Österreich Das sogenannte Böse

Im Kriminalfall Josef F. sehen Kardinal und Altkanzler finstere Kräfte am Werk. Wissenschaftler leugnen hingegen den freien Willen.

Bis in das ferne Buenos Aires verfolgte vergangene Woche den Weltenbummler Alfred Gusenbauer seine niederösterreichische Heimat. Über die »Inkarnation des Bösen«, deren die Welt in Amstetten ansichtig geworden war, grübelte das argentinische Nachrichtenmagazin Noticias, und vergeblich wollten Zeitungsreporter von dem österreichischen Bundeskanzler eine einleuchtende Erklärung für die monströse Tat des Josef F. hören, der seine Tochter jahrzehntelang in einem Kellerverlies gefangen gehalten und vergewaltigt hatte. Kaum jemand, der in den vergangenen Wochen nicht danach gefragt hätte.

Alfred Gusenbauers Vorgänger Wolfgang Schüssel bereitete eine Deutung des Verbrechens keine Schwierigkeiten. »Was meiner Einschätzung nach die wirkliche Ursache ist«, erläuterte der ÖVP-Klubobmann im Parlament, »es gibt das Böse in der Welt. Es gibt dieses Böse, auch wenn wir es gerne aus der Welt hinauskomplimentieren möchten.«

Das Böse. Diese These belustigt den Theologen Adolf Holl – bestenfalls. »Amstetten, das Böse, Schüssel – das liegt nun wirklich unterhalb meines Radars«, sagt er. Für Kommentare zu banalen Erklärungsmustern sei er nicht zu haben. Deshalb wird dem dissidenten Katholiken vermutlich auch die Überlegung seines Kardinals lediglich ein mitleidiges Seufzen entlocken können. »Vielleicht ist es die Anfrage an uns, wie ernst wir die Realität des Bösen nehmen«, sinnierte Christoph Schönborn im Pfingstgespräch mit der Presse . Der Wiener Seelenhirte sagt, er jedenfalls habe den Eindruck, »mit einer abgründigen Realität des Bösen konfrontiert zu werden, die eben nicht einfach wegerklärt werden kann«.

Wie stets, wenn ein Verbrechen die Vorstellungskraft übersteigt, evoziert auch diesmal die erschütternde Dimension des Tathergangs die Vorstellung einer zerstörerischen Macht, die sich rationaler Erkenntnis entzieht – nicht nur im Weltbild des Glaubens oder im Vokabular der Sensationsmedien. Auch der gern in solchen Fällen zu Rate gezogene Psychiater Reinhard Haller spricht vom »Reich des Bösen«, wenn er das Verlies des Josef F. meint. Sogar im Kommentar eines linken Moralisten taucht prominent »das Böse« auf, »das wir nicht zu erklären vermögen«. In der breiten Öffentlichkeit nimmt es dann die Gestalt des »Monsters«, der »Bestie«, des »Ungeheuers« an, und seit dem Bericht von Hannah Arendt über den Eichmann-Prozess gesellen sich regelmäßig die Adjektive »banal« und »bieder« hinzu.

Bunte Computerbilder zeigen: Das Böse haust im limbischen System

Er hätte besser vom »sogenannten Bösen« gesprochen, sagt Reinhard Haller, womit jenes Segment der Täterpsyche gemeint sein soll, das »vielleicht erklärbar, aber nicht restlos entschlüsselbar ist«. Der Psychiater will sich dadurch nicht in eine »metaphysische Anrufung« retten. Doch auf absehbare Zeit gebe es in den Naturwissenschaften eine Grenze, jenseits derer sich das Unfassbare befinde, dem auch mit dem modernsten Instrumentarium nicht beizukommen sei. Noch nicht. »Vielleicht gibt es ja eines Tages eine Maschine, in die man einen Täter nur hineinschieben muss, um seine Defekte ablesen zu können.«

Das Lesegerät könnte Magnetresonanz- oder Kernspintomograf heißen, eine Röhre, in der die Gehirntätigkeit gescannt werden kann. Auf den bunten Computerbildern, die veranschaulichen, welche Hinregionen bei welchem Reiz, den die Sinnesorgane weiterleiten, tätig werden, kann das sogenannte Böse sogar verortet werden: Es haust angeblich im limbischen System.

Eine neue Generation von Neurobiologen schiebt derzeit emsig jede Menge schwerer Kaliber – Psychopathen, Pädophile, Massenmörder, Vergewaltiger – in den Kernspintunnel, als habe die Wissenschaft ein Echolot erfunden, mit dem sich menschliche Abgründe ergründen ließen. Damit versuchen die Forscher seit einigen Jahren zu beweisen, dass der Mensch gar nicht zu einer freien Willensentscheidung fähig sei, sondern von den komplexen Schaltkreisen in dem grauen Klumpen unter seiner Schädeldecke gesteuert werde und somit auch das Böse eine Fiktion sein müsse, da niemand aus freien Stücken wählen könne, entweder Gutes oder Böses zu tun. Die Frage nach persönlicher Schuld stellt sich dann ebenso wenig wie jene nach individueller Verantwortung.

Diese Avantgarde der Menschenforschung arbeitet an einem mechanistischen Weltbild, in dem letztlich jeder Einzelne zu einem kalkulierbaren Sicherheitsrisiko geworden ist, dessen Defekte eines Tages vielleicht sogar repariert werden könnten. In dieser Welt ist kein Platz mehr für Juristen oder Rechtsphilosophen. Das Böse ist dann abgeschafft, jede Sinnsuche als lächerlicher Aberglaube entlarvt. Die Gesellschaft muss ihr Wohl und Wehe einer Zunft von Neuroingenieuren anvertrauen, die allein in der Lage sind, ein gefährliches Synapsengewitter oder einen Orkan der Neurotransmitter wieder zu besänftigen. Selbst die größten Blutsäufer der Geschichte müssten dann rehabilitiert werden. Auch singuläre Menschheitsverbrecher wie Hitler und Stalin, könne man nicht länger für ihre Untaten verantwortlich machen, vertraute unlängst Gerhard Roth, ein extremer Vertreter dieser Denkschule, dem Spiegel an: »Sie haben sich nicht freiwillig dazu entschieden, sondern sie wurden aus extrem starken Motiven dazu getrieben.« Auch das ein Weg, auf dem das Böse wieder aus der Welt kommt.

Das Böse ist ein Name für die Abwesenheit der guten Gründe

»Das Böse ist lediglich eine abstrakte Kategorie«, urteilt der Wiener Evolutionsbiologe Franz Wukitits. Auch er stellt die Existenz freier Willensentscheidung in Abrede, obschon er die Sicht der conditio humana, die seine Kollegen aus der Gehirnforschung leitet, doch für etwas »zu reduktionistisch« hält. »Natürlich haben wir einen Willen«, sagt Wukitits, »aber er ist nicht frei.« Vielmehr sei er geprägt durch eine Vielzahl von Komponenten, die sich aus der Herkunft der Spezies ebenso herleiten wie aus sozialen Erfahrungen des Individuums. Jede Entscheidung fällt, weil sie unter diesen Vorgaben gar nicht anders fallen könne. Für ein Justizsystem, »das noch immer in den archaischen Kategorien von Schuld und Sühne denkt«, fehlt dem Verhaltensforscher jedes Verständnis. Stattdessen sollte das Strafrecht nach gesellschaftlichen Schutzmechanismen sinnen, wie sie auch Ameisenvölker besitzen, um das Fehlverhalten einzelner Artgenossen zu neutralisieren. »Unser Gehirn ist in der Evolution nicht dazu selektiert worden, die Wahrheit über diese Welt zu erkennen«, behauptet Wukitits, »sondern nur dazu, seinem Träger das Überleben zu ermöglichen.«

»Ideen verhalten sich nicht nach den Prinzipien von Anpassung und Selektion«, widerspricht der Philosoph Konrad Paul Liessmann dieser Vorstellung. Der Prozess der Zivilisation sei auf einem streng evolutionären Weg nicht denkbar. Liessmann sieht in solchen Erklärungsstrategien »Beruhigungspillen, die weit weniger provozierend sind, als ein Modell, das von der Willensfreiheit des Menschen ausgeht«. Auch wenn die Freiheit nach Kant prinzipiell nicht fassbar sei, sich weder biologisch noch physiologisch beweisen lasse, »so können wir doch nicht anders, als uns dieses Prinzip gegenseitig zu unterstellen«. Andernfalls münde jedes Denken in einer sinnentleerten Endlosschleife, die zu keiner der menschlichen Kulturtechniken führen könne.

So kommt das Böse neuerlich in die Welt. Wenn man dem Menschen Willensfreiheit zugesteht, ist es sogar eine Voraussetzung dazu. Um eine Entscheidung zu treffen, bedarf es der Alternativen, selbst wenn diese nicht bewusst wahrgenommen werden. Man dürfe nur nicht in die »Falle« tappen, meint Liessmann, »das Böse zu einem metaphysischen Prinzip hochzustilisieren«.

»Es wäre alles einfacher, wenn das Bewusstsein nur bewusstes Sein wäre«, meint der deutsche Kulturphilosoph Rüdiger Safranski. »Aber es reißt sich los, wird frei für einen Horizont von Möglichkeiten.« Und ein Teil dieser Möglichkeiten, die bedrohlichsten und ungeheuerlichsten, sind in den Sphären des Bösen angesiedelt. Man kann in dem gesamten Prozess der Zivilisation auch den fortgesetzten Versuch sehen, dieses finstere Potenzial der menschlichen Existenz besser in den Griff zu bekommen.

Zunächst, meint Safranski, Autor eines Standardwerkes zum Thema, sei das Böse kein Begriff, sondern lediglich ein Name, der die unterschiedlichen Ausprägungsformen destruktiver Kraftentfaltung benennt, die in kein rationales Erklärungsraster passen: barbarische Gewalt, Realitätszerstörung, Chaos, das Sinnabweisende, welches das Sprachbild vom »Herz der Finsternis« meint. »Es ist das Böse im Sinn der Abwesenheit der guten Gründe in der Welt«, schreibt Safranski. »Es ist die Erfahrung des Abgrundes.« Der Mathematiker Blaise Pascal sprach von »ewigem Schweigen in der unendlichen Weite der Räume«, der Existentialist Albert Camus von dem »Absurden«.

Im Laufe ihrer Existenz entwickelte die Menschheit Fähigkeiten und Techniken, zu denen Religionen ebenso zählen wie naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die es ihr ermöglichten, immer größeres Vertrauen in ihr bedrohtes Erdendasein zu fassen. Alles, was diese erworbene Zuversicht wieder infrage stellt, argumentiert Safranski, entstamme dem Topos des Bösen – nicht nur die intentionale Untat. »Der Name des Bösen hat einen viel weiteren Bedeutungshof. Er bezeichnet dasjenige, was den Menschen hindern kann, zu einem Weltvertrauen zu kommen, dasjenige was einen nicht heimisch werden lässt, das Unheimliche.«

Zu dieser Erkenntnis bedarf es keiner Metaphysik. Lediglich der Einsicht, dass ein Wesen, das die Macht besitzt, nein zu sagen, auch über die Macht verfügen muss, sich für die Vernichtung eines anderen, die Vernichtung seiner Welt und die Vernichtung seiner Art zu entscheiden. »Das Böse gehört zum Drama der Freiheit«, meint Safranski. »Es ist der Preis der Freiheit.«

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben

 
Leser-Kommentare
    • rabin
    • 15.05.2008 um 17:19 Uhr

    Das " Böse" ist für eine Mehrheit von grossem Interesse. Videotheken zeugen davon als aktuelle Zeitzeugen. Früher waren die öffentlichen Peinigungen und dann Tötungen Gegenstand eines Massen-Spektakel.Man schaudert, geht aber hin und kann sich entsetzen. Vielleicht heimlich am Entsetzen erlaben.Unbestreitbar ist, dass Destruktion im Menschen verankert ist. Der Erinnerungsforscher Harald Welzer kann davon ein Lied singen: wie aus normalen Menschen Massenmörder wurden. Es hat ihn nicht überrascht,wozu der Mensch fähig ist, aber doch, wie viele dies erfasste und wie schnell es ging.Zimbardo hat mit seinem kleinen Experiment den Verdacht keimen lassen, in jedem von uns stecke, wenn die äusseren Bedingungen es erlaubten, potentiell ein Quäler.Jedenfalls gehört das Destruktiven zum Dasein, als wenn die Schöpfung die umfassende Erfahrung machen wollte, also auch die Erfahrung der Destruktion.Und bei allem Erschaudern sollte man vor einer Verurteilung schauen, wie sehr und warum einen solche Zerstörung interessiert ?

  1. "Damit versuchen die Forscher seit einigen Jahren zu beweisen, dass der
    Mensch gar nicht zu einer freien Willensentscheidung fähig sei, sondern
    von den komplexen Schaltkreisen in dem grauen Klumpen unter seiner
    Schädeldecke gesteuert werde und somit auch das Böse eine Fiktion sein
    müsse, da niemand aus freien Stücken wählen könne, entweder Gutes oder
    Böses zu tun. Die Frage nach persönlicher Schuld stellt sich dann
    ebenso wenig wie jene nach individueller Verantwortung.
    "Dieser Unsinn wird in der ZEIT seit einiger immer wieder verbreitet. Wie widersinning und falsch diese Behauptung jedoch ist, hat bereits vor nun fast 50 Jahren Friedrich August von Hayek in der "Verfassung der Freiheit" kurz und prägnant auf den Punkt gebracht: "Wenige Dinge haben das Ideal der Freiheit mehr in Verruf gebracht hat als der Irrglaube, dass der wissenschaftliche Determinismus der individuellen Verantwortung die Grundlage entzieht."Und:"Wir weisem einem Menschen nicht deshalb Verantwortung zu, weil er anders hätte handeln können, sondern damit er in Zukunft anders handelt."

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