Rohstoffe Diamonds are not forever
Die Sehnsucht vieler Menschen nach Diamanten ist groß. Sie werden immer teurer - und nun auch knapp
Glitzern tut hier nichts: Am Ende eines unscheinbaren Gangs ist eine unscheinbare Tür, die aussieht, als interessiere niemanden, was dahinter ist. Sie ist schon etwas abgestoßen. Man muss genau hinschauen, um zu sehen, dass unter dem Furnier Metall ist. Hinter dieser Tür ist eine Gitterpforte montiert, die an amerikanische Hochsicherheitsgefängnisse erinnert. Dahinter wiederum eine Tür, diesmal aus etwa 20 Zentimeter dickem Stahl. Erst dann ist man im Reich von Eva-Maria Leuschel, im Tresorraum des Hamburger Juweliers Wempe. Auf diesen 15 Quadratmetern lagern alle Diamanten, die irgendwann einmal in einer der 25 Filialen weltweit verkauft werden sollen. Fächer über Fächer an den Wänden, mit hölzernen Schubladen, die aussehen, als würden hier 30 Jahre alte Akten einer Schulbehörde gehortet. In Wahrheit ist der Inhalt viel, viel älter.
Die Diamanten, die hier lagern, reiften mehrere Millionen Jahre in einer Tiefe von 140 Kilometern, bevor sie durch vulkanische Eruptionen an die Oberfläche gespuckt wurden – und schließlich in die Hände von Eva-Maria Leuschel gelangten. Seit mehr als 20 Jahren leitet sie die Schmuck- und Juwelenabteilung und kauft Diamanten ein, jedes Jahr etwa 10.000 Stück. Gut ein Drittel des Umsatzes macht der Uhren- und Schmuckspezialist mit Juwelen. Und das meistbegehrte Juwel, sagt Eva-Maria Leuschel, sei der Diamant. Immer gewesen: "Der Diamant ist ein Vertrag mit der Ewigkeit."
Frauen und Diamanten. Das lässt an Liz Taylor denken, die sich von ihrem Ehemann Richard Burton Schmuck im Wert von etwa 45 Millionen Euro schenken ließ, darunter einen herzförmigen Cartier-Diamanten im Wert von 2,5 Millionen Euro. Oder an Grace Kelly, der Prinz Rainier von Monaco 1955 einen Verlobungsring mit Diamanten im seltenen Emerald-Schliff schenkte.
Man denkt nicht an jemand wie Eva-Maria Leuschel. Blonder Kurzhaarschnitt, 53 Jahre – ihre sportliche Gestalt und ihre nüchterne Art passten besser zu einer Wissenschaftlerin als zu einer Frau, die tagtäglich von Juwelen umgeben ist. All das, was die Glamourwelt umweht, die Sucht schöner Frauen nach noch schöneren Edelsteinen, lässt sie kalt. Für Leuschel zählen nur die Farbe eines Minerals, die Reinheit, der Schliff. Wahrscheinlich ist sie deshalb eine der Besten ihrer Branche.
Leuschel ist eine Brillantenjägerin. Wenn Kunden mit großen Konten nach großen Steinen verlangen, macht sie sich auf die Suche. Bei Händlern in Antwerpen, New York und Tel Aviv. Diskret wie ein Privatdetektiv, sagt sie. "Mitwisser lassen die Preise klettern."
Die Preise klettern auch so schon hoch genug. Das musste erst kürzlich eine Münchner Kundin erfahren. Die hatte das Problem, dass sie mit ihrem Zehnkaräter nicht mehr richtig glücklich war. Ein Stein von zehn Karat ist ein beachtlicher, zwei Gramm schwerer Klunker. Leider hatte die beste Freundin aber soeben einen Dreizehnkaräter erworben. So einen brauchte die Dame nun auch. Als ihr Eva-Maria Leuschel ein entsprechendes Exemplar anbot, zögerte sie. Ein schwerer Fehler. Denn als sie ein Jahr später doch noch zugriff, kostete ein vergleichbarer Stein schon 600.000 Euro – 120.000 Euro mehr als zuvor. Eine andere Kundin wollte einen rosafarbenen Diamanten in Tropfenform. Neulich hat Eva-Maria Leuschel das entsprechende Stück gefunden – es ist 1,87 Millionen Euro wert.
Diamanten, die reinsten und härtesten Edelsteine, sind teuer wie noch nie. "Für große Steine muss man heute 40 Prozent mehr bezahlen als vor drei Jahren", sagt Ulrich Freiesleben, der in der Nähe von Münster eine Diamantenmanufaktur betreibt und als einziger deutscher Händler ein Büro im Antwerpener Diamantenviertel unterhält, dem größten Umschlagplatz für Rohdiamanten. Der Grund für die atemraubende Preissteigerung: Die Nachfrage nach den teuren Steinen nimmt ständig zu. Das Angebot hingegen nicht.
Im Gegenteil: Auf lange Sicht gehen der Erde die Diamanten aus. Noch lange bevor die Menschheit die Erfahrung machen wird, dass die fossilen Brennstoffe knapp werden, könnten die weltweiten Vorkommen an Rohdiamanten zur Neige gehen.
Als eine der Ersten hat die kanadische Geologin Eira Thomas Alarm geschlagen, die selbst Chefin eines kleinen Minenunternehmens ist. "Vor allem in neu entstehenden Märkten wächst die Nachfrage dramatisch", sagt sie. "Wir spüren schon jetzt eine deutliche Verknappung des Angebots." Mitte der achtziger Jahre habe man noch geschätzt, dass die gesicherten Reserven für Rohdiamanten für 60 Jahre reichten. Heute gehe man nur noch von 20 Jahren aus; das Londoner Marktforschungsunternehmen WWW International schätzt, dass 2016 nur noch 70 Prozent der Nachfrage gedeckt werden können. Niemand weiß, ob sich noch größere Diamantenlager unter der Erde befinden. Sicher ist, dass die Edelsteine nur unter sehr spezifischen geologischen Bedingungen entstehen und dass seit den frühen neunziger Jahren keine größeren Vorkommen mehr gefunden wurden.
Diamanten galten schon in der Antike als Zeichen von Reichtum. Und überall, wo Menschen zu Geld kommen, wollen sie das zeigen. Voriges Jahr wurde der Weltmarkt für Juwelenschmuck mit 51 Milliarden Euro taxiert – Rekord. Hauptabnehmer für Diamanten sind noch immer die USA. Schon weil 80 Prozent der Paare dort ihre Verlobung mit einem Diamantring besiegeln. Aber der Osten holt auf: China hat seit 2001 die Diamantenkäufe verdoppelt, auch in Russland zieht die Nachfrage stark an. Freiesleben, der deutsche Händler in Antwerpen, sagt: "Die Oligarchen hängen ihren Frauen Klunker um den Hals, die man in Deutschland unmöglich in der Öffentlichkeit tragen könnte."
Wie knapp die Diamanten wirklich sind, ist kaum seriös zu bemessen. Dazu ist die Branche zu geheimniskrämerisch und abgeschottet. In Antwerpen agieren mehr als tausend Händler – und sie vertreiben ihre Ware wie vor hundert Jahren. Es gibt keinen Tageskurs wie beim Gold. Die Preise werden individuell verhandelt, die Geschäfte mit Handschlag beschlossen.
Diese Undurchsichtigkeit hat der Diamantenindustrie zeitweise einen schlechten Ruf eingebracht. Nicht zuletzt wegen Vorwürfen, mit Konfliktdiamanten zu handeln – Edelsteinen, mit denen Bürgerkriege im südlichen Afrika finanziert wurden, wie heute auch der Weltdiamantenrat beklagt, eine Organisation, in der sich die Diamantenindustrie zusammengeschlossen hat. Dass sich die Situation inzwischen verbessert hat, ist selbst für deren Gegner unstrittig und liegt daran, dass nur noch Steine mit Herkunftszertifikat verkauft werden. Laut Medico International ist der illegale Handel von einst zehn auf unter drei Prozent zurückgegangen. Der Diamantenkonzern De Beers spricht von 0,4 Prozent. Die meisten Diamanten werden inzwischen nicht mehr in Afrika abgebaut, sondern in Russland. Kanada ist heute drittwichtigster Exporteur.
Bleibt die Frage: Wenn die Diamanten knapp werden – ist das denn so schlimm? Ein Luxusproblem: Wer bereit ist, für einen Montblanc-Füller, der mit 4654 Steinen besetzt ist, 125.000 Euro zu bezahlen, zuckt auch nicht zusammen, wenn es noch teurer wird. Und als Statussymbol für Oligarchen, die ihre Damen wie Tannenbäume behängen, werden die Diamanten mit steigendem Preis einfach immer attraktiver. Außerdem werden Diamanten nicht verfeuert wie Kohle und Öl, sie bleiben uns erhalten – und werden am Ende heißer gehandelt denn je. Schon jetzt inserieren Juwelenhändler der Fifth Avenue in der New York Times flehentlich: "I need your diamonds", und versprechen "höchste Preise" für Diamanten, die ihnen von Privatleuten angeboten werden.
In den USA kommt der Trend auf, künstliche Diamanten zu Schmuck zu machen. Die Steine, die chemisch gesehen nichts von natürlich vorkommenden Steinen unterscheidet, gibt es in allen Farben. Und sie sind viel billiger als Naturdiamanten. Eva-Maria Leuschel von Wempe setzt darauf, dass dies in Deutschland nicht Mode wird. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich eine Frau über künstliche Steine freut." Aber wirklich mitreden kann sie nicht, sie hat selbst noch keinen Diamanten geschenkt bekommen: "Mein Mann traut sich einfach nicht."
- Datum 14.05.2008 - 06:31 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 15.05.2008 Nr. 21
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