Aus dem Hinterhalt
In diesen Tagen beginnt die Konferenz deutscher und polnischer Historiker mit dem Ziel, ein gemeinsames deutsch-polnisches Geschichtslehrbuch zu erarbeiten. Pünktlich zu dieser erstaunlichen Konferenz hat die rechtsnationale polnische Zeitung Rzeczpospolita eine Breitseite gegen Wodzimierz Borodziej abgefeuert und damit große Aufregung verursacht. Borodziej ist nicht irgendjemand. Er ist ein prominenter Zeithistoriker, der sich mit der Dokumentation über die Deutschen in Polen 19451950 international einen Namen gemacht hat.
Außerdem war Borodziej zehn Jahre lang Vorsitzender der deutsch-polnischen Schulbuchkommission und ist für seinen Beitrag im deutsch-polnischen Dialog mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.
Der Schütze, der den Angriff auf Borodziej geführt hat, ist Bogdan Musial, ein deutsch-polnischer Privathistoriker, der die erste Wehrmachtausstellung zu Fall brachte, indem er nachwies, dass einige Fotos nicht die Verbrechen Hitlers zeigten, sondern die Stalins. In seiner Polemik gegen Borodziej nennt Musial seinen Kollegen einen Helfershelfer der Deutschen, weil er die Vertreibungen nach 1945 als eine souveräne polnische Entscheidung bezeichnet habe und nicht als eine von Stalin diktierte Maßnahme. Damit verbreite Borodziej die alte kommunistische Lüge, wonach Volkspolen damals ein souveräner Staat gewesen sei. Einen Beweis für seine Anschuldigung blieb Musial seinen Lesern allerdings schuldig.
Der Angriff hat eine Welle der Solidarität mit Borodziej ausgelöst.
Dutzende unterzeichneten einen Protestbrief, darunter so namhafte Historiker wie der in den USA lebende Nestor der polnischen Geschichtsschreibung, Piotr Wandycz, und die Posener Deutschlandexperten Anna Wolff-Powska und Hubert Orowski. Mit dabei ist auch die Prominenz der Warschauer Zeitgeschichte, Jerzy Holzer und Andrzej Friszke. Sie betrachten Musials Text nicht nur als Angriff auf Borodziej, sondern auf den deutsch-polnischen Historikerdialog im Ganzen.
Die Geschichtsschreibung ist nicht nur ein Tummelplatz von Ideen, sondern auch von individuellem Ehrgeiz, von Enttäuschungen und Machtproben. In Musials Fall mag dies eine Rolle spielen. Der ehemalige Bergmann, der 1985 in die Bundesrepublik kam, die deutsche Staatsbürgerschaft annahm und Geschichte studierte, ging nach 1989 ans Deutsche Historische Institut in Warschau. Bald jedoch distanzierte sich die Direktion von ihm. Nach der Rechtswende in Polen 2005 wurde er Mitarbeiter des Instituts für Nationale Erinnerung (IPN), der polnischen Birthler-Behörde.
Dass die Vorwürfe gegen Borodziej haltlos sind, muss auch das IPN bemerkt haben, denn es erzwang eine Notiz unter Musials Text, wonach dieser nicht die Meinung des Instituts wiedergebe. Diese Distanzierung hinderte die Rzeczpospolita allerdings nicht daran, die Schmähung zu drucken. Obwohl ein Wilderer einen Bock geschossen hatte, ließ man ihn gewähren. Warum? Weil er den Konservativen einen Dienst erwies und einen missliebigen Platzhirsch verletzte.
Und doch hat Musial sich ins eigene Fleisch geschnitten. Sein Foulspiel zog Empörung und Gespött über seinen laschen Umgang mit den Quellen nach sich. Damit habe er seine eigenen Forschungen diskreditiert, schrieb in der Gazeta Wyborcza Robert Traba, der Leiter des polnischen Zentrums für historische Forschung in Berlin. Musial kenne offensichtlich nicht einmal jene Vertreibungsdokumentation, die er beanstande.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Dies ist kein marginaler innerpolnischer Historikerstreit. Für die polnische Rechte ist das Thema Deutschland längst zum Kampfplatz um die Meinungsführerschaft im Lande geworden. Gerade Musial verspürt einen Drang, sich in Polen neu zu positionieren. Er beschuldigt Borodziej, sich an kommunistischen Geschichtsverfälschungen beteiligt zu haben und wirft ihm zugleich vor, mit seiner prodeutschen Haltung um Ansehen im Westen zu buhlen.
Auch reichert er seine Attacke mit einer Unterstellung ad personam an: Borodziej sei der Sohn eines kommunistischen Agenten. Will er ihn in Sippenhaft nehmen? Um den Sohn zu treffen, gegen den man nichts vorzubringen hat, wühlt man in der Biografie des Vaters. Adam Krzemiski
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.21 vom 15.05.2008, S.48
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