Biogas Es gärt

Seit die Preise auf dem Agrarmarkt explodieren, kämpft die Biogasbranche ums Überleben.

Besonders schön sehen sie nicht aus, die halbkugelförmigen Reaktoren der Biogasanlagen, die man immer häufiger am Rande der Dörfer sieht. Die auffälligen Aggregate stehen für eine klimafreundliche Zukunft der Energieversorgung mit nachwachsenden Rohstoffen. Und für ein verlässliches Auskommen der ländlichen Bevölkerung. Landwirte, so schwärmte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner, würden zu »Energiewirten« und endlich unabhängiger vom Lebensmittelmarkt und seiner »Geiz ist geil«-Mentalität.

Doch die rosige Zukunft scheint schon wieder Vergangenheit zu sein. Seit einem Jahr haben sich die Preise für Weizen, die »Leitwährung« auf dem internationalen Agrarmarkt, mehr als verdoppelt. Jetzt gärt es nicht nur in den Bioreaktoren, sondern auch bei den Bauern. »Das Haus brennt lichterloh«, sagt Christian Rinser, der im oberbayerischen Rott am Inn eine Biogasanlage betreibt. Rinser füllt seine Reaktoren mit der Gülle seiner 100 Rinder sowie Weizen- und Maissilage, die er überwiegend selbst produziert. Für ihn ist der traumhafte Preis, den er jetzt auf dem Lebensmittelmarkt erzielen könnte, nur entgangener Zusatzgewinn.

Richtig hart trifft es diejenigen, die das Futter für ihre Biogasanlagen zukaufen müssen. »Einige Anlagen stehen kurz vor der Insolvenz«, sagt Claudius da Costa Gomez, Geschäftsführer des Fachverbandes Biogas. Rupert Schäfer, Referent für Agrarforschung und nachwachsende Rohstoffe im Bayerischen Landwirtschaftsministerium, bestätigt, dass sich etliche der 1.400 bayerischen Anlagenbetreiber »in einer wirtschaftlich angespannten Lage« befänden. Bricht jetzt mit dem Biogas nach dem Biodiesel ein zweites Standbein einer zugleich nachhaltigen wie wirtschaftlich erfolgreichen Energieversorgung weg?

Als die Agrarpreise am Boden lagen und der Bund sich anschickte, die Biogasproduktion kräftig zu fördern, schien beim Boom der Branche kein Ende in Sicht. Allein seit der Novelle des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) im Jahre 2004 verdreifachte sich die installierte elektrische Leistung von 390 auf 1271 Megawatt im Jahre 2007. Zum Vergleich: Das bayerische Kernkraftwerk Ohu an der Isar besitzt eine installierte elektrische Leistung von 900 Megawatt. Die Zahl der Anlagen erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 2050 auf 3711.

»Die Diskussion ›Teller gegen Tank‹ hat uns sehr geschadet«

Mittlerweile ist der Bau von kleinen bis mittelgroßen Biogasanlagen fast zum Erliegen gekommen. »Investieren will doch keiner mehr, da wird höchstens mal die eine oder andere Anlage modernisiert«, sagt Claudius da Costa Gomez. Im Überschwang der Boomjahre prognostizierte der Fachverband eine Zunahme der elektrischen Leistung aus Biogasanlagen bis 2020 auf 5.000 Megawatt und die Menge des dadurch eingesparten Klimagiftes Kohlendioxid auf etwa 35 Millionen Tonnen pro Jahr. »Wenn sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht entsprechend ändern«, so da Costa Gomez, »werden wir das Ziel unter den gegenwärtigen Marktbedingungen nicht erreichen.«

Auch die Hersteller von Biogasanlagen bekommen das vorläufige Ende des Booms zu spüren. Die Schmack Biogas AG im oberpfälzischen Schwandorf, einer der weltweit größten Komplettanbieter von Biogasanlagen, hat im März bereits 60 Mitarbeiter entlassen. Mit dem Anstieg des Weizenpreises verlor die Schmack-Aktie rund zwei Drittel ihres einstigen Wertes. »Vor allem die Diskussion ›Teller gegen Tank‹ hat uns sehr geschadet«, sagt Firmensprecher Markus Meyr. Dadurch drohe die ganze Branche in Verruf zu geraten. Parallelen mit der Diskussion um die negativen Folgen der Biodieselproduktion für die Nahrungsmittelversorgung vor allem der armen Länder will Meyr für seine Branche jedoch nicht gelten lassen. »Wir können ja auch Reststoffe der Nahrungsmittelproduktion und Gülle sowie bestimmte Gräser einsetzen, die nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen.«

Hilfe erwartet sich die Biogasbranche von der Politik. In der Großen Koalition in Berlin wird gerade über eine neuerliche EEG-Novelle diskutiert. Im Mai soll das Gesetz im Bundestag beraten werden. Es scheint auf eine maßvolle Erhöhung der Bonuszahlung für den Einsatz nachwachsender Rohstoffe (Nawaro) wie Weizen oder Mais von derzeit sechs auf acht Cent pro Kilowattstunde hinauszulaufen. Dabei handelt es sich um einen Aufschlag für den eingespeisten Strom. Außerdem soll es einen neuen Zuschlag für die Vergärung von Gülle und eine bessere Abwärmenutzung geben. Beides würde eher kleineren Anlagen zugute kommen. Der Fachverband Biogas hatte ursprünglich eine Koppelung der Preise für nachwachsende Rohstoffe an den Weizenpreis gefordert. »Mit den acht Cent Nawaro-Bonus in Kombination mit den anderen Anreizen könnten wir aber erst einmal leben«, sagt Claudius da Costa Gomez.

Die bäuerlichen Biogasproduzenten – sie stellen bislang noch die Mehrzahl der Anlagenbetreiber – sehen sich von zwei Seiten in die Zange genommen. Zum einen vom Weltmarkt, zum anderen von den großen Energieversorgern, die den Biogasmarkt entdeckt haben und riesige Anlagen ins Land klotzen, die mit ihrem großen »Futter«-Bedarf den Preiskampf weiter anheizen. E.on betreibt zurzeit neun Anlagen mit direkter Verstromung und zwei weitere, mit denen Biogas in Erdgasqualität produziert und ins Netz eingespeist werden kann. Die Rentabilität der Anlagen werde nur »teilweise« durch die Entwicklung der landwirtschaftlichen Erzeugerpreise beeinflusst, sagt ein E.on-Sprecher. Große Teile der Versorgung seien durch Substrate gesichert, »die nicht in Konkurrenz zur Getreide- und Nahrungsmittelproduktion stünden. »Wir verfolgen unser Bioerdgas-Konzept konsequent weiter, weil es ein hohes ökologisches und ökonomisches Potenzial hat.«

Ludwig Trautmann-Popp, Energiereferent beim Bund Naturschutz (BN) in Bayern, glaubt, dass sich die Konzerne mit ihrem Biogasgeschäft nur ein »grünes Mäntelchen« umhängen wollten. Er gehört zu den wenigen, die das Ende des Biogasbooms auf Grundlage nachwachsender Rohstoffe begrüßen. Trautmann-Popp hält den per Nawaro-Bonus geförderten Intensivanbau von Energiepflanzen für einen Irrweg.

Ursprüngliche Idee der Biogaserzeugung sei es gewesen, Reststoffe der Agrar- und Forstwirtschaft klimafreundlich zu verwerten, sagt Trautmann-Popp. »Zu diesen Ursprüngen muss die Branche zurückfinden.« Der Umweltexperte stützt sich auf ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates Agrarpolitik beim Bundeslandwirtschaftsminister, das schon eine leichte Erhöhung des Nawaro-Bonus als »falsches Signal« bewertet. Bei einem sinkenden Agrarpreisniveau würden »erneut Investitionen angeregt, die aus klimapolitischer Sicht nicht sinnvoll sind«. Würden nämlich Grünflächen oder sogar Wälder für die Produktion nachwachsender Rohstoffe umgepflügt, komme es dort über viele Jahre zu einem Anstieg des CO2-Ausstoßes.

Dies bedeute »im ungünstigsten Fall, dass die Biomasse-Förderung die Treibhausgasproblematik sogar noch verschärft«. Die Einspeisevergütung von Strom aus Biogas soll nach Einschätzung des Beirates so angepasst werden, dass sich Investitionen in neue Biogasanlagen nur noch lohnen, wenn sie auf der Basis von Gülle und Reststoffen laufen und ein rentables Wärmenutzungskonzept haben. Dazu empfiehlt das Gremium, den Nawaro-Bonus für Neuanlagen komplett abzuschaffen.

»Jeder Investor überlegt jetzt dreimal, ob er noch eine Anlage baut«

Wenn die EEG-Novelle rechtzeitig verabschiedet würde, könne der Markt schon 2009 wieder anziehen, hofft zumindest Markus Meyr von der Schmack Biogas AG. Rupert Schäfer vom Bayerischen Landwirtschaftsministerium glaubt dagegen, dass es sich auch bei einer Erhöhung der Einspeisevergütungen »jeder Investor dreimal überlegt, ob er noch baut«. Vor allem bäuerlichen Gemeinschaftsanlagen mit einer guten Nutzung der Abwärme oder Gaseinspeisung gibt er noch eine Zukunft. Die Bauern könnten einen Teil ihrer Flächen für die Biogasproduktion einbringen und sich mit einem zweiten oder dritten Standbein vom Agrarweltmarkt unabhängiger machen. So könne man, wie beim Management eines Aktiendepots, Risiken streuen. »Wer alles in die Biogasanlage steckt, setzt eben alles auf eine Aktie und muss das volle Risiko tragen.«

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Leser-Kommentare
  1. Wenn die Große Koalition allen Ernstes plant, selbst noch zum jetzigen Zeitpunkt, wo die Diskussion um "Tank und Teller" eigentlich schon gelaufen ist (d. h. wo jeder weiß, dass eine energetische Verwendung pflanzlicher Rohstoffe das Nahrungsmittelangebot verknappt), die Einspeisungsvergütungen für Strom aus Biogasanlagen zu erhöhen, um für die Betreiber die Verwendung von Mais und Weizen zu Verstromungszwecken  wieder rentabel zu machen, dann muss die Frage erlaubt sein, ob wir von Idioten regiert werden.
    Die einzige alternativ mögliche Annahme, dass nämlich die Politik wissentlich und willentlich Hilfestellung leistet, um den Menschen die Lebensmittel zu verteuern, wäre noch weit weniger schmeichelhaft: in diesem Falle würden wir nämlich von Verbrechern regiert.
    Allzu leicht haben sich Menschen bisher in ihren alltäglichen Konversationen darauf verständigen können, dass die Politiker doch "alles Verbrecher" seien. Da ging es meist um Diätenerhöhungen. Peanuts sind das im Vergleich zu dem, was man hier vorhat!
    Danke an Georg Etscheit für den ausgezeichneten Bericht; zugleich aber auch die Bitte, nicht die Sprachregelungen der Entrahmte-Frischmilch-Verkäufer in Politik und Interessenverbänden zu übernehmen. Ein Aufschlag von 2 Cent auf 6 Cent ist eine Erhöhung der Einspeisungsvergütung um 1/3 oder 33,33%: das ist weiß Gott keine "maßvolle Erhöhung der Bonuszahlung für den Einsatz nachwachsender Rohstoffe (Nawaro) wie Weizen oder Mais".
     
    Aber maßvoll oder nicht: jede Schaffung weiterer Anreize zur Verstromung von Nahrungsmitteln ist eine maßlose Sauerei! Wenn der Firmensprecher eines Biogas-Anlagenherstellers sagt: »Wir können ja auch Reststoffe der Nahrungsmittelproduktion und Gülle sowie bestimmte Gräser einsetzen, die nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen« dann sollten wir sagen: na prima, denn macht das man! Da braucht ihr ja auch keine höhere Einspeisungsvergütung! Aber wahrscheinlich sind Treber, Gülle und Gräser eher weniger geeignet. Denn sicherlich hat "der Fachverband Biogas" nicht ohne Grund "eine Koppelung der Preise für nachwachsende Rohstoffe an den Weizenpreis gefordert". Das kommt aber sicher auch noch - wenn wir unsere entweder gehirnamputierten oder kriminellen Volksvertreter in Berlin nicht schleunigst ausbremsen!
     
    Zeterum zenseo allerdings, dass meine Leser jetzt nicht einfach heftig zustimmend nicken und dann wieder auf ihren gewohnten Denkgleisen vorwärts dampfen. Auf andere schimpfen ist immer leichter, als sich die Widersprüche der eigenen Wünsche einzugestehen. In diesem Sinne spreche ich hier jene an, die bei dem Wort "Atom(strom)" gleich zu HB-Männchen werden: Was wollen Sie eigentlich? Ihre Lichter schalten Sie doch auch nicht aus und das Öl ist bald alle. Ist es nicht besser, unseren Strom aus Atomreaktoren zu beziehen als aus Biogasreaktoren?
    Wo "Öko" draufsteht, ist nicht unbedingt Intelligenz drin. Und auf die Dauer kann die Politik nicht intelligenter agieren als die Bürger sind. Als ausgesprochener Ressourcenpessimist verkenne nicht, dass unsere Gesellschaft rasch zunehmend mit unlösbaren Problemen konfrontiert sein wird. Die müssen wir alle - Bürger und Politik - aber nicht noch selber grob fahrlässig oder gar vorsätzlich verschärfen, gelle?
     
    CANABBAIA
    http://beltwild.blogspot.com/
    Interessen erhellen - sich Widersprüchen stellen

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