Pop Der Teufel und ich
Die deutsche Band Notwist widersetzt sich dem Zeitgeist und erfindet großartige Musik.
Bloß nichts dem Zufall überlassen. Lieber noch mal über den Song gehen. Stimmungen hinterfragen, Soundkonzepte überprüfen. Sich mithin verrennen. Der weitläufige Prozess, der jedem neuen Werk von The Notwist vorauseilt, darf nun wieder bis in die letzten Mikrofasern bestaunt werden. Der Berg hat gekreißt und gebar einen neuen Songzyklus, sechs Jahre nach dem Chartsalbum Neon Golden liegt nun The Devil, You + Me vor. Im Popverkehr ist das eine Ewigkeit – im Universum der Band, die immerzu mit dem oberbayerischen Weilheim assoziiert wird, ist der Faktor Zeit nur ein Zucken in den Hirnen der Musiker.
In Weilheim ticken die Uhren eben anders, pflegen Bandkenner anzumerken. Weilheim, das 20.000-Seelen-Städtchen, das mit dem Erfolg von The Notwist zu einer Wallfahrtsstätte des jüngeren deutschen Indierock wurde, ist längst nicht mehr der Wohnort der Acher-Brüder, die ihre Band hier vor knapp 20 Jahren gründeten. Weilheim ist heute eine Haltung, eine Chiffre für deutsche Wertarbeit. In den Weilheimer Geschichten wird von ambitionierten Gitarrensägern, begnadeten Nuschlern und Elektrosinfonikern erzählt, deren schwer decodierbare Songs erst in den weltweiten Feedbackschleifen das Qualitätssiegel des deutschen Rock und Pop erhalten.
»Man könnte auch schneller und effektiver arbeiten, aber wir hatten Lust, das Spiel mit den Songs auszureizen.« Das ist einer der Sätze, die man von Notwist-Sänger und -Texter Markus Acher in Interviews zur neuen Platte geboten bekommt. Wenn Nick Hornbys High Fidelity nicht schon verfilmt worden wäre, müsste man Markus Acher für eine Rolle als Verkäufer im Championship-Vinyl-Shop vorschlagen – er wirkt wie unser großer Indierock-Vertrauter in Kapuzenjacke. Acher schwärmt von »vielen älteren Songwritersachen und Gospelmusik«, die er während der Aufnahmen zum Album gehört habe, er berichtet vom »Interesse an Vieldeutigkeit«, von »verschiedenen Blickwinkeln, die sich innerhalb eines Songs ergeben«, von den Verwerfungen der Musikarbeit, ja, natürlich auch von dem langen Hin und Her, das die Songs so wunderbar offen lässt. Dass am Ende dieses Prozesses dann keine zehnminütigen Prog-Rock-Monster mit 37 verschiedenen Soundschichten stehen, ist die eigentliche Leistung von Notwist. Sie wollen Popband sein, schon aus Trotz. Genauer: ein Pop-Entwicklungsprogramm in den Grenzlandschaften zu Jazz und Elektronik.
So viel scheint sich dennoch nicht verändert zu haben seit Neon Golden, dem Album, das den kauzigen Bastlern aus der Provinz einen enormen Aufmerksamkeitsschub gab. Notwist bespielen die Bühne der Schwermut heute mit etwas fragileren, leiseren Tönen, benutzen persische Trommeln und arbeiten – kein Grund zu erschrecken – mit einem 20-köpfigen Ensemble, das auf den Namen Andromeda Mega Express Orchestra hört. Nein, der Bombast ist noch nicht eingezogen bei The Notwist, die Entfernung vom Kraftzentrum aller Rockmusiken, der elektrischen Gitarre, hat aber wohl zugenommen. »Where in this world could I go but to the chord that takes me away?«, hört man Markus Acher singen, gedankenverloren, wie in Watte gepackt, in sicherem Abstand zum Mahlstrom des Unterhaltungskapitalismus. Die Arbeiten der Band Notwist sind einer fortgesetzten Suche nach dem Fluchtpunkt Musik zu verdanken. Wenn Acher sich von den Akkorden dieses Liedes förmlich wegtragen lässt, verrät er das »Prinzip Notwist«. Aus den intimen, von Streichern, Gitarren, Loops und Gesängen ausgemalten Songsphären dringt die Band wie von selbst in die weit offenen Hallspiralen von Dub und Techno.
Expeditionen dieser Art brachten The Notwist den Ruf von genialen Grenzüberschreitern ein, auf dem Album Shrink (1998) verwandelte sich die Hardcore-Truppe der frühen Neunziger in eine fabelhafte Band, die langsam zu ahnen begann, welche Möglichkeiten sich ihr im Spiel mit den Rückkoppelungen von analogen und digitalen Signalen boten. Dabei entstanden links und rechts der Schiene Notwist viele neue Bands, in denen die Musiker sich in ganz andere Zusammenhänge verlieren konnten, alle hochgelobt selbstredend: Tied & Tickled Trio, Lali Puna, Ms. John Soda, die Aufnahmen mit den amerikanischen Soundbastlern Themselves, die unter dem Logo »13 & God« vor drei Jahren erschienen, die Filmmusiken für Absolute Giganten und Lichter. Diese Stationen seien unverzichtbar für The Notwist, sagt Markus Acher. »Schritte weg von der Band The Notwist, die helfen, uns wieder auf Notwist konzentrieren zu können.«
All das ist auch gute Tradition. Deshalb mühen sich die Journalisten gerne ab in den schweratmigen Interviews mit den sympathischen Musikern. Die Fachpresse preist sie als »sture, lakonische und wahrhaftige Band«, als »Opposition im künstlerischen Sinne«. Die Band Notwist stillt zuverlässig die erwachsene Sehnsucht nach gestandenen Antihelden, nach klaren, geraden Typen im immer zerfledderteren Musikgeschehen, nach Künstlern, die nicht jeden Schmarrn mitmachen. Dabei stand die Anti-Haltung der Weilheimer schon mehr als einmal auf dem Prüfstand. Als ein Global Player aus der Telekommunikationsbranche der Band einen sechsstelligen Betrag für die Nutzung eines ihrer Songs von
Neon Golden
anbot, sagten die Achers kurz entschlossen Nein. Andere haben ihr Nichteinverstandensein mit den Zeiten und Moden in griffige Parolen verpackt, Tocotronic beispielsweise beschwerten sich zuerst und gaben zuletzt kokett die
Kapitulation
auf dem Albumtitel bekannt. Die Musiker, die sich zum Experiment Notwist treffen, spielen einfach gegen die Vereinnahmung – mit einem Phlegma und einem Willen zur Resistenz, der beispiellos in der deutschen Rock- und Popszene ist. Dabei haben sie, das ist die willkommene Ironie der Geschichte, wieder einen Satz sehr aktueller Musiken erschaffen.
Nicht alle finden das neue Notwist-Album überragend.
Lesen Sie hier die Rezension von Jan Kühnemund »
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- Datum 07.05.2008 - 07:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.05.2008 Nr. 20
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