Österreich Keine Lust auf Sünde

Während des Fußballfests bei der EM rechnet das Rotlichtmilieu mit toter Hose. Nur in Kärnten hofft ein Bordellkönig auf das große Geschäft.

Mit den Marktmechanismen seiner Branche kennt sich Ernst Gragger aus. Wichtigstes Instrument: Werbung. Entspannt sitzt der 35-jährige Kärntner in seiner Tabaris Bar. Es ist früher Abend, und noch ist nichts los in dem Klagenfurter Nachtklub. Mit den schwarzen Tischen und den rot gepolsterten Sitzecken könnte das Etablissement genauso gut als Niederlassung der italienischen Segafredo-Kaffeehauskette durchgehen – wären da nicht die Aktzeichnungen an den Wänden und die verspiegelte Bühne mit der Gogostange. Insgesamt 38 Frauen arbeiten für Gragger. Er nennt sich Geschäftsführer, das Wort Zuhälter kommt ihm nicht über die Lippen.

In den Tagen vor dem Anpfiff beseelt den rundlichen Rotlicht-Impresario nur eines: Den Verführungskünsten seiner Mitarbeiterinnen soll möglichst kein Mann entkommen, wenn Tausende Fans aus Deutschland, Kroatien und Polen an den Wörthersee pilgern, um ihre Teams anzufeuern. »Vollgaspromotion«, sagt er, als gehe es darum, einen neuen Energydrink unters Volk zu bringen. Seit Wochen beschallt er die Klagenfurter mit Radiospots und lässt in der Innenstadt die Windschutzscheiben geparkter Autos mit Flyern bestücken, die eine nackte Blondine namens Jennifer zeigen. Auf ein dunkelrotes Laken gebettet, reckt sie den Passanten ihren Hintern entgegen. »Wir werden auf 50 Mädchen aufstocken, damit wir während der EM einen 24-Stunden-Betrieb anbieten können«, erklärt Gragger. Der Bordellbetreiber hat das große Geschäft mit der EM vor Augen. »Ich gehe davon aus, dass wir den Ansturm im Lokal nicht werden aufnehmen können.«

Auch in Deutschland erwartete man im Vorfeld der WM 2006 nichts anderes. Vom Fußball-Barhocker bis hin zur Fußball-Bettwäsche war alles dafür vorbereitet. Die Bordellbetreiber investierten in Werbetafeln, Flugblätter und vor allem in zusätzliches Personal. Millionen sexhungriger Männer erhofften sie sich. Schlimme Ahnungen begleiteten die Umsatzerwartungen. Die Frauenbeauftragte des Deutschen Städtetages, Ulrike Hauffe, prognostizierte, mit den Fans würden auch rund 40.000 Prostituierte nach Deutschland kommen. Die Boulevardzeitungen machten daraus rasch 40.000 Sexsklavinnen. Das Ausland war empört über den Sündenpfuhl Deutschland. In Paris demonstrierten Menschenrechtsaktivisten und Politikerinnen vor der deutschen Botschaft gegen die »WM der Bordelle«. In Washington forderten US-Abgeordnete von Bundeskanzlerin Angela Merkel, klar gegen die unmoralischen Sitten des Gastgeberlandes Stellung zu beziehen. Die schwedische Regierung empfahl sogar, die WM zu boykottieren: »Schweden nimmt nicht an einer Veranstaltung teil, die den Sklavenhandel fördert.«

Für sittsame Sportsfreunde stand das Sommermärchen unter einem schlechten Stern. Doch dann registrierte die Polizei gerade einmal fünf Fälle von Menschenhandel während der gesamten vier Wochen des Turniers. Der große Ansturm war ausgeblieben, die Panikmache umsonst gewesen.

»Viele spazierten bloß durch die Rotlichtviertel. Die Anzahl der Kunden blieb im Gesamten etwa gleich«, beobachtete die Soziologin Christiane Howe in Frankfurt. Ihr Verein context erstellt Studien zum Thema Prostitution, darunter eine Rotlichtbilanz der WM. Auch in anderen Städten blieben die Bordelle leer. Polnische und niederländische Prostituierte, die für die Spiele angereist waren, zogen binnen weniger Tage enttäuscht wieder ab. Fazit für Österreich: Wenn Fußball läuft, herrscht tote Hose. Darüber sind sich von Polizisten und Sozialarbeiterinnen bis hin zu Prostituierten alle einig.

Auch Regina und Nicole glauben nicht an das große Geschäft. Die beiden Mittvierzigerinnen schaffen im Prater an, auf einem Parkplatz in der Südportalstraße im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Nur 900 Meter Luftlinie entfernt liegt das Ernst-Happel-Stadion, in dem sieben EM-Spiele ausgetragen werden. Es ist Freitag kurz nach Mitternacht, Hochkonjunktur also. Die beiden Österreicherinnen warten in einem weißen Golf auf ihre Stammkunden. »Ohne die läuft heutzutage gar nichts«, meint Regina und zieht sich mit einem schwarzen Kajalstift den Lidstrich nach. Ihre blonde Kurzhaarfrisur und die kantigen Gesichtszüge erinnern an die dänische Schauspielerin Brigitte Nielsen. »Ich geh sicher auf Urlaub. Ich hab keine Lust auf die ganzen Besoffenen. Da bin ich nicht die Einzige«, sagt sie. Ihre Freundin nickt. Dabei werde sich das meiste, wenn überhaupt, am Straßenstrich abspielen, vermuten Sicherheitsbeamte, welche die Rotlichtszene im Auge haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fan nach dem Match noch ins Bordell wackeln werde, sei eher gering.

Nur einige Hundert Meter entfernt geht Destiny die Perspektivstraße auf und ab. Die Nigerianerin hält Ausschau nach Autos. Mit dem grauen weiten Pullover, den engen Jeans und dem dezenten Make-up sieht das leichte Mädchen wie eine Oberstufenschülerin aus. Ihre Kolleginnen tragen ähnliche Outfits. »Wir wissen nicht, was passiert, einige sagen, wir müssen dann nach Leopoldau gehen, weil sie hier alles absperren werden«, erklärt sie auf Englisch. Doch das ist nicht ihre einzige Sorge. Sie zeigt auf die gegenüberliegende Straßenseite. Seit einem Monat sieht sie immer mehr von den »weißen Frauen«, Konkurrenz aus Ungarn, der Slowakei, Bulgarien und Rumänien, die in das Revier der Afrikanerinnen drängt.

»Seit der EU-Erweiterung sind mehr Frauen aus Osteuropa hier. Das hat nichts mit der EM zu tun«, sagt ein Beamter der Abteilung Menschenhandel und Prostitution in der Kriminaldirektion I. Wenn es um das Rotlichtmilieu geht, will niemand seinen Namen nennen, egal ob Kontrolleur oder Kontrollierte. Derzeit sind in Österreich rund 5.000 Prostituierte registriert, in Wien sind es etwa 1.500 Frauen und Männer. Bis jetzt sei die Szene ziemlich ruhig. Im Bundeskriminalamt gibt man sich gelassen. »Es werden sicher einige Prostituierte in den Fanmeilen sein. Aber wir können jetzt nicht lauter verdeckte Ermittler einschleusen, die die Frauen aushorchen, um herauszufinden, ob sie Zwangsprostituierte sind«, heißt es aus der Abteilung für Menschenhandel.

»In den Clubs und am Straßenstrich werden in letzter Zeit schon viele neue Mädchen gesehen«, sagt ein Experte, den der fantasievolle Arbeitsnamen Mike SMCouple ziert. Er ist Systemadministrator von erotikforum.at , einem Internetportal mit rund 90.000 registrierten Usern aus ganz Österreich, in dem sich Freier in erster Linie über neue Angebote austauschen. Bisher sei die Europameisterschaft unter den Online-Bordelleros eher ein Randthema mit spekulativen Details gewesen. »Angeblich wurde auch etwas über ein Dorf mit Verrichtungscontainern im Prater gemunkelt, das für die Fußball-EM aufgestellt werden soll. Am besten sollte das die Gemeinde Wien auch gleich nach der EM weiterbestehen lassen«, wünscht sich ein User, der sich Balbo nennt. Die Rede ist von sogenannten Verrichtungs- oder Stichboxen, die in Deutschland in Mode gekommen sind. Diese McFucks gleichen Garagen, in denen Freier einparken, um sexuelle Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Wer kein Auto hat, darf einen eigenen Container benutzen. Das Boxenareal wird von Polizei und Sozialarbeitern im Auge behalten. Ziel der erotischen Drive-ins ist es, den Straßenstrich aus urbanen Ballungszentren zu verlagern. Nach Köln hat sich auch Dortmund während der WM ein Containerdorf zugelegt. Vögelhäuschen für geile Fußballfans, titelte Bild sogleich. In Österreich werden Fußballfans darauf verzichten müssen. Wer sich ein spezielles Sexangebot erwartet, sollte besser in das EM-Gastgeberland Schweiz pilgern. Dort plant die Berner Stadtverwaltung eine eigene Lustmeile, nur wenige Busstationen von der Fußballarena Stade de Suisse entfernt. Vor allem ausländische Frauen sollen auf dieser sündigen Meile ihren Körper verkaufen können. »Indem wir einen öffentlichen Platz anbieten, können wir die Szene am besten kontrollieren«, erklärt Sicherheitsdirektor Stephan Hügli.

Nicht nötig in Österreich. Mit genügend Polizeipräsenz bleibe jeder Ansturm automatisch aus, sind die Rotlichtüberwacher überzeugt. Von Aufrüstung sei keine Spur.

Nur Kärnten ist anders. Das Landeskriminalamt verzeichnet in den Klagenfurter Bordellen bereits jetzt einen Personalanstieg. Bis zu doppelt so viele Frauen wie noch vor Kurzem sollen in den zehn Erotikschuppen der Stadt am Wörthersee nach aktuellem Stand anschaffen. Bordellkönig Ernst Gragger ist nicht der Einzige, der sich auf den Tag X vorbereitet. »Es gab schon Streitigkeiten und Drohungen, weil man sich gegenseitig die Mädchen abgeworben hat«, sagt Josef Opercan, Chefinspektor der Abteilung Menschenhandel und Prostitution im Landeskriminalamt Kärnten. Die Drahtzieher seien bereits festgenommen.

Kein Grund für Ernst Gragger aufzuatmen. Seine Operation EM ist erst in den Startlöchern. Jeder potenzielle Freier muss in seine Tabaris Bar gelotst werden. Wenn es sein muss, sogar aus Italien oder Polen. Selbst in diesen Ländern hat Gragger Zeitungsinserate geschaltet. Sein Schlachtplan sieht zudem Plakate an allen strategisch wichtigen Punkten vor, auch die Hausfassaden seiner Freunde und Bekannten werden herhalten müssen. Drei bunt beklebte Nissan Micra stehen bereits vor der Tür. Mit den Erotikmobilen sollen die Tabaris-Damen während des Turniers auch privat durch die Stadt kurven, um so Graggers Botschaft zu verbreiten: »Komme als Gast, und gehe als Freund.« Die EM als Urlaub bei Freundinnen sozusagen.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben

 
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