China - Religion Feng-Shui als politisches Prinzip
Wo China einst Mao huldigte, breitet sich heute der Buddhismus aus. Der Fremdenverkehr versöhnt den einen Kult mit dem anderen
Mit dem Zug verlassen wir Peking in südwestlicher Richtung, und was von nun an im Fenster vorüberzieht, lässt an das England, das Schlesien der frühen Industrie denken. Der magere Bauer, seinen mageren Gaul vorm Pflug, hart daneben ein gleißender Kraftwerkskubus. Vormoderne und Postmoderne, die Grenze ein Ackerrain. Das Land zahlt den Preis. Es ist die Stadt, die das Land frisst, vergiftet, erstickt. Was Flüsse waren, sind ölig-stinkende, Unrat aller Art führende Läufe.
Dörfer und Städte röcheln im Grus und Ruß ambulanter Kohlegruben, die Menschen hier, scheint es, verbringen ihr Leben im ewigen Staub, unter einem Himmel, durch dessen schwefligen Dunst keine Sonne mehr dringt. Was menschengemacht ist, was von der nahen mongolischen Wüste herweht – wen interessiert das im wüsten Land?
Später wird man uns erklären, dass die Provinz Shanxi mit ihren großen und kleinen Kohlegruben in der Tat sehr arm sei, aber eben nur eine Provinz des riesigen Reiches. Schon in der der nächsten Provinz – dem nur sprachlich ähnlichen Shaanxi – begreifen wir, wie groß China wirklich ist. Zu groß für eine einzige Wahrheit. Groß genug, um die eine oder andere Katastrophe zu überstehen. Shaanxi ist so wohlbestellt und seine Metropole Xian, die alte Reichshauptstadt, so reich und sauber, wie das benachbarte Shanxi arm ist. An den Zufahrtstraßen der Städte stehen die großen deutschen und japanischen Autobauer mit prächtigen Glasvitrinen Spalier. Ihre Zentren sind auf so verwechselbare Weise modern, dass es kaum auffiele, schnitte man sie hier heraus und setzte sie irgendwo, sagen wir in Nordamerika, wieder ein.
Wir sind unterwegs nach Dazhai, dem Dorf in Shanxi, das Maos Kulturrevolution der sechziger Jahre aus völliger Bedeutungslosigkeit zu jenem Weltruhm empor schoss, von dem es seither lebt – seit 40 Jahren! Ein propagandistisches Meisterwerk. »In der Industrie von Daqing lernen, in der Landwirtschaft von Dazhai!« So hieß die Parole. Ein Erdölfeld und ebendieses Dorf, sie waren die weltweit leuchtenden Wallfahrtsorte des Maoismus. Man kam, sah und glaubte. Delegationen aus der Dritten Welt, aus Albanien, Westeuropa und Nordamerika bewunderten den Geist von Dazhai: revolutionär-barfüßiges Zupacken unter der roten Fahne – gegen alles »bürgerliche« Expertentum.
Als das Taxi nach stundenlanger Fahrt auf dem Dorfplatz hält, ist es Nacht. Aber so viel ist zu sehen – Maos Traumdorf versucht noch immer, von seiner Legende zu leben. Große rote Transparente mit kulturrevolutionären Losungen hängen am Platz.
Dazhai hatte ein Gesicht. Wer ihn je auf Fotos sah, vergisst ihn nicht, jenen Dorfparteisekretär mit dem piratenhaften Kopftuch und dem umwerfenden Adriano-Celentano-Grinsen. Er wiederum hatte eine junge Heldin zur Seite, Guo Fenglian, Führerin der »eisernen Mädchen von Dazhai«, die, so ging die Legende, in härtester Arbeit die unwetterzerstörten Terrassenfelder des Dorfes neu aufbauten. Sie hat Karriere gemacht. Heute sitzt sie im Präsidium des Volkskongresses in Peking. Im Hotel spricht man von ihr in gedämpft-respektvollem Ton. »Dort oben ist ihr Büro – im vierten Stock. Aber sie ist selten hier.« Wir sind die einzigen Hotelgäste. Auch die Tagestouristen blieben aus, sagt man uns, »dabei ist Hauptsaison«.
Der Mönch ist ein Mann aus guter kommunistischer Familie
Das ganze Dorf ist ein einziger Mao-Shop, Laden an Laden, alle führen die gleichen Devotionalien. Porzellan-Maos. Bronze-Maos. Mao-Bibeln. Mao-Bilder. Mao-Videos. Mao-DVDs. Nein, die würden nicht im Dorf hergestellt, sagt der Verkäufer, sie kämen aus einer Fabrik. Dazhai ist ein reines Revolutionsdienstleistungsdorf. Besucht hat es der Große Vorsitzende übrigens nie.
Und neben Mao – Buddha. Viele Läden diversifizieren ihr Angebot. Sollte sich etwas geändert haben? Der Besitzer des letzten Mao-Shops, der so spät noch geöffnet hat, erweist sich als gesprächig. Ja, die Revolution. Ja, die eisernen Mädchen. Er führe sein Geschäft in zweiter Generation, sagt er, und sei nun 42. Eine melancholische Geste auf den leeren Dorfplatz. »Als kleiner Junge habe ich es nicht hinübergeschafft, der Platz war schwarz von Touristen.« Heute seien sie an zwei Händen zu zählen und über 40, wie er. Und überhaupt, »die meisten Gläubigen im Dorf sind jetzt Christen«.
Wie bitte? Maos Paradedorf missioniert?
Lächelnd genießt er unsere Verblüffung. »Ja, es sind protestantische Hauskirchen.« Jener nichtoffizielle Typus also, der nach außen kaum auffällt, eine Mischung aus Betkreis und privatem Freundeszirkel. Und dann fällt das wieder einmal alles erklärende Stichwort. »Wunderheilungen.« Es scheint das Schicksal aller Religion auf dem Lande in China zu sein. Katholiken, Protestanten – alle berichten davon. Sie, die das Heil verkünden, werden von Gläubigen bestürmt, die zuallererst Heilung suchen. Es gibt dafür eine tiefe Erklärung: Chinesische Religiosität sah immer schon beides als Seiten ein und derselben Sache an. Und es gibt einen lebenspraktischen Grund: Die Landbevölkerung ist zu arm, um sich teure Medikamente und Ärzte leisten zu können, Geistheilungen sind ihre alternative Medizin.
Doch der Tag der Verblüffungen ist noch nicht zu Ende. Was sind ein paar Hauskirchen gegen das blattgoldene Wunder, das gerade auf den Hügeln außerhalb des Dorfes entsteht: der vielleicht größte buddhistische Tempel Nordchinas – gestiftet, wie um das Wunder noch wundersamer zu machen, von niemand anderem als dem Sohn Guo Fenglians, der Anführerin der »eisernen Mädchen«, der selbst ein erfolgreicher Geschäftsmann und gläubiger Buddhist ist.
Wie seine kulturrevolutionäre Mutter, hat auch Jia Xiaojun Karriere gemacht, nur eben anders. Er ging in die Paradestadt der neuen Zeit, die Sonderwirtschaftszone Shenzhen bei Hongkong, und machte Millionen. Am anderen Morgen steigen wir zu seinem Tempel hinauf.
Von Weitem leuchtet das Gold der Dächer, ihre himmelwärts gebogenen Traufen schimmern neu, das Klingeln der Glöckchen erfüllt die Luft. Es ist kein Tempel, es ist eine kleine Tempelstadt in einem Bergpark mit Treppen, Wegen, Aussichtspavillon, und sie soll noch wachsen. Der Weiterbau ruhe derzeit wegen der Olympischen Spiele, erklärt einer der beiden Mönche des Tempelberges. Das Projekt sei so hochpolitisch. Es habe viel Ärger darum gegeben, viel Protest aus dem alten Dazhai. Und nun die Erregungen um Olympia. Man wolle warten, bis sich die Gemüter wieder beruhigt hätten.
Er ist 49 und seit zwölf Jahren Mönch. Bis dahin war er Abteilungsleiter bei der politischen Polizei – ein verheirateter Mann aus guter kommunistischer Familie, deutet er an. Es war ein buddhistisches Buch, das ihn packte, eigentlich nur eine Broschüre. Für Buddha verließ er Frau und Tochter und natürlich die Polizei. »Meine Frau ist auch Buddhistin, aber meine Tochter will von Buddhismus nichts wissen – wie sollte sie auch, wenn der Vater geht.« Es tröste ihn, sagt er, dass sie studiere und es ihr gut gehe. Seinem Vater dagegen gehe es nicht gut. »Krebs. Eine Krankheit nach der anderen.« Er hält es für Karma, sein Vater habe viel Schlechtes getan in der Kulturrevolution.
Priester werden verhaftet und Gläubige verfolgt. Doch nicht mehr überall
Er spricht nicht sanft, eher heftig. Er ist ein ungewöhnlich leidenschaftlicher Mönch. Sein Gesicht hellt sich auf, als er auf Jia kommt, den Tempelstifter. »Er ist oft hier, er nimmt starken Anteil an den Bauarbeiten, ein frommer Mann.« Er habe sich an Mönche gewandt: Was er mit seinem vielen Geld Gutes tun könne? Die hätten gesagt, in der Gegend gebe es 20 000 buddhistische Gläubige, da sei ein Tempel eine gute Tat. Pilgerhäuser sollen dazu kommen, sogar eine buddhistische Schule – eine Kühnheit im strikt staatsgelenkten Bildungswesen.
Jias Mutter, das »eiserne Mädchen«, halte sich von der Sache fern, erzählt der Mönch und verteidigt sie dennoch, verständlicherweise. Sie toleriert das alles, und das ist viel. Sie gehört zur politischen Führung, sie ist die Mutter des Mannes, der ein Vermögen dafür ausgibt, aus dem kulturrevolutionären Wallfahrtsort ihrer heroischen Jugend einen buddhistischen zu machen. Sie könnte auch anders – und andernorts läuft es auch anders. Noch werden in China Priester verhaftet und Gläubige verfolgt. Das Prinzip Dazhai ist ein fragiles, sehr biegsames Machtgeflecht, bei dem keine Seite die Dinge überdehnt. Bambuspolitik. Politische Harmonielehre, Feng-Shui.
Es könnte funktionieren, in einer sehr chinesischen, in westlichen Augen durchaus auch absurden Volte. Mao plus Buddha gleich Business. Es wächst schon heran. Die beiden Touristenattraktionen von Dazhai wachsen zusammen, seine Parks – der neue buddhistische Bergpark und der alte kulturrevolutionäre Heldenpark im Dorf selbst. Ein schöner Panoramafußweg, der beide verbindet, ist bereits angelegt. Im Reisebüro von Dazhai kann man sich vorstellen, eines Tages, wenn der Tempelbau vollendet sei und Pilger aus ganz China anzöge, beide Attraktionen des Ortes gemeinsam zu vermarkten.
Kernfusion statt Kernspaltung. So etwa dürfte die Vision eines geglückten Übergangs vom Kommunismus zum neuen und irgendwie auch alten China aussehen, die in den Köpfen seiner politischen Planer in Peking spukt. Und westliche Beobachter könnten bei einer kleinen Wanderung auf dem Bergparcours von Dazhai darüber nachsinnen, ob es wirklich weise ist, jeden Kampf bis zum bitteren Ende auszutragen, sei es daheim oder mit neuen Supermächten.
Wie aber geht es den westlich – nach Rom, zum Vatikan hin – sich orientierenden Chinesen? Schließt das Polit-Feng-Shui sie ein oder aus? Darüber mehr in der nächsten Folge.
- Datum 21.05.2008 - 12:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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