Mobiles Internet
Handy verrückt
In Japan geht nichts ohne Handy. Mit dem »Keitai« werden im Netz nicht nur Kleider und Bücher bestellt. Onlineromane erreichen ein Millionenpublikum. Und räumen Literaturpreise ab
Wie lange haben wir darauf gewartet! Jetzt soll es auch das noch geben: das Geruchstelefon. Mit dem Smellphone, das gerade testweise eingesetzt wird und demnächst in den Handel gehen soll, kann man eine bestimmte Duftnote bestellen. Die wird dann digital gemischt und vom Keitai verstäubt. Keitai heißt Handy, ist japanisch und bedeutet »mit sich tragen«. Bald trägt man in Japan auch noch Duftnoten spazieren.
Japan ist eine Keitai-Gesellschaft. Achtzig Prozent aller Japaner haben mindestens ein Keitai. Nur Säuglinge und ein paar verschrobene Typen haben eins, das keinen Internetzugang gewährt. Alle müssen immer das neuste Modell haben. Allein im vergangenen Jahr wurden 52 Millionen Geräte verkauft, genug für beinahe die Hälfte der Bevölkerung.
Man geht ohne Keitai so wenig aus dem Haus wie ohne Schuhe. Bei den meisten Japanern ist das Handy nie außer Reichweite. Schon weil es Spaß macht. Mit dem Promi-Index erfährt man zum Beispiel, ob man wie ein Prominenter aussieht. Man macht mit seinem Keitai ein Foto von sich und schickt es per E-Mail an eine Firma, die es mit einer Datenbank abgleicht. Man kann auch sein Mittagessen fotografieren und das Foto an einen Ratgeber schicken. So erfährt man umgehend, was man sich in Bezug auf ungesättigte Fette, Kohlehydrate et cetera mit seinem Mahl antut.
Nur auf eine Spezies Mensch wird man trotz der hohen Handydichte in Japan sehr selten stoßen: den rücksichtslosen Lauttelefonierer.
Japaner, das begründet den Erfolg des Keitais, halten sich sehr viel im öffentlichen Raum auf, allein schon, um im Pendlerzug Stunden zum Arbeitsplatz anzureisen und wieder zurück, aber im Umgang mit anderen sind sie umsichtig. Wer sich am Telefon über seine Geschäfte, die letzte Nacht oder das bevorstehende Wochenende unterhält, könnte im Restaurant oder im Zug, im Kaufhaus oder in einer Schlange jemanden stören. SMS und E-Mail sind die gebräuchlichsten Formen der mobilen Kommunikation. Bis zu 10.000 Zeichen kann eine E-Mail umfassen (zum Vergleich: Dieser Text hat rund 6000).
Die japanische Schrift umfasst mehrere Tausend Zeichen und stellt an die elektronische Verarbeitung und Darstellung von Texten auf Bildschirmen wegen der erforderlichen grafischen Differenzierung zwar hohe Ansprüche. Andererseits, das ist der Vorteil, erlaubt sie aber auch eine größere Informationsdichte als das Alphabet. Da japanische Software- und Hardwarehersteller darauf von Anfang an eingestellt waren, sind die Displays von Mobiltelefonen groß, lichtstark und scharf. Man liest auf ihnen mühelos. Insbesondere für Gebrauchstexte sind sie bestens geeignet.
Überall sieht man Menschen am Keitai lesen und schreiben, vor allem in den Pendlerzügen. Die Medien haben die »Daumengeneration« entdeckt, wobei Generation irreführend ist, weil sich mittlerweile alle Altersgruppen am Daumendrücken beteiligen.
Viele benutzen ihr Handy als MP3-Player, oder sie machen bei Internetspielen mit, die nicht nur unter Jugendlichen beliebt sind. Fernsehen auf dem kleinen Bildschirm hält nicht jeder für eine große Errungenschaft, doch das ist immer noch besser als Langeweile.
Auch ernsthafteren Beschäftigungen geht man mit dem Mobiltelefon nach. Das Gerät wird bei der Telemedizin eingesetzt. So kann man sich erinnern lassen, dass ein Medikament eingenommen werden muss. Und der Arzt kann sich ein Bild vom aktuellen Zustand der Zunge oder der Retina machen – via Foto oder Video, vom Handy geschickt.
Viele Kunden bezahlen mobil ihre Rechnungen, verschaffen sich Zugang zu Archiven, Zeitungen und Warenkatalogen von Kauf- und Versandhäusern. Der deutsche Otto Versand zum Beispiel macht in Japan gute Geschäfte; einen großen Teil seines Umsatzes bescheren ihm mobile Onlinekunden. Und 40 Prozent der Befragten einer repräsentativen Erhebung von Japan.internet.com haben schon einmal auf eine E-Mail-Werbung mit ihrem Keitai reagiert.
Die Verbindung von Internetshopping und mobiler Kommunikation zieht besonders Frauen an. Sie informieren sich auf dem Handy über Modetrends und kaufen sie auch gleich ein. Die Firma Xavel schuf schon im Jahr 2000 Girlswalker.com und Fashionwalker.com , zwei Websites, die heute 20 Millionen Leserinnen und Leser haben und die es geschafft haben, die ganze Branche umzukrempeln. Anders als bei herkömmlichen Modeschauen werden Kleider nicht für die nächste, sondern für die aktuelle Saison vorgeführt, und nicht die Haute Couture aus dem Ausland steht im Mittelpunkt des Interesses, sondern Alltagsgarderobe zu moderaten Preisen. Xavel organisiert mittlerweile die größten Modeschauen des Landes, wenn nicht der Welt. Als Handyträger erlebt man sie auf dem Display live mit, wo auch immer man gerade ist – und kann sofort bestellen, was einem gefällt. 2006 wurden via Mobiltelefon schon Waren im Wert von 258 Milliarden Yen (1,6 Milliarden Euro) umgesetzt.
Das Verlagsgeschäft hat die Zeichen der Zeit besonders schnell erkannt. 2007 gaben japanische Konsumenten allein 20 Millionen Euro für Manga online aus, eine Website, die sich den populären Manga-Comics widmet. Literatur im weitesten Sinne hat eine erhebliche Bedeutung im E-Commerce. Japans bedeutendste Wirtschaftszeitung Nikkei schätzt den Umsatz von E-Büchern auf 20 Milliarden Yen (127 Millionen Euro) mit einem Wachstum von jährlich 200 Prozent.
Und wieder ist das Handy der Schlüssel: Mindestens zwei Hersteller bieten Geräte mit extragroßen Displays an, speziell für das Lesen von E-Büchern.
Und dabei geht es nicht nur um eine Zweitvermarktung konventionell gedruckter Werke. Das Medium hat ein neues Genre entstehen lassen: Der Handyroman wurde in Japan geboren. Alles fing damit an, dass einige Verlage ihre gesamte Produktion zu geringen Abonnementspreisen (zwei bis zweieinhalb Euro monatlich) online verfügbar machten. So wurde nicht nur ein neues Lesepublikum erschlossen. Viele Kunden regte das Lesen auf dem Display ihres Mobiltelefons dazu an, sich selbst an der Literaturproduktion zu versuchen. Als die »magische Bücherei« ( http://4646.maho.jp ), ein Onlinebuchladen mit über 700.000 Titeln im Angebot, zusammen mit dem Telekom-Riesen DoCoMo den ersten Preis für einen Keitai-Roman ausschrieb, musste die Jury zwischen 2400 Einsendungen auswählen. Den Anfang machte vor sechs Jahren »Yoshi«, der seinen auf dem Mobiltelefon geschriebenen Roman als Blog veröffentlichte. Inzwischen sind ihm viele Erstautoren gefolgt.
Die Japaner sind fanatische Blogger. Von den 113 Millionen Blogs, die die Firma Technorati Inc. 2007 weltweit verfolgte, waren 37 Prozent in japanischer Sprache, Englisch kam mit 36 Prozent erst an zweiter Stelle. Von der literarischen Zunft zunächst wegen ihres ungeschliffenen Stils und ihrer ein- fachen Struktur verpönt, genießt die Handyschreibe heute durchaus einen gewissen Respekt. Den Akutagawa-Preis, Japans höchste Auszeichnung für ein literarisches Erstlingswerk, gewann dieses Jahr Mieko Kawakami, die 2003 mit einem Internettagebuch zu schreiben begann und damit schon bald 10.000 Leser täglich anzog. Als sie im Januar dieses Jahres den Preis erhielt, hatte sie schon 200.000 Fans.
Handyliteratur ist als Massenware auch kommerziell interessant. Mika Naitos Handyroman
Liebeshimmel
erzielte 1,5 Millionen bezahlte Zugriffe in fünf Monaten, zu viel, um Schrifttum dieser Art mit verächtlichem Naserümpfen abzutun. Manche Kritiker preisen das Werk wegen seiner Unmittelbarkeit und Nähe zur Alltagssprache, die sie auf das Schreiben en passant – auf dem Weg zur Arbeit, im Café, auf der Parkbank – zurückführen. Und das Urteil des Publikums jedenfalls ist eindeutig: Die Hälfte der zehn meistverkauften Romane des vergangenen Jahres wurden auf einem Mobiltelefon geschrieben.
Linksammlung
http://www.bitkom.org/de/presse/43408_42512.aspx
Informationen zu Telemedizin via Handy in Deutschland
www.girlswalker.com
Japanische Mode-Site, ganz in Rosa gehalten, allerliebst
http://www.youtube.com/ micanaitoh
Videochannel des japanischen Handyroman-Stars Mika Naito
- Datum 1.4.2009 - 12:02 Uhr
- Serie Internet-Spezial
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
- Kommentare 2
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Im Allgemeinen kann ich dem Artikel aus persönlicher Erfahrung zustimmen, aber im Einzelnen möchte ich anmerken, dass es in der japanischen Schriftsprache nicht "mehrere Tausend Zeichen" gibt, sondern nur 1945 aus dem Chinesischen übernommene Kanji für den täglichen Gebrauch, plus wenige Hundert, die man speziell für außergewöhnliche Personennamen verwenden kann, und zuletzt noch zweimal 46 Kana. Die Summe von etwa zweieinhalbtausend Zeichen als "mehrere Tausend" zu bezeichnen, erscheint mir doch übertrieben.
Bezugnehmend auf den Kommentar zu den japanischen Schriftzeichen, möchte ich ein wenig Licht in die vorangehende Kritik bringen: die Liste von 1945 Kanji (auch "Jouyoukanji" = "Schriftzeichen für den gewöhnlichen/täglichen Gebrauch") ist ein von der japanischen Regierung herausgegebener Index, der als Richtlinie für Journalisten, Schriftsteller etc. gedacht ist, um eine "Standardsprache" für den Alltag zu schaffen. Dass einige der Schriftzeichen dieser Liste bloß repräsentativen Wert haben (wie das Zeichen für das kaiserliche Siegel und einige mehr) und sogar vielen jungen JapanerInnen unbekannt sind, andererseits aber manche häufig verwendeten Schriftzeichen nicht inkludiert sind, liegt daran, dass die Liste nicht regelmäßig aktualisiert wird. Dies hat zur Folge, dass Schrifzeichen, die durch Sonderlesungen in neuen Wortschöpfungen bzw. Trendausdrücken (weniger aus der Jugendsprache, sondern vielmehr aus der Medienlandschaft) nicht erfasst werden, von der Öffentlichkeit sehr wohl aber schnell aufgenommen werden."Mehrere Tausend" ist natürlich vom jeweiligen individuellen Bildungsniveau und persönlichen Interesse abhängig, aber viele japanische Studenten kennen etwa 3000-4000 - mit 6000-8000 gilt man gemeinhin als sehr gebildet.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren