Äthiopien Addis Abeba boomt

Hunger, Diktaturen und Krieg bestimmten lange das Leben in Äthiopien. Inzwischen wächst die Wirtschaft – auch mit deutscher Hilfe.

Tatek Tadesse sitzt am Steuer seines schwarzen BMW. Er fährt über die Bole Road, die vom Flughafen in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba führt, vorbei an Shopping Malls und Hochhäusern. Alle erst in den vergangenen Jahren gebaut. Tatek dreht Werbefilme für äthiopische Unternehmen. Damit verdient er so viel, dass er bereits seinen zweiten Kinofilm finanzieren kann. »Aus meiner Arbeit kenne ich viele Leute, die in den vergangenen Jahren reich geworden sind«, erzählt er. »In Äthiopien steht fast alles in den Anfängen. Wer da als Erstes mit einer neuen Idee kommt, kann in kurzer Zeit gutes Geld verdienen.«

Kennt man Äthiopien nicht eher als ein rückständiges, hungergeplagtes Agrarland? Schon, aber in Äthiopien gibt es noch eine andere Welt. Die des Adam Abate. Der 32-jährige Äthiopier hat in den USA studiert, als Unternehmensberater gearbeitet und in New York ein Start-up mit aufgebaut. Gemeinsam mit zwei Partnern gründete er zum Jahreswechsel ein Unternehmen in Addis Abeba. Die drei programmieren Software für äthiopische Behörden und Betriebe, denen das Angebot ausländischer Softwarefirmen wie Oracle oder SAP zu üppig und teuer ist. Abate könnte überall auf der Welt einen guten Job finden, aber zurzeit ist er in seiner Heimat. »Der Stand der Entwicklung ist noch relativ niedrig, das macht es so spannend«, sagt er. »Addis ist für mich im Moment der aufregendste Ort Afrikas.«

Äthiopien will mehr exportieren als nur Kaffee und Schnittblumen

Die Welt des Adam Abate wächst, man kann ihr dabei zusehen. In fast allen Vierteln Addis Abebas entstehen neue Häuser, die Hauptstadt scheint eine einzige Baustelle zu sein. In Provinzstädten wie Awassa und Bahir Dar ist es ähnlich. Es sind Zeichen eines beachtlichen Aufschwungs: Dem Internationalen Währungsfonds zufolge wuchs die äthiopische Wirtschaft von 2003 bis 2006 jedes Jahr um durchschnittlich 10,7 Prozent, und die Prognosen für die folgenden Jahre fallen ähnlich hoch aus.

Selbst wenn man das Bevölkerungswachstum von etwa drei Prozent berücksichtigt, gibt es klare Fortschritte beim Pro-Kopf-Einkommen. Vergleichbares Wachstum schaffen in Afrika derzeit nur Ölexportländer wie Angola. Erste europäische Unternehmen nehmen die aufkeimende Wirtschaft wahr, die Commerzbank hat 2007 in Addis Abeba eine Repräsentanz eröffnet. Büroleiter Konrad Engber sagt: »Wenn sich ein Land von fast 80 Millionen Menschen entwickelt, dann kann das ein beachtlicher Markt werden.«

Äthiopien hat sich lange abgekapselt, unter dem Kaiser Haile Selassie ebenso wie unter dem Diktator Mengistu. Nach dessen Sturz 1991 kosteten Machtkämpfe sowie Konflikte mit dem Nachbarn Eritrea ein weiteres Jahrzehnt der Entwicklung. Nach dem Ende des Eritrea-Krieges vor acht Jahren begann jedoch ein robuster Aufholprozess, den selbst die Unruhen nach der Parlamentswahl 2005 nicht aus dem Tritt gebracht haben. Die Partei von Premierminister Meles Zenawi blieb damals an der Macht, obwohl Wahlbeobachter von Fälschung sprachen. Viele Beobachter sagen, dass der Reformeifer der äthiopischen Regierung sogar zugenommen habe.

Freilich: Äthiopien ist selbst im afrikanischen Vergleich immer noch ein armes Land. Gut 60 Millionen Menschen auf dem Land leben nicht viel anders als ihre Vorfahren vor etlichen Jahrhunderten. Die Inseln des Wohlstands und Erfolges sind eher klein. Der Staat bemüht sich aber nach Kräften, das Potenzial für die Industrialisierung zu verbessern. Capacity-Building – Aufbau von Fähigkeiten – lautet derzeit das große Schlagwort in Addis Abeba. Ein eigenes Ministerium kümmert sich darum, der Minister Tefera Waluwa gilt als die Nummer zwei in der äthiopischen Regierung. Er verfolgt eine Doppelstrategie: intensive Wirtschaftsförderung plus mehr höhere Bildung – auf beiden Feldern bezieht seine Regierung im großen Stil Hilfe aus Deutschland.

13 neue Universitäten sollen entstehen, vom Urwald bis ins Gebirge

Die Fabrik der Firma Haile Garment steht am Stadtrand im Osten von Addis Abeba. »Als ich vor drei Jahren hier gebaut habe, gab es in dieser Ecke noch nichts«, sagt der Textilunternehmer Haile Gebreegziabher. Mittlerweile ist ringsum ein ganzes Industriegebiet mit vielen kleinen Textil- und Lederfabriken entstanden. Am Erfolg solcher Fabriken entscheidet sich, ob die Industrialisierung gelingt und das Land unabhängiger von Agrarexporten wird. Bislang hängt die Volkswirtschaft vor allem am Export von Kaffee, Schnittblumen und Kat – einer Droge, die vor allem in die arabischen Ländern verkauft wird.

Die Äthiopier haben keine wertvollen Rohstoffe wie Öl oder Erze. Im Gegenteil, sie bezahlen wegen des steigenden Ölpreises immer mehr Geld für ihre Importe. Das Defizit in der Zahlungsbilanz vergrößert sich seit Jahren. Darum fördert die äthiopische Regierung vor allem Firmen, die eines Tages ihre Waren exportieren könnten. »Die Regierung hat mir nicht nur geholfen, sie hat mich überhaupt erst dazu gebracht, in dieses Geschäft einzusteigen«, sagt Haile. Er erhielt Land und günstige Kredite.

Haile Gebreegziabher ist wie viele erfolgreiche Äthiopier ein Heimkehrer. Er hat während des Mengistu-Regimes im Exil in Italien gelebt. Dort hat er von einem stillgelegten Betrieb auch die Ausrüstung seiner Fabrik besorgt. Aus Europa sind die Textilfabriken vor 30 bis 40 Jahren verschwunden, für Äthiopien aber sind sie eine große Hoffnung: Wenn in einigen Jahren die Chinesen und andere Asiaten so weit sind, dass sie die leichten Industrien nicht mehr interessieren, will das Land zur Stelle sein.

Ein langer Weg. An diesem Morgen sitzen nur an 17 der rund 100 Nähmaschinen Arbeiter und Arbeiterinnen. Sie fertigen Blusen für die Kellnerinnen einer äthiopischen Restaurantkette. Die Firma Haile Garment soll auf den Weltmarkt reüssieren, aber bisher kann sie sich kaum auf dem Binnenmarkt durchsetzen: Chinesische Billigprodukte dominieren den äthiopischen Markt. Güter aus China würden bei der Einfuhr nicht hinreichend besteuert, klagt der Unternehmer – als Gegenleistung für die günstigen Straßen, die die Chinesen in Äthiopien bauen. Die Armen kaufen chinesische Billigwaren, die Reichen wollen ausländische Labels, und dazwischen ist Haile Garment eingeklemmt. Im Mercato, dem großen Marktviertel Addis Abebas, werden zu gut 90 Prozent chinesische Produkte gehandelt. »Ich bin am Mercato nicht konkurrenzfähig, wie soll ich mich dann am Markt in Deutschland behaupten?«, fragt Haile.

Solche Fragen stellen sich auch mehr als hundert Wirtschaftsexperten aus Deutschland, die beim Engineering Capacity Building Program mitwirken. Es sind junge Leute wie der 33-jährige Sinologe German Müller, der zuvor fünf Jahre in Asien gearbeitet hat und Experte darin ist, internationale Absatzchancen auch kleiner Unternehmen aus armen Ländern aufzuspüren. Die Deutschen beraten Ministerien, Firmen und Verbände, sie helfen beim Aufbau eines Standard- und Normwesens und überprüfen die Universitäts- und Berufsausbildung. Eine so umfassende Betreuung gilt in der Entwicklungszusammenarbeit nicht mehr als zeitgemäß, doch die Äthiopier wünschen sich den massiven Experteneinsatz. Die Kosten werden geteilt, Deutschland trägt 38 Millionen Euro für die ersten drei Jahre bis Ende 2008.

Die Äthiopier wissen, dass Fachkräfte nicht dauerhaft von außen kommen können. Ebendarum haben sie, so paradox es klingt, einen weiteren Großauftrag an die deutsche Entwicklungshilfeorganisation GTZ vergeben. Sie organisiert den Bau von 13 neuen Universitäten, quer über das Land verteilt: im Urwald, im Gebirge und am Wüstenrand. Wenn die Bildungsexpansion abgeschlossen ist, sollen 120.000 junge Äthiopier studieren können, vier Mal so viele wie derzeit. »Das Engagement der äthiopischen Regierung finde ich sehr beeindruckend«, sagt Martin Hansen, der Direktor des Projekts. Die Äthiopier arbeiteten so ehrgeizig und diszipliniert wie kaum ein anderes afrikanisches Land an ihrer Entwicklung.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Äthiopien ist ein fantastisches Land. Wer das Land und seine Bewohner einmal erlebt hat, weiß, welches Potential dort vorhanden ist. Ich bin sicher, dass sich Äthiopien in den kommenden 10-20 Jahren sehr zum Vorteil verändern wird. Problematisch könnte sich allerdings die Nachbarschaft zu unruhigen Islam-Ländern wie Somalia und Sudan auswirken.

    • Anonym
    • 18.05.2008 um 11:56 Uhr

    dass der Kat in die arabischen Länder exportiert wird.Äthiopien kann sich ähnlich entwickeln, wie die einigen der Tiger Staaten - Taiwan, Singapur und Thailand - oder auch Südkorea, ohne nennenswerte Rohstoffressourcen, aber durch Kreativität und starken Willen - aus der Rückständigkeit auszubrechen und in der Schwellenländerliga zu landen und Platz 2 hinter Südafrika einzunehmen. Selbstverstänlich, die umliegenden Islamländer können ein Problem darstellen. Es kann aber auch so enden, dass der Südsudan, wo keine islamische Mehrheit lebt, sich von dem Sudan trennt, ähnlich, wie dies mit Eritrea in eigener Sache geschah. Und später kann Äthiopien den Ministaat Djibouti annektieren, um wieder an Meer mit Handelshafen zu gelangen, was für ein Land wie Äthiopien enorm wichtig ist. Die kleine Fremdenlegioneinheit die dort stationiert ist, kann an einem Vormitag besiegt und galant vertrieben werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zur Information: In Athiopien ist die Bevölkerung zu 45% islamisch. Quelle: Auswärtiges AmtSpeziell zu Crusaders Kriegs-Phantastereien:
    "Und später kann Äthiopien den Ministaat Djibouti annektieren,...was für ein Land wie Äthiopien
    enorm wichtig ist. Die kleine Fremdenlegioneinheit die dort stationiert
    ist, kann an einem Vormitag besiegt und galant vertrieben werden."

    Unfassbar, wie hier die Annektion eines unabhängigen Landes gefordert
    wird, welches größer als Zypern oder Luxemburg ist. Aber "Crusader" hat sicherlich
    auch tolle Vorschläge, wie man die Leichen der Zivilbevölkerung eines
    solchen Krieges "galant" an einem Vormittag verscharren kann.

    Zur Information: In Athiopien ist die Bevölkerung zu 45% islamisch. Quelle: Auswärtiges AmtSpeziell zu Crusaders Kriegs-Phantastereien:
    "Und später kann Äthiopien den Ministaat Djibouti annektieren,...was für ein Land wie Äthiopien
    enorm wichtig ist. Die kleine Fremdenlegioneinheit die dort stationiert
    ist, kann an einem Vormitag besiegt und galant vertrieben werden."

    Unfassbar, wie hier die Annektion eines unabhängigen Landes gefordert
    wird, welches größer als Zypern oder Luxemburg ist. Aber "Crusader" hat sicherlich
    auch tolle Vorschläge, wie man die Leichen der Zivilbevölkerung eines
    solchen Krieges "galant" an einem Vormittag verscharren kann.

  2. Zur Information: In Athiopien ist die Bevölkerung zu 45% islamisch. Quelle: Auswärtiges AmtSpeziell zu Crusaders Kriegs-Phantastereien:
    "Und später kann Äthiopien den Ministaat Djibouti annektieren,...was für ein Land wie Äthiopien
    enorm wichtig ist. Die kleine Fremdenlegioneinheit die dort stationiert
    ist, kann an einem Vormitag besiegt und galant vertrieben werden."

    Unfassbar, wie hier die Annektion eines unabhängigen Landes gefordert
    wird, welches größer als Zypern oder Luxemburg ist. Aber "Crusader" hat sicherlich
    auch tolle Vorschläge, wie man die Leichen der Zivilbevölkerung eines
    solchen Krieges "galant" an einem Vormittag verscharren kann.

    Antwort auf "Was ich richtig finde,"
    • Bikila
    • 26.07.2008 um 18:23 Uhr

    Leider habe ich den Artikel erst spät gelesen. Der wesentliche Grund für den Aufschwung im Land liegt in der Millardeninvestition von Sheik Al Amoudider das Land fast im Alleingang entwickelt. Die aufstebende Industrie gehört der kleinen beherschenden Gruppe der Tigre. Sie werden nach Kräften aus Deutschland unterstützt. Als nach der letzten Wahl 40.000 Menschen gefangen genommen wurden und 200 ermordet wurden, hat zur gleichen Zeit der Bundespäsident Köhler den Diktator Melles auf dem Petersberg als Demokraten gefeiert. Hungesnöte gibt es weiter weil das Land den Lebensmittel Export stark ausgedehnt hat. Da es Hilfslieferungen umsonst gibt kann man die eigene Produktion ruhig verkaufen. Die Bauern dürfen nicht mehr selber an die Leute verkaufen. Die für 260 Millionen gebaute Mühle produziert nur für den Export und die baucht Getreide.Der talentierte Filmemacher stammt aus einer wohlhabenden Familie und hätte auch seinen 2. Kinofilm genau wie seinen sehr guten ersten aus der Tasche bezahlen können.

  3. Danke @Bikila, das hört sich (leider) wesentlich glaubwürdiger an als dieer Jubel-Artikel der ZEIT.

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