EM-Briefwechsel III Nie mehr Selbsthass
Warum Österreicher zum Fernsehfußball Freudenwalzer tanzen. Die Antwort auf Harald Martenstein
Lieber Harald Martenstein,
ja, wir beide sollen uns hier ein »kleines Fußballgeplänkel« liefern, einander »ungezogene Briefe« schreiben, so kündigte es die Redaktion anstachelnd an. Aber wir müssen uns nicht daran halten. Entschuldigen Sie sich also bitte nicht, wenn Sie zwischendurch ernst werden, ich werde es jetzt auch. Denn es geschieht etwas Unvorhergesehenes, etwas bestimmt Unerwünschtes und vielleicht sogar Skandalöses: Bereits in der ersten Halbzeit unseres Kolumnenmatches überkommt mich das heftige Verlangen, mitten im Spiel auf Sie zuzurennen, Sie zu umarmen und das Trikot mit Ihnen zu tauschen, so wie es sich eigentlich erst nach dem Abpfiff gehört, wenn überhaupt. So sehr sprechen Sie mir mit Ihren Bemerkungen zu Amstetten aus der Seele. Als »Psychoscheiße, Journalistengeschwurbel, Mumpitz« bezeichnen Sie die Versuche, das sogenannte Inzest-Drama als irgendwie logische Folge eines irgendwie österreichischen Charakters zu erklären.
Das ist wahrlich das Dümmste und Infamste, was ich seit langer Zeit gehört habe. Leider vermehrt sich die Dummheit, wo sie auftritt, sofort um ein Vielfaches. Deshalb erschallt ganz Österreich derzeit von den Rufen nach Strafverschärfung bei Sexualdelikten. Als hätte sich der Herr Fritzl, damals, vor dreißig Jahren, als ihm die Idee zum Kellerverlies kam, gedacht: »Wenn ich erwischt werde, kriege ich fünfzehn Jahre. Zwanzig wären mir zu viel, aber fünfzehn – das Risiko gehe ich ein!« Denken wir den Irrsinn weiter: Wenn also die Österreicher als verkappte Gewalttäter typische In-den-Keller-Sperrer sind, dann stellen die Deutschen wohl ihren sprichwörtlichen Ordnungssinn auch damit unter Beweis, dass sie unerwünschten Nachwuchs reihenweise entweder in die Tiefkühltruhe oder in die (richtige?) Mülltonne packen. Halloo? Lieber Harald, wir sind beide Journalisten, aber oft lässt es sich an dem, was unter quälendem Welterklärungsdruck auch in seriösen Zeitungen geschrieben wird, wirklich verzweifeln.
Womit wir, nach diesem derzeit unvermeidlichen Exkurs, wieder beim Fußball wären. Der Selbsthass, der mich als Journalistin überkommt, wenn ich mich für andere Journalisten oder ihre Produkte so abgrundtief geniere, der ist doch strukturell genau derselbe, den viele Fußballanhänger empfinden. Gerade die Lust an Länderspielen, behaupte ich jetzt einmal, entzündet sich bei uns wie bei euch (und anders als in Italien oder Brasilien) oft nicht am Hoffen und Bangen und Gewinnen, sondern am ritualisierten Entsetzen und der Scham über die eigene Mannschaft. Nationaler Fußball muss schrecklich sein, nur dann ist er schön, ganz egal, wie die Spieler spielen.
Das fiel mir auf, als ich vor Jahren, von kollektiven Fußballräuschen wirklich nicht verwöhnt, nach Deutschland zog und erwartete, ins Paradies zu kommen, in eine orgiastische Glück- und Jubel-Umgebung. Doch ganz im Gegenteil: Da schoss etwa die deutsche Mannschaft in irgendeinem wichtigen Spiel gegen einen Weltklassegegner schon nach zehn Minuten ein Tor, aber meine deutschen Freunde schüttelten nur verzweifelt die Köpfe: »Zu spät.« – »Wird nichts nützen.« – »Die Abwehr funktioniert heute überhaupt nicht.« – »Klose ist völlig außer Form.« Und so weiter. Wenn das Spiel dann nach spannenden neunzig Minuten mit einem knappen Sieg ihrer Mannschaft zu Ende gegangen war, nickten sie einander verbittert zu, raunten: »Wenn wir soo bei der nächsten WM spielen …« und ließen den Satz bedeutungsschwer in der Luft hängen. Einer vergrub das Gesicht in den Händen, raufte sich die Haare und stöhnte wie ein Schwerverletzter: »So haben wir immer gespielt, und so werden wir immer spielen« – der war mir so vertraut, dass ich ihn vom Fleck weg geheiratet habe. Es ist wie in dem Film Und ewig grüßt das Murmeltier , wo jemand jeden Morgen aufwacht, und es beginnt immer wieder derselbe nervtötende Tag. Bei mir beginnt immer dasselbe entsetzliche Spiel, ob ich nun in Deutschland Fußball schaue oder in Österreich. Aber den Deutschen verdanke ich die Einsicht, dass man auf jedem Niveau unglücklich sein kann.
Es gibt allerdings, wie man in Österreich sieht, Grenzen des Selbsthasses, vermutlich existenzielle. Irgendwann war bei uns das Maß an Scham so übervoll und das letzte Fußballwunder so unvordenklich lange her, dass man sich neue Anlässe zum Feiern gesucht hat. Seither tanzen die Österreicher vor ihren Bildschirmen Freudenwalzer, wenn die Deutschen schlecht spielen oder in Rückstand geraten. Auch wenn diese Haltung so moralisch fragwürdig wie vermutlich psychisch ungesund ist – sie hat für uns Österreicher einen entscheidenden Vorteil: Unsere Emotionen bleiben lange im Bewerb, viel länger als unsere Mannschaft.
Mit herzlichen Grüßen, Ihre Eva Menasse
- Datum 23.05.2008 - 13:03 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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