Bevor ich mit fünfzehn zufällig auf ein Buch von Annemarie Schwarzenbach gestoßen bin, wusste ich nicht, dass die Schwester meines Großvaters Schriftstellerin war. Sie sei früh an den Folgen eines Fahrradunfalls gestorben, hieß es nur. Ich hatte keine Ahnung, dass sie 1939 in einem Ford Cabriolet von Genf bis nach Kabul gefahren war. Und dass sie lesbisch, drogensüchtig und, sehr zum Leidwesen ihrer hitlerbegeisterten Mutter, Antifaschistin gewesen ist, wusste ich damals erst recht nicht.

Heute, gut zwanzig Jahre später, kennt ihren Namen jeder, der sich für Europas Boheme im 20.Jahrhundert interessiert, für die Boheme der zwanziger, dreißiger Jahre, ihre Heimatlosigkeit und Weltsehnsucht. Annemarie Schwarzenbach war eine freie Frau, ein freier Geist, eine Freibeuterin auch. Die Erinnerung an sie, in der engen Nachkriegszeit gelöscht, entfaltete sich gegen Ende der achtziger Jahre neu. Inzwischen ist sie das, was man ein wenig hilflos ob all ihres posthumen Ruhms eine Kultfigur nennt.

Begonnen hatte dies stürmische Leben in einer Schneesturmnacht, am 23. Mai vor genau hundert Jahren in Zürich. Doch fern aller Unwetter wächst sie auf, wohlbehütet im Schoß einer reichen Familie, die mit Seide ihr Geld gemacht hat. Annemarie spielt lieber mit den Brüdern Soldat als mit der Schwester und ihren Puppen, sie nennt sich selbst Fritz oder Paul Otto und möchte General werden. General nämlich ist ihr Großvater Ulrich Wille, der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg.

Als Jugendliche spielt Annemarie ebenso leidenschaftlich Klavier, wie sie tanzt. Statt aber eine Karriere als Pianistin oder Tänzerin zu beginnen – Ausdruckstanz war damals die Avantgardekunst schlechthin –, studiert die Vielbegabte Geschichte in Zürich und in Paris, wo ein Porträt Stefan Georges über ihrem Schreibtisch hängt. Denn die junge Frau will Schriftstellerin werden. Eine Frau zu sehen heißt eine erste Novelle. Darin verliebt sich die junge Ich-Erzählerin in einem Grandhotel von St. Moritz in eine Frau, gerät in einen Zwiespalt der Gefühle und in große Konflikte mit ihrer Familie, steht aber schließlich, "allein und meiner eigenen Entscheidung überlassen", zu sich selbst und ihrer Liebe.

Erika Mann droht den "Schweizerdamen" Prügel an

Ein mächtiger Schatten begleitet Annemarie Schwarzenbach: der Schatten der Mutter. Renée Schwarzenbach, geborene Wille, ist eine starke, strenge Frau, die sich bei der Kindererziehung von den Maximen der Pferdezucht leiten lässt. In Kultur und Politik legt sie für alles Deutsche eine grenzenlose Begeisterung an den Tag; ihre Mutter, die Frau des Generals Wille, ist eine Gräfin Bismarck. Renée Schwarzenbach liebt Wagner, und sie liebt Hitler – und zudem ganz irdisch, von ihrem Gatten geduldet, die Münchner Sopranistin Emmy Krüger. Was sie nicht davon abhält, rasend eifersüchtig auf Tochter Annemarie zu werden, als diese selbst beginnt, sich für Frauen zu interessieren. "Sie hat mich wie einen Buben erzogen und wie ein Wunderkind", erinnerte sich Annemarie Schwarzenbach später. "Sie hat mich ja absichtlich allein gehalten, um mich bei ihr zu halten […]. Sie ist eine ebenso schlechte Pädagogin gewesen, wie sie sich für eine ausgezeichnete hielt – aber ich konnte ihr nie ausweichen, weil ich immer schwächer war als sie und mich doch wieder – weil ich argumentieren konnte – stärker fühlte als sie, das heisst im tieferen Recht fühlte. Und weil ich sie liebe."

Im Herbst 1930 schreibt Annemarie Schwarzenbach einen Brief an Erika Mann. Die Journalistin, Schriftstellerin und Kabarettistin, Tochter Thomas Manns, ist zusammen mit ihrem Bruder Klaus fast ein Jahr lang um die Welt gereist, ihr gemeinsamer Bericht Rundherum liegt in allen Buchhandlungen. Wenig später fährt die junge Schweizerin nach München und verliebt sich Hals über Kopf in die neue Freundin. Aber wohl gerade weil Erika Mann nicht die ersehnte "Freundin-Geliebte" wird, bildet sie bis zuletzt einen Fixpunkt in Annemarie Schwarzenbachs Leben, den Gegenpol zur übermächtigen Mutter.