InternetSeminar beim Avatar

Wie das Internet unsere Schulen und Universitäten verändern wird von 

Bevor der langjährige US-Vizepräsident Al Gore zum Propheten des Klimawandels mutierte, gab er sich mit gleicher Hingabe gern als Technikfreak. 1993 etwa verkündete er: »Im nächsten Jahrzehnt wird ein Grundschüler von der Schule nach Hause kommen und sich, statt Nintendo zu spielen, in die Library of Congress einloggen und das gesamte Universum der Informationen durchforschen.« Selbst wenn das heute technisch möglich wäre – offensichtlich halten sich die Grundschüler nicht an Gores Weissagung. Dafür hat sich das Angebot an Spielkonsolen erweitert, und der Nachwuchs spielt, statt in der virtuellen Kongressbibliothek zu stöbern, fröhlich auf dem kleinen Nintendo DS lite oder auf dem großen Nintendo Wii – wenn er sich nicht auf die Playstation 3 von Sony oder auf die Xbox von Microsoft festgelegt hat.

Immer wieder machen Technik-Euphoriker den Fehler schlechter Ingenieure: Sie bauen auf die Technik und nehmen nicht wahr, dass sie nur einen Baustein für ein soziotechnisches System liefern. Wie auch der Internet-prophet George Gilder. 1994 schrieb er im amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes über die Auswirkungen der Computernetzwerke in den folgenden (also inzwischen vergangenen) zehn Jahren: »Das benachteiligte Ghettokind in der hoffnungslosesten Situation wird Möglichkeiten zur Ausbildung finden, die weit über das hinausgehen, was heute Schüler von Preparatory Schools in den Suburbs genießen.«

Doch die amerikanischen Schulstudien der letzten Jahre zeigen, dass von einem Rückgang der Ungerechtigkeit keine Rede sein kann. Mit der Erziehung im Elternhaus und der Wahl der besseren Schule hat die Mittel- und Oberschicht die Privilegien ihrer Kinder verteidigt. Dagegen ist keine Technik gewachsen. Als genauso wenig realistisch erweist sich die Vision, mittels Computertechnik aus den reichen Ländern Unwissenheit und Armut in den Entwicklungsländern zu beseitigen. Gerade erleben wir das – zumindest teilweise – Scheitern des ambitionierten Plans des Internetgurus Nicholas Negroponte, mittels eines Billigcomputers Millionen Kindern der Dritten Welt das Lesen und Schreiben beizubringen. Mit seiner Initiative »One Laptop per Child« wollte er etwa in Afrika, Asien und Lateinamerika flächendeckend die Kinder mit robusten Lerncomputern ausstatten. Doch beim Zusammentreffen mit der Wirklichkeit kam auch diese Vision ins Straucheln: Die Produktion der Computer wurde teurer als erwartet, Hardwarehersteller versagen ihre Hilfe, weil sie in den Billig-Laptops Konkurrenz für ihre Produkte fürchten, die Industrie einiger Entwicklungsländer möchte lieber eigene Produkte entwickeln, und viele Staatsmänner unterstützten die Aktion zwar mit Worten, halten sich aber zurück, wenn es ans Zahlen geht. Und nicht zuletzt unterschätzte der Computerfreak, dass Eltern in Afrika oder Lateinamerika nicht automatisch in Jubel ausbrechen, wenn der gute weiße Mann ihren Kindern etwas beibringen möchte, was sie selbst nicht können.

Eine tolle Computerausstattung verbessert nicht die Lesefähigkeit der Kinder

Das Muster ist überall dasselbe, übrigens auch in Deutschland: ideologischer Überschwang, kein Konzept und wenig messbare Ergebnisse. Mitte der neunziger Jahre startete Helmut Kohls »Zukunftsminister« Jürgen Rüttgers gemeinsam mit dem damaligen Telekom-Chef Ron Sommer die Initiative »Schulen ans Netz«, mit der Tausende von Schulen ans Internet angeschlossen werden sollten (was sogar gelang). Damit sollte ein wichtiger Beitrag geleistet werden, »die Schüler auf die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts vorzubereiten«, sagte Jürgen Rüttgers. »Medienkompetenz ist künftig eine Schlüsselqualifikation.« Erst später kam man auf die Idee, für den Computereinsatz an den Schulen auch Konzepte zu entwickeln – und Lehrer zu gewinnen, die ihn zu ihrer Sache machen: Viel Geld floss in die Technik, wenig in die Fortbildung der Pädagogen.

Wie erfolgreich die Aktion für die Bildung der Schüler tatsächlich war, lässt sich nicht erfassen. Die Pisa-Studie brachte zumindest die nachdenklich machende Tatsache an den Tag, dass die Computerausstattung der Schulen keinen Einfluss auf die zentrale Schlüsselqualifikation auch der sogenannten Wissensgesellschaft hat: die Lesefähigkeit der Schüler.

Schulen sind eben, man mag es beklagen oder begrüßen, ein verdammt träger Organismus. Das gilt erst recht für Schulen in der Dritten Welt. Wenn etwa ein Arzt aus dem Jahr 1908 mittels einer Zeitmaschine in einem Operationssaal von heute landete, käme er sich vor wie ein Alien. Ein Lehrer aus dem Jahr 1908 hingegen, der heute einen Klassenraum beträte, könnte problemlos den Unterricht fortsetzen.

Wie also wird das Internet die Bildung verändern? Die Schule der nahen Zukunft wird sich in vielem nicht grundlegend von der heutigen unterscheiden. Selbst der gute alte Frontalunterricht wird weiterhin zum Repertoire der Pädagogen gehören. Seit Jahrhunderten sind die Menschen an diese Kommunikationsform gewöhnt. Beim Militär, in der Kirche, im Theater, beim Chorsingen, beim Training – man sitzt oder steht in einer Menge und vor einem predigt, befiehlt, ermuntert, schimpft, unterhält oder dirigiert jemand; es ist schwer vorstellbar, dass sich der Mensch innerhalb der nächsten hundert Jahre davon verabschieden wird. Schwer vorstellbar auch, dass sich die Grundstruktur der Schulbildung ändern wird (wetten: Auch Latein wird hierzulande in hundert Jahren in vielen Schulen noch unterrichtet). Dieser konservative Blick auf die Zukunft der Bildung ist realistischer als die Visionen der E-Learning-Euphoriker, die sich regelmäßig blamieren. Denn noch nie hat eine neue Technik die Grundregeln des menschlichen Zusammenlebens schlagartig auf den Kopf gestellt.

Trotz aller Skepsis wird das Internet die Schulen dennoch aufmischen. Dabei geht es à la longue nicht um die läppische Frage, ob Computer in die Schule sollten oder nicht. Die Schüler (und ja: auch die Lehrer) werden bald in einer Technosphäre leben, die die Schulpraxis automatisch verändert – je höher die Schulklasse, je mehr die Schüler eigenständig lernen, desto stärker. Die selbstverständliche Kommunikation Jugendlicher über Ländergrenzen hinweg schafft für Fächer wie Erdkunde, Fremdsprachen oder Politik ganz neue Möglichkeiten. Der einfache Zugriff vieler Schüler auf diverse Wissensquellen wird den Unterricht bereichern, ebenso die fantastischen Möglichkeiten der Computersimulation. Das Lernen wird mit zunehmendem Alter individueller gestaltet. Das Lernen außerhalb der Schule wird wichtiger. Damit werden die Lehrer stärker als jetzt Begleiter des Lernens ihrer Schüler. Sie müssen auf andere Art als heute einen Vorsprung vor den Schülern behalten: Das Vermitteln von Orientierungswissen wird wichtiger als das von Verfügungswissen.

Der weltweite Kampf um zahlende Studenten kann zum Vernichtungswettbewerb führen

Ganz anders als die Schulen werden jedoch die Universitäten von den Auswirkungen des Internets überrollt werden. Wer in der Schule unter sanfter Führung durch die Lehrer gelernt hat, sein Lernen selbst zu steuern, dem steht nach der Schulzeit bald die ganze Welt als Studienort offen. Und damit werden die deutschen Hochschulen in einen dramatischen internationalen Wettbewerb gestoßen. Gewinnen wird, wer weltweit die besten Vorlesungen, Seminare und die beste Betreuung übers Internet anbietet. Wer Politik studieren will, dem wird Stanford ein Angebot machen, Informatiker werden vom MIT (dem Massachusetts Institute of Technologie) angezogen und Literaturliebhaber von Oxford. Das Branding, der Klang der Marke, wird im globalen Wettbewerb an Bedeutung gewinnen.

Schon heute kann eine leise Ahnung vom Studium der Zukunft bekommen, wer etwa eine Vorlesung an der Harvard Law School in der künstlichen Computerwelt Second Life besucht. Die Studenten und der Professor sind dort mit einem sogenannten Avatar vertreten, einem selbst gestalteten virtuellen Abbild von sich. Die Computerstellvertreter der Studenten sitzen unter freiem Himmel (schlechtes Wetter gibt es in der Kunstwelt nicht) im Halbkreis. Der Professor erscheint als Computerfigur, bittet um Ruhe und beginnt die Vorlesung. Es wird dazwischengefragt, diskutiert, die Grenze zwischen virtuellem Leben und echtem Leben verschwimmt.

Wenn die Technik fortschreitet, kann leicht das Wohnzimmer zum Hörsaal werden und Castrop-Rauxel zu einem Ort an der amerikanischen Ostküste. Der weltweite Wettbewerb um die besten und zahlungskräftigsten Studenten kann zu einem regelrechten Vernichtungswettbewerb führen. Und auf den sind die deutschen Hochschulen bislang nicht eingestellt; viele haben es gerade einmal mit Mühe geschafft, eine Website zu basteln, die nicht peinlich wirkt.

Eine Entwicklung jedoch würde alle Prognosen über den Haufen werfen: Wenn die Biotechnik in den kommenden Jahren so gewaltige Fortschritte machte, dass Menschen und Maschinen verschmelzen würden, derart, dass letztlich der menschliche Maßstab abhandenkäme.

Prognosen über das Verhalten von Cyborgs, von Mensch-Maschine-Mischwesen, sind eine Nummer zu gewagt. Vielleicht vollzieht sich das Lernen dann über einen modernen Nürnberger Trichter mit Direktanschluss an das Gehirn. Schwer vorstellbar, aber nicht auszuschließen.

Linksammlung

www.schulen-ans-netz.de
Infos über die Initiative von Bundesregierung und Telekom, über Bildungsforschung, digitale Medien etc.

http://blogs.law.harvard.edu/cyberone
Kleiner Einblick, wie es an der virtuellen Harvard School aussieht

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Leserkommentare
    • TimmyS
    • 16. Mai 2008 18:07 Uhr

    TiSe Ich bin ein großer Bewunderer der technologischen Entwicklung, aber irgendwann muss man "STOPP!" sagen. Das Internet klärt die Raumfrage, aber zerstört die Real-Kommunikation. Natürlich kann international leichter kommuniziert werden, aber leider übernimmt diese Leichtigkeit die Hauptposition in der Alltagskommunikation. Menschen, die im gleichen Land sogar in der gleichen Stadt leben, führen verstärkt Gespräche über den elektronischen Weg, und dabei ist nicht allein das Handy gemeint. Die Menschen ziehen sich immer weiter zurück, da sie ihr Heim nicht verlassen müssen, um alltägliches zu erledigen. Die Bildung sollte zumindest noch ein Weg sein, in dem Realkontakte entstehen und wirkliche Face-to-Face Diskussionen geführt werden. Das Internet und die Scheinnetzwerke geben den Usern neue Optionen, aber machen gegenüber der realen Welt furchtsam und feige, da sie sich eigentlich zu Hause hinter ihrem elektronischen Freund verstecken können, sich mit virtuellen Namen präsentieren und bestimmen können, wann sie das Gespräch beenden, indem sie einfach ausschalten. Fortschritt ja, aber nicht um jeden Preis.

    • Neon
    • 16. Mai 2008 19:30 Uhr

    Universitaeten sorgen fuer die wissenschaftliche Ausbildung, was wohl die meissten bereits vergessen haben. Da kommen Frontalunterricht und mit Bleistift ausgefuellte "multiple-choice" Frageboegen nicht vor.Nicht nur sind deutsche Universitaeten nach wie vor in vielen Bereichen fuehrend, sie sind auch weitgehend frei von aberwitzigen Studiengebuehren. In weniger zivilisierten Gesellschaften herrschen mittelalterliche Zustaende, die es den weniger Begueterten nicht gestatten, eine derartige Bildungsanstalt zu besuchen. Weshalb dann auch der Hinweis auf Harvard eher witzig wirkt. Und die Nennung von Oxford, eben auch die Brutstaette viktorianischen Klassenbewusstseins kann hier wohl auch kaum Nutzen sein.Die Besten sollen durchkommen. Das gelingt jedoch nur, wenn man weiss wie man die Gesamtheit richtig ausbildet und foerdert. Und das faengt in der Grundschule an. Richtig ist, dass in zeitgemaesse Technik, aber eben auch kontinuirlich, investiert werden muss. Richtig ist aber auch, dass der Lehrkoerper sich endlich seinen Namen verdient. Und da bedarf es eben auch verbesserte Auswahl und Ausbildung. Dem Anspruch der internatinalisierten Arbeitswelt muss endlich auch hier Rechnung getragen werden."In unserer Arbeitswelt geht die Sonne nicht mehr unter. Wir behandeln taeglich Probleme von Menschen und Unternehmen auf allen Kontinenten. In unserem Alltag muessen wir uns mit allen grossen Kulturen dieser Welt auseinandersetzen und uns staendig auf veraenderte kulturellen Bedingungen einstellen. Wir sitzen in Besprechungen, wie selbstverstaendlich global verbunden per Telefon und Video/Internet."Der Mensch kann in seiner sozialen Funktion niemals durch eine Maschine ersetzt werden.

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  • Serie Internet-Spezial
  • Schlagworte Internet | Bundesregierung | Jürgen Rüttgers | Microsoft | Telekom | Nintendo
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