Österreich Die Schöpfung
Wer in diesen Tagen durch Tirol kurvt, erfreut sich eines blühenden Landes im Spätfrühling. Das Naturerlebnis wird nur ganz leicht durch Dreieckständer getrübt, die auf die bevorstehenden Landtagswahlen hinweisen. Fotos von Lokalpolitikern, die auch von Einheimischen nicht immer erkannt werden, stehen in schroffem Kontrast zu der Schönheit der Landschaft. Der SPÖ-Spitzenkandidat etwa salutiert auf allen Plakaten – vermutlich ein Abschiedsgruß, da er das Wahlergebnis bereits ahnt. Die Grünen lassen sich wie immer von ihrer eigenen Intellektualität überholen. Der Slogan »Tirol kriegt die Kurve« trifft zweifelsohne den Nerv der Wähler. Nur rätselhaft, wie das mit der Ökopartei zusammenhängen soll. Die Gebrauchsanweisung dazu ist vermutlich auf der Klebeseite der Plakate nachzulesen. Der gerade noch amtierende Landeshauptmann Herwig van Staa hingegen greift zu einem nahezu genialen Trick. Er verzichtet dankenswerterweise auf Plakate mit seinem Antlitz und lässt lieber berauschende Naturaufnahmen für seine Partei sprechen. Das bedeutet, dass Tirol die Herrlichkeit der Alpen der Volkspartei verdanke. Ganz richtig. Das Gottähnliche der Schwarzen muss in Tirol nicht hinterfragt werden, es ist quasi Naturgesetz. Sie schufen am ersten Tage nicht nur die ewige Bergwelt, sondern auch den grünen Inn und den Fremdenverkehr. Selbst am siebenten Tag, an dem man ruhen sollte, schufen sie Skigebiete in Gletscherregionen. Jetzt versteht man erst, warum van Staa auf Porträtplakate verzichtet: Es ist nämlich verboten, sich ein Bild von ihm zu machen.
Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben
- Datum 15.05.2008 - 13:32 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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