Glosse Unsere Sklavinnen
War da was? Klopfzeichen aus den Kellern unserer Verdrängung
Mal vorweg: Die Liebhaber von Wellness-News können hier nicht befriedigt werden und sollten weiterblättern. Es geht um Sex. Harten, durchgreifenden, gelegentlich männlich genannten Sex. Sex, wie ihn Herr F. liebt, der sich als Vergewaltiger seiner Tochter Elisabeth betätigte, die er in einem Verlies im Keller hielt, neben dessen Beton-Wucherungen die bizarre Hämorrhoiden-Architektonik der obercoolen Heldin von
Feuchtgebiete
über Nacht oberharmlos wirkt.
Es kommt in diesen Tagen zu den interessantesten Überkreuzungen der verschiedensten Diskurse. Hier wird gerade eine neue weibliche Lust an hässlichem Sex ausgerufen, und 30-jährige Alpha-Mädchen, die wie 20-Jährige auftreten, erklären in Kampfschriften einer 60-jährigen Alice Schwarzer den Generationenkrieg, weil der neue Feminismus Stilettos trägt und das Frauengewaltopfergejammer satt hat. Dort aber verhallen Verzweiflungsklopfzeichen aus dem Untergrund an taub gestellten Ohren.
Ob Alice Schwarzer so böse recht behalten wollte, sei dahingestellt. Beim Empfang des Ludwig-Börne-Preises letzte Woche sprach die geehrte Journalistin über die weibliche Tradition der Menschenrechte und empfahl gelassen die Lektüre von Christine de Pizan, 1365 in Venedig geboren, eine Frauenrechlerin avant la lettre.
Literarisch passiert auf Kriegsschauplätzen Erstaunliches. Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, kein Darling der Kritik, hatte kaum auf ihrer Homepage einen Text zu Amstetten veröffentlicht, da wurde sie im Feuilleton lauthals für semantische Feinheiten gelobt (»tänzelt wie von ungefähr in Richtung des gereimten Epigramms…«). Der lauteste Sound aber in all dem dröhnenden Getalke über die Hautdichte von Kellermenschen, frühkindliche Monsterprägung, Abwasserpumpensysteme und Leinenzwang ist ein ohrenbetäubendes Schweigen. Schweigen, um nicht sagen zu müssen: Ein Mann hält sich eine Sklavin.
Abertausende von Männern benutzen Sklavinnen, ja, in Österreich. Wie in allen Ländern Europas, in Deutschland, Italien, sogar Schweden, von wo aus Männer ausschwärmen bis auf die andere Seite des Globus, um sich auch dort der Sexsklavinnen zu bedienen, wie es Herr F. wohl gelegentlich ergänzend tat, mit seiner Männlichkeit, die er, wie Jelinek textet, in einem gemusterten Säckchen mitführte.
In diesem Schweigen geht vieles unter, auch dass gerade ein hochpolitisches Buch zum Skandal erschienen ist, in Österreich übrigens –
Die Ware Frau,
ecowin Verlag. Zwei Politologinnen, Mary Kreutzer und Corinna Milborn, entfalten dort in tadelloser Recherche, wie unzählige Elisabeths in Afrika eingefangen werden, zu uns geschleust, mittels heißer Bügeleisen, Voodoo-Terror oder metallener Peitschen in ihrer Angst eingekerkert werden. Von diesen Sklavinnen wird bei allem Trubel um die organisatorischen Fähigkeiten des Sklavenhalters F. in diesen Tagen beredt geschwiegen, wie auch von den Frauen, die Männer wie ihn in Thailand bedienen, fünf Millionen Herren F. waren es 1991, als der britische Soziologe Kevin Bales seine Studie über
Die neue Sklaverei
schrieb (Kunstmann Verlag).
Vergessen? Die Frauen sind begraben in den Kellern unserer Verdrängung. Bei Lichte betrachtet aber ist ein Herr F. nicht viel anderes als andere Freier, indes er sich mit irrer Mühe seine Exklusivrechte gesichert hat. Man könnte sagen: Auch das liegt in der Logik des Massenkonsums.
Susanne Mayer
- Datum 29.10.2008 - 14:36 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
- Kommentare 13
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Was will uns die Dichterin damit sagen? Weiß nicht? Dann sei ihr einmal etwas gesagt: Die Leute, welche den Herrn F. als Monster ansehen, denen das Herz vor Kummer und Mitgefühl für die Opfer schmerzt, diese Leute fahren auch nicht nach Thailand und sie finden auch die Herren, die dort hinfahren nicht gut. Ja, sie sehen solche Herren nicht als ihresgleichen an, denn sie gehorchen der Regel "So etwas tut man nicht" und daraus resultiert ebenfalls "Mit Leuten, die so etwas tun, hat man keinen Umgang". Wo ist denn da Verdrängung?
Was also wollte uns die Autorin sagen? Vielleicht wollte sie sich in der kollektiven Wärme des "Opfer"geschlechtes einkuscheln? "Seht, es geschah Frauen Unrecht, allen Frauen geschieht Unrecht, auch ich bin eine Frau, gebt zum Ausgleich allen Frauen Sonderrechte?" So mutet es an. Schade, denn Profit aus dem Vorzeigen seines Geschlechtes zu ziehen kann landläufig nur als Pornografie bezeichnet werden.
Die Verdrängung beginnt da, wo man, anstatt sich die schwierige Frage nach gesellschaftlicher Mitverantwortung und persönlicher Gefährdung, sich vielleicht unter bestimmten ungünstigen Bedingungen auch - zumindest ein Stück weit - in Richtung Monster entwickeln (bzw. entwickelt haben) zu können..., zu stellen, diese Frage pauschal ablehnt; etwa, indem man sagt, "Mit Leuten, die so etwas tun, hat man keinen Umgang" - und damit so tut, als ließe sich eine klare Grenze ziehen zwischen DENEN (die so etwas tun, die durch und durch böse sind) und UNS (die so etwas nie tun könnten, die durch und durch gut sind). Kurzum: Da, wo man anderen das Menschsein abspricht und sie zu Monstern erklärt, um sich selbst besser fühlen und das heile Weltbild der Nicht-Monster aufrechterhalten zu können - da ist Verdrängung im Spiel. Wäre sie es nicht, könnte man ja die Frage, wie ein Herr F. dazu kam, so zu handeln, wie er es tat, gelassen diskutieren, anstatt einer Autorin, die nach Antworten auf eben diese schwierige Frage sucht, gleich das böse Streben nach weiblichen Sonderrechten zu unterstellen. Denken Sie da mal drüber nach, Liladebila!
Die Verdrängung beginnt da, wo man, anstatt sich die schwierige Frage nach gesellschaftlicher Mitverantwortung und persönlicher Gefährdung, sich vielleicht unter bestimmten ungünstigen Bedingungen auch - zumindest ein Stück weit - in Richtung Monster entwickeln (bzw. entwickelt haben) zu können..., zu stellen, diese Frage pauschal ablehnt; etwa, indem man sagt, "Mit Leuten, die so etwas tun, hat man keinen Umgang" - und damit so tut, als ließe sich eine klare Grenze ziehen zwischen DENEN (die so etwas tun, die durch und durch böse sind) und UNS (die so etwas nie tun könnten, die durch und durch gut sind). Kurzum: Da, wo man anderen das Menschsein abspricht und sie zu Monstern erklärt, um sich selbst besser fühlen und das heile Weltbild der Nicht-Monster aufrechterhalten zu können - da ist Verdrängung im Spiel. Wäre sie es nicht, könnte man ja die Frage, wie ein Herr F. dazu kam, so zu handeln, wie er es tat, gelassen diskutieren, anstatt einer Autorin, die nach Antworten auf eben diese schwierige Frage sucht, gleich das böse Streben nach weiblichen Sonderrechten zu unterstellen. Denken Sie da mal drüber nach, Liladebila!
Da werden im Bild drei verschiedene Feministinnen gezeigt - was sie genau unterscheidet, wird im Beitrag so recht nicht bzw. nur z.T. klar, dies hätte man mal eingehend diskutieren müssen! Die Autorin geht auch nicht darauf ein, dass eine gewisse Freiwilligkeit bei manchen Prostituierten wohl schon vorliegt - nicht jede Frau in gleicher oder schlechterer Situation tut dies ja, das gleiche gilt ja für Kaufwilligkeit von Männern - es gibt reiche Alleinstehende, die dies nicht tun. Und so ist es wohl auch mit dem gewöhnlichem Bereich. Die eine Frau ist gern klassisch verheiratet, also Hausfrau und Mutter, die andere empfindet dies bei gleicher Ausgangslage als langweilig und Unterdrückung, und dies auch wenn bei der klassischen Ehe am Ende wirklich alles gut laufen würde. Dass es Themen gibt, über die man nicht so sehr und viel schreibt, und Dinge, gegen die man nicht so sehr viel unternimmt, das ist sicher auch wahr, und das gilt auch für die Bereich der Männer. (Warum wird bei gleichem Interessen und gleicher Eignung für die Erziehung, das Sorge- oder Aufenthaltsrecht für das Kind bei sich trennenden Verheirateten oder Unverheirateten nicht ausgelost?! Warum besteht für Frauen keine Wehrpflicht?).Beim Thema Prostitution muss man auch mal feststellen, dass es ja gerade die linken Grünen und wohl auch die SPDler waren, die in der letzten Legislaturperiode die Prostitution zum offiziellen Gewerbe gemacht oder eben diesen Status gefestigt haben - wie progressiv?! Naja, heute so und morgen so; Journalismus vom Feinsten. PS: Wie der Fall bei Herrn Fritzl nun genau liegt, ist mir so ganz klar nicht, da er ja eben auch mehrere Kinder gezeugt hat, wo er diese ja vielleicht auch hätte verhindern können bzw. vielleicht auch noch die Verhütung hätte organisieren können. Mit einem Sklaven, noch dazu der eigenen Tochter, dies zu tun, das ist allein mit dem "Exklusivrecht" -vielleicht- nicht ausreichend erklärt, könnte ich mir vorstellen. (So genau habe ich mich mit diesem Fall aber nicht befasst.) Gleichwohl stimmt es, dass man hier, als Frau, eine Gefahr sehr klar sehen kann. (Wenngleich man bzw. Frau anderswo vom - akzeptierten, also humanen - Kampf der Männer um evtl. Exklusivrechte wohl auch gern profitiert, sich auch gern hofieren lässt - oder?)
Die Autorin verweist auf das Buch "Ware Frau", das über Frauenhandel aus Nigeria nach Europa handelt. In den Kommentierungen bei amazon findet sich u.a. folgendes Exzerpt des Buches: "Und selbst die vertrauten Schemen von Gut und Bösen greifen beim
afrikanischen Frauenhandel nicht, Opfer werden Täterinnen, das Netzwerk
wird sogar größtenteils von Frauen, den Madames betrieben und diese
haben sich nicht selten durch eine Art Franchise-System selbst
etabliert." Der Mensch ist schlecht, Frau Mayer. Der Mensch. Nicht nur der Mann.
von Sextourismus und Frauenhandel. Warum konstruiert die Autorin daraus einen (übrigens reichlich schwammig gehaltenen) Vorwurf? Und: An wen richtet der sich? Wer soll sich angesprochen fühlen?Ein Mann, der sich keine "Importbräute" hält, im Urlaub nicht nach Thailand (oder an einen anderen Ort, wo die Nutten billig sind) fährt, sicher nicht.Wenn es nach dem "Moral"verständnis (oder wie sie das auch immer genannt haben will) der Autorin ginge, dürfte wahrscheinlich kein Mensch auf der Welt jemals mehr lachen, weil Lachen das Schweigen über das Leiden der Frauen einschließt. Aber, Frau Mayer, schon Brecht ist mit seinem Versuch, Gespräche über Bäume zu kriminalisieren, kläglich gescheitert...
Dürfte Absicht sein, denn das bürgerl.Feuilleton - siehe H.Schmidts gequälten Versuch das vermeintlich Niveaulose zu ertragen - unterschätzt die Linguistin & Rapperin .(Einfach mal ihre 8 Grundsätze lesen und den praktischen Nutzen für türkische Frauen akzeptieren)
Leider ist auch dieser Artikel über ein ernstes Problem erschreckend einseitig und eindimensional. Männer sind pauschal die Monster während Frauen die unschuldigen Engel sind. Vergessen wird dabei, dass sich Jahr für Jahr auch tausende deutsche Frauen aufmachen und die Vorzüge des Sextourismus bedenkenlos geniessen, siehe Länder wie z.B. Kenia.Ich habe Charlotte Roches Buch gelesen und finde es phantastisch, weil es eine Menge alte Tabus aufbricht. Ich denke, dass Charlotte Roche viel näher dran ist an dem, was für Frauen zählt als eine alte, extrem-konservative Alice Schwarzer (die u.a. Werbung für Bild und CDU macht) mit ihren Moralvorstellungen aus dem Mittelalter.
Zugegeben, in der Regel sind Männer die Verbrecher, wenn es um Straftaten geht, die gewissen körperlichen Gewalteinsatz benötigen. Deswegen kommt in diesen Verbrechen aber noch lange kein gesellschaftliches Frauenbild zum Ausdruck. Mit der gleichen Logik könnte ich der Gesellschaft einen Hang zum Stehlen unterstellen, weil letzte Woche wieder ein Dieb erwischt wurde. Es wird immer Abweichungen von der Norm geben.Nicht fähig, ihren Sieg zu erkennen, versuchen die Feministinnen durch unbeirrtes Verbreiten der reinen Lehre, ihre Erbe zu retten. Die Alice Schwarzer Fraktion kann nicht akzeptieren, sich in einem Punkt geirrt zu haben. Nicht jedes Rollenverhalten ist anerzogen. Frauen haben das Bedürfnis, sich begehrenswert zu fühlen. Auch die ehrfolgreiche, nur ihrem freien Willen folgende Karrierefrau, Wissenschaftlerin, Redakteurin, ... möchte begehrenswert sein. Ferner möchte sie nicht alles mit ihrem Partner demokratisch entscheiden. Sie möchte nicht gefragt werden, wie sie sich das Abend/Wochenendprogramm vorstellt, sondern sie möchte auf angenehme Art und Weise unterhalten werden. Der Herr möge sich bitte überlegen, was ihr gefallen könnte und sie damit überraschen. Auch die Karrierefrau möchte einen Partner, der erfolgreich ist. Am besten erfolgreicher als sie selbst. Was damit zusammenhängt, dass der Partner auch dazu dient, für ihn im Freundes-/Verwandtenkreis bewundert zu werden: "Netten Kerl hast Du Dir geangelt!" hört die Dame lieber als: "Naja, wo hast Du denn den gefunden?".Da sich daran auch die nächsten tausend Jahre nichts ändern wird, finden Alice Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen keinen Frieden. Vor fünfzig Jahren konnte eine Frau ohne ihren Ehemann nichteinmal ein Bankkonto eröffnen. Heute ist eine Frau Bundeskanzlerin. Wie kann man nur an seinem eigenen Sieg so verzweifeln? Mit der idiotischen Pornographiedebatte fange ich jetzt garnicht erst an.GrüßeTrench
Hier geht es anscheinend darum, ein Buch (oder 2) der 3 Foto-Feministinnen zu erwähnen, und nebenbei in den Medien Präsent zu sein. Und wo kein Inhalt ist, kann es kein Contra geben. "Wir (die Feministinnen) sind eben wer, drum stehen wir auch in der Zeitung."
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