, Dortmund und Essen und seinen bedeutenden Festivals (Ruhrtriennale und Ruhrfestspiele in Recklinghausen).
Repertoirebetrieb statt En-suite-Spielprinzip
In vielen Ländern dominiert das En-suite-Spielprinzip. In Deutschland herrscht der Repertoirebetrieb. Das heißt: Es wird nicht über Wochen oder Monate dasselbe Stück allabendlich gespielt (wie im Londoner Westend), sondern es kommt im Lauf der Woche allabendlich eine andere Inszenierung auf die Bühne. So kann das Publikum in einer Saison etliche Stücke und ein festes Ensemble in dauernder Verwandlung sehen.
Preisgünstig: Nur zwei Milliarden Euro
Länder und Kommunen lassen sich die Finanzierung der Theaterlandschaft zwei Milliarden Euro kosten. Das sind nur 0,2 Prozent der Gesamtausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden. Das deutsche Theaterwunder ist also eine preisgünstige Angelegenheit. Denn für dieses Geld bekommt die Gesellschaft jährlich 10000 Theateraufführungen und 7000 Konzerte zurück, die von 35 Millionen Zuschauern besucht werden.
Íffentlich finanziert: Stadttheater GießenBerliner Ensemble: F. Junge, K. SingerIn Deutschland sehr beliebt: Shakespeare
- Datum 01.05.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.48
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