Atelierbesuch Schönheit, die nie makellos ist

Cornelia Schleime ist selbst davon überrascht, dass 2008 ihr efolgreichstes Jahr wurde. Sie hat einen Roman veröffenticht und stellt Liebesakte aus

Cornelia Schleime, in der einen Hand das strassbesetzte Halsband ihres Beagle-Weibchens Jacky, in der anderen eine Zigarette, steht vor ihrer zum Atelier umgebauten Backsteinscheune und sagt, dass die Anreise jedes Mal wieder "der blanke Horror" sei. Geübte Autofahrer brauchten für die Strecke von Berlin bis ins das kleine Dorf im Brandenburgischen zwar weniger als eine Stunde. Aber sie, Schleime, sei leider keine geübte Autofahrerin. Sie hat erst mit 35 den Führerschein gemacht und mit 54 immer noch Angst vorm Fahren.

Auf der Autobahn klemmt sie sich mit ihrem dunklen Volvo-Kombi am liebsten hinter einen langsamen Lastwagen; und wenn es dann anfängt zu regnen, hält sie auf dem Randstreifen, um ganz tief durchzuatmen. Es sei kaum auszuhalten. "Aber wissen Sie, was interessant ist?" Schleime lässt den Hund los, der sich gleich wie wild im Dreck suhlt. "Ich habe es trotzdem nie bereut, das Haus hier gekauft zu haben." Ihr Wohnatelier in Prenzlauer Berg, 60 Quadratmeter Dachgeschoss mit Blick auf den Fernsehturm, war ihr zu eng geworden und hatte sich auch "künstlerisch irgendwie erledigt". Sie brauchte einen Ortswechsel. Neue Farben, neue Formen. Hier auf dem Land sind die Nachbarn Bauersleute und Arbeitslose, es gibt kein Restaurant, keine Kneipe, keinen Bäcker.

Es ist ein schöner Tag, die Sonne gleißt, im Garten treiben die ersten Kräuter aus. Schleime reißt ein paar Blättchen von einem Rosmarinstrauch und zerreibt sie in der Hand. Drinnen im Atelier, das nahtlos in eine offene Küche und ein riesiges Wohn- und Esszimmer übergeht, füllt sie Hundefutter in einen Trog und setzt Kaffee auf. Die Stahlrohrsessel und den Holztisch hat sie kurz nach dem Einzug vor drei Jahren bei eBay ersteigert, nur das Geschirr mit den lasziven Frauenakten, in dem nun der Kaffee dampft, hat Erinnerungswert. Sie hat es zu DDR-Zeiten selbst bemalt, nachdem sie nicht mehr ausstellen durfte, weil ihr Frauenbild nicht dem des Sozialismus entsprach. Keramik war Handwerk und deshalb auch für Unpersonen erlaubt. Sogar hochrangige Funktionäre sollen bis zu ihrer Ausreise 1984 Teller und Tassen bei ihr gekauft haben.

Schleime, die erst in den Neunzigern mit ihren poppigen Mädchenakten berühmt wurde, grinst. Sie ist sehr klein und schmal. In ihrer rosafarbenen Lederjacke und den silberfarbenen Turnschuhen könnte man sie, von hinten, für eine 20-Jährige halten. Ihre verräucherte Bardamenstimme verrät ihr Alter. "2008 ist irgendwie mein Jahr", sagt sie. In der Berliner Galerie Michael Schultz ist eine Ausstellung zu sehen, im Juni widmet ihr die Kunsthalle Tübingen eine große Retrospektive, der Prestel-Verlag gibt eine Sammleredition mit erotischen Zeichnungen heraus. "Und mit dem Rummel um den Roman hatte ja auch keiner gerechnet." Sie jedenfalls nicht.

Weit fort, so der Titel ihres 111 Seiten langen Debüts, das in allen großen deutschen Feuilletons ausführlich besprochen wurde, war ursprünglich eine Selbsthilfemaßnahme. Sie musste damit klarkommen, dass sie sich zum zweiten Mal in ihrem Leben auf einen Stasi-Mann eingelassen hatte . Der erste war Sascha Anderson gewesen, der Dichter-Spitzel von Prenzlauer Berg. Nach seiner Enttarnung Anfang der neunziger Jahre widmete sie ihm eine Collage aus vergrößerten Abzügen ihrer Akte und Fotos, in denen sie die beschriebenen Szenen ironisch nachstellt. Die Reihe hieß Bis auf weitere gute Zusammenarbeit, Nr. 7284/85. Aber ein zweites Mal wollte sie ihre Kunst nicht mit dem Thema belasten. Sie ist schließlich keine politische Künstlerin.

"Meine Bilder kritisieren nichts, und sie erzählen auch keine Geschichten", sagt sie. Ihre Bilder sollen ausdrücken, wofür ihr die Worte fehlen; Kunst entstehe immer "aus einem Mangel heraus". Mit den Love Affairs, die im Atelier, gegen die Wand gestapelt, auf den Galeristen warten, hat sie begonnen, nachdem sich "die Liebe aus einer elfjährigen Beziehung verflüchtigt hatte". Es sind wandfüllende Liebesakte von Menschen, denen man ansieht, dass sie beim Sex schon lange nicht mehr aneinander gedacht haben. Mal zwinkert die Frau am verträumten Partner vorbei, mal ist ein Herrenhandschuh an ihrer Hand das Einzige, was von der Leidenschaft gebliebenen ist.

Für Schleime, deren Bilder gewöhnlich so bunt sind wie ihre Klamotten, ist die Serie erstaunlich düster und erdig geraten. Das liege, sagt sie, auch daran, dass sie letztes Jahr so viel im Garten gewühlt habe. So eine Erfahrung präge einen stärker, als man selbst merke. "Es geht beim Malen immer auch um eine bestimmte Form Ästhetik", sagt sie, es geht um Schönheit, die bei ihr nie makellos ist.

Ihre Frauen haben manchmal Hasen- oder Widderköpfe und oft verschiedenfarbige Augen. Sie malt Porreestangen, die aussehen wie Hochhäuser, Jäger, die wie blasierte Götzen auf ihren Pferden sitzen. Die ehemalige Katholikin zeigt Johannes Paul II. als moribunde Popikone, ihre Nonnen schauen sinnlicher als die junge Brigitte Bardot.

Das Bildnis einer jungen Wissenschaftlerin, das sie an einen Scheich in Dubai verkauft hat, besteht fast nur noch aus einer riesigen schwarzen Brille. Sie weiß nicht, was der Scheich mit dem Bild gemacht hat, ob es im Museum hängt, in einem Privatgemach oder im Depot. Es ist ihr auch egal. "Wenn die Bilder weg sind, sind sie nicht mehr meine Kinder."

Schleime freut sich schon auf den Moment, wenn die Galerie die Loveaffair- Bilder endlich abgeholt hat, auf das Gefühl der Leere, das sich dann einstellt. Eigentlich, sagt Schleime, sei der Herbst ihre produktivste Zeit. Wenn die Menschen sich aus der Welt in ihre Wohnungen zurückziehen, geht sie aus sich heraus. Im Sommer malt sie am liebsten in der Nacht, die auf dem Land viel tiefer ist als in der Stadt, viel schwärzer, viel stiller und vor allem viel einsamer. "Wenn ich das nicht aushalten würde, hätte ich meinen Beruf verfehlt."

Cornelia Schleime wurde 1953 in Ost-Berlin geboren. Sie studierte in Dresden und wurde nach dem Studium in der DDR mit einem Ausstellungsverbot belegt. 1984 siedelte sie in den Westen über, wo sie Mitte der neunziger Jahre mit ihren Porträts bekannt wurde. Ihre Ausstellung "Love Affairs" ist noch bis zum 27. Mai in der Galerie Michael Schultz in Berlin zu sehen. Vom 7. Juni bis 7. September werden diese Bilder zusammen mit anderen unter dem Titel "Blind Date" in der Kunsthalle Tübingen gezeigt.

 
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