Internet Hinter Kuppen

Wie man sich beim Surfen verliert, so wie damals, als Kind

Ich hatte sie längst verloren geglaubt, diese Sommertage in den großen Ferien, an denen ich – noch Kind – durch das Gestrüpp brachliegender Äcker zog, gedanken- und absichtslos, allein mit der Welt. Damals lag der Horizont noch hoch, und das Terrain ringsum war so unüberschaubar wie das ganze Leben. Jedes Knacken ließ schaudern, ich hatte Ohren und Augen offen für alles, für die Käfer am Boden zum Beispiel, gepanzerte Armeen auf ihrem Weg ... wohin? Ja, wohin würde ich kommen, wenn ich ihnen folgte? Was würde hinter der nächsten Kuppe sein? Und hinter dem, was hinter der Kuppe sein würde? So wurde aus Langeweile Bewegung, ein Streunen, das ziellos war und doch an tausend Orte führte. Das war vorbei, als mit den Jahren die Lebenswege begradigt wurden.

Seit einiger Zeit streune ich wieder. Im Internet. Dort liegt der Horizont wieder sehr hoch, und das Terrain ist ungefähr so unüberschaubar wie damals das Leben. Man weiß nie, was hinter der nächsten Kuppe kommt.

Ich habe diese Parallelität lange nicht gesehen, weil ich anfangs sehr gradlinig im Internet unterwegs war, als Erwachsener eben: Spiegel Online, Mails lesen, fertig. Erst nach und nach bin ich auf Abwege geraten, wobei »Abwege« auch so ein Begriff aus dem Wörterbuch für Erwachsene ist.

Meine Spaziergänge dauern jetzt meist eine Stunde und beginnen auf sicherem Boden, den Nachrichtenseiten. Danach? Hüpfe ich von Link zu Link wie damals über Stämme und Pfützen, prüfe das Wetter in den Alpen oder schaue mit einer Webcam in die finnische Mittsommernacht. Dann? Vielleicht bei ImmobilienScout nachsehen, für welche Wohnung und welches Leben ich mich entscheiden würde, falls mich das Schicksal mal nach Emden oder Pirmasens verschlüge. Oder zurückrechnen, ob ich heute Millionär wäre, wenn ich vor zehn Jahren Puma- statt Telekom-Aktien gekauft hätte.

Meine Wege sind immer andere, am Ende lande ich je nach Seelenlage bei kraftstrotzenden Extremsport-Ausrüstern oder hypochondrischen Selbstheilungsratgebern – und bin wieder das staunende Kind, das sich fragt, ob es gerade die Wahrheit sieht oder eine Lüge. All das Wissen, die Meinungen, die Möglichkeiten! All die Fragen wie früher im Gestrüpp: Hebe ich das auf, oder lasse ich es liegen? Traue ich mich um die nächste Ecke? Gehe ich »vor« oder »zurück«? Manchmal entspricht die Wortwahl in der Menüleiste exakt den Optionen von damals.

Ich gebe zu: Das Internet ist ein riesiges Kaufhaus. Ein Verführungsapparat. Eine Vereinsamungsmaschine. Man kann sich verlaufen, verlieren sogar. Man kann aber auch Schätze bergen. Seinen Weg wieder dem Zufall überlassen und die Gesetze der Effizienz brechen, die ansonsten den Tag bestimmen. Die Sehnsucht, noch einmal Kind zu sein, wird hier erfüllt. Allein das Wort »Suchmaschine«, wunderbar! Jedes Kind ist eine Suchmaschine. Wer nichts mehr finden zu können glaubt, ist viel zu erwachsen. Im Internet will alles gefunden werden, hier gilt noch einmal die Ökonomie des unökonomischen Verhaltens, denn am Ende jedes Ausflugs steht doch meist ein Gewinn, eine Entdeckung, eine Erkenntnis.

Früher, tief in den großen Ferien, lief ich dann mit dieser Entdeckung nach Hause, in meinem Bauch glühte eine Idee. Ich rannte, getrieben von Eifer und zugleich von der Angst, meine Idee unterwegs zu verlieren. Daheim wurde aus der Idee dann ein Bild, ein Bastelwerk. Heute ist es wieder ähnlich. Dann laufe ich vom Schreibtisch in den Wohnungsflur, im Kopf irgendein Luftschloss, für das ich mir bei meiner Familie eine Baugenehmigung einholen möchte. Wenn ich sie nicht bekomme? Gehe ich eben wieder raus.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich bin froh, daß es zu meiner Kinderzeit noch keine Computer für den Privatgebrauch gab.
    Ich hätte vieles nicht erlebt, was ich ohne Computer erleben durfte.
    Heute ist es das größte für mich, mit einem meiner Mokicks aus den 70ger Jahren an einem schönen warmen Tag gemütlich durch die Lande zu zuckeln.
    Früher dachte ich einmal daran, einen Motorradführerschein zu machen.
    Mittlerweile genieße ich die Langsamkeit und was ich dabei alles zu sehen bekomme - wesentlich mehr, als wenn man wie gefesselt vorm Computer hockt und in virtuelle Welten surft, die einem langsam aber sicher die Sinne abstumpfen lassen.

    MfG. H. Rentsch

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  • Serie Internet-Spezial
  • Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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  • Schlagworte Internet | Suchmaschine | Kinder | Emden | Alpen | Pirmasens
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