Internet Was zählt, ist Vernetzung, Baby!Vernetzung, Baby!

Mark ist zu dick und fährt ein altes Auto. Doch im Internet kann er sich völlig neu erfinden

Was machen eigentlich die alten Schulfreunde?, dachte ich mir eines Tages. Namen um Namen schickte ich in den Schlund der Google-Suche, aber viel Neues kam nicht heraus. Die alten Klassenfotos kannte ich schon, es folgten die Mitgliederlisten regionaler Sportvereine. Yvonne ist Kreismeisterin im Damentennis geworden, Katharina trainiert jetzt Triathlon. Zum Schluss tippte ich den Namen eines fast vergessenen Banknachbarn ein: Mark. Der war früher pummelig, etwas seltsam, hatte fettige Haare, und man kann nicht sagen, dass er viele Freunde hatte, weswegen er sogar mich in Mathe abschreiben ließ. Kurz: Ich hatte wenig Hoffnung, nun noch etwas zu finden. Aber völlig überraschend füllte sich der Bildschirm: 3290 Suchergebnisse zu Mark spuckte die Maschine aus!

Mark, so erfuhr ich gleich am Anfang, schreibt ein Weblog über die Marketingstrategien großer Unternehmen im Internet. Außerdem ist er Director of Business Development in einer Berliner Medienagentur. Das über den eigenbrötlerischen Mark zu erfahren überraschte mich ziemlich.

Schnell lernte ich noch mehr über den neuen Mark kennen. Er hat sich einen Saab gekauft, mag die Polo-Shirts von H&M nicht und fährt Mountainbike am Gardasee. Früher war er ja nicht besonders sportlich, dachte ich, aber auf den Fotos, die ihn mit Freunden auf kleinen Bergpfaden zeigten, sah er ziemlich durchtrainiert aus. Dann bekam ich Angst um Mark: All die privaten Details – ist das nicht gefährlich?

Ich schrieb Mark eine E-Mail (seine Adresse im Netz herauszufinden war nicht schwer) und fragte ihn, wie das zusammenpasse – alles, vor allem die Karriere in der Hauptstadt und die Urlaubsfotos im Internet. Habe er keine Angst, zu viel von sich preiszugeben?

Seine Antwort kam prompt und las sich so routiniert wie eine PowerPoint-Präsentation: »Persönliche Daten, einmal ins Internet gelangt, können Biografien ruinieren. Personalchefs recherchieren die Onlinelebensläufe potenzieller Mitarbeiter, sie durchforsten dazu auch Sozialnetze wie MySpace und StudiVZ. Doch jeder destruktiven Kraft wohnt auch etwas Schöpferisches inne. Das Netz mag gefährlich, kann aber ebenso eine Chance sein – vorausgesetzt, man füttert es gut. Schön, von Dir zu hören übrigens, LG Mark«. Ich war an einen Experten geraten.

Sekunde, ich muss kurz was twittern. Komplett sinnlos, aber ein großes Ding!

Am nächsten Abend begann ich noch mehr über Mark zu recherchieren: Bei XING wurde ich fündig (die Seite ist so etwas wie das StudiVZ für Führungskräfte). 584 Kontakte hatte mein alter Schulfreund dort, ich wurde Nummer 585. Der Gruppe mit dem Namen »Wir kommunizieren Marketing«, die er gegründet hatte, trat ich ebenfalls bei. Noch am selben Abend hatte ich ein halbes Dutzend neuer Bekanntschaften – virtuelle Freunde von Mark, die nun, so schnell geht das, auch meine Freunde sein wollten.

Ich recherchierte weiter. Auf sieben verschiedenen Social Networks hatte Mark ein Profil, überall fiel mir ein Foto auf, das er direkt neben seinen Lebenslauf gestellt hat. Es zeigt ihn mit dem Kreativdirektor einer großen deutschen Werbeagentur. Beide haben eine Flasche Bier in der Hand und lachen. »Zufall, den habe ich auf der Afterparty einer Web-2.0-Konferenz gesehen und mich dann schnell neben ihn gestellt, als der Fotograf auf den Auslöser drückte. Das Bild wurde übrigens auch in Werben & Verkaufen veröffentlicht«, sagte Mark mir später am Telefon. In der Schule war er irgendwie schüchterner gewesen.

Wir vereinbarten ein Treffen, Mark kam zu spät. Und ich war nun wiederum sehr überrascht: Mark sah noch aus wie früher, ein bisschen zu stabil gebaut, verschwitzt, fettige Haare. War das der Mark aus dem Netz? Von den Gardasee-Fotos?

Mark wischte meine Fragen mit einer lässigen Handbewegung zur Seite. »Alles Photoshop, mein Guter. Pimp yourself!« Ich war echt schockiert. Und warum das Ganze? Wozu diese aufgemotzte Omnipräsenz in allen Winkeln des Internets? »Was zählt, ist Vernetzung, Baby«, sagte er. Dann erklärte er mir, wie Suchmaschinen funktionieren: »Je nachdem, wie häufig Internetseiten aufeinander verweisen, rutschen sie höher in den Ergebnislisten von Google. Du musst also nichts anderes tun, als deinen Namen im Netz zu streuen und zu versuchen, möglichst viele Links von anderen Webseiten zu bekommen.«

»Aha«, sagte ich dümmlich.

»Wichtig ist, dass du deinen Namen mit einem bestimmten Thema oder Sachgebiet verbindest«, dozierte Mark weiter. »Ich habe mir Marketing ausgesucht, aber im Grunde ist das egal. Ich hätte auch Wissenschaft nehmen können. Oder Journalismus, wie du.«

Hier sind diejenigen am besten integriert, die immer Zeit für ein Schwätzchen haben

Ich fand schnell heraus, dass Mark eigentlich keine Ahnung von Marketing hatte. »Muss ich auch nicht«, sagte er und verwies darauf, dass er in seinem Blog täglich nur ein paar Sätze schreibe: »Cooler neuer Spot von Microsoft, wurde in den USA leider verboten.« Oder: »Bin gespannt, ob sich das E-Campaigning der Grünen vor der Europawahl auszahlt.« Ich schüttelte den Kopf: »Mark, das ist doch völlig gehaltlos!« – »Stimmt«, erwiderte mein Schulfreund und lachte. »Scheißegal, Hauptsache, du verlinkst solche Einträge auf weitere Weblogs. Irgendwann revanchieren sich deren Autoren und verweisen auch auf deine Seite. Eine Hand wäscht die andere: Und wieder geht es nur um Vernetzung: Wir füttern Google!«

Während ich noch beeindruckt schwieg, zog er sein iPhone aus der Tasche. »Sekunde, ich muss kurz was twittern«, sagte er. »Twitter ist das nächste große Ding. Du stellst von unterwegs kurze Nachrichten ins Netz. Was du gerade machst und so. Komplett sinnlos, aber wirklich das nächste große Ding. Und: Es bringt Google-Nennungen!« Er tippte etwas in den Browser seines Telefons (»Gebe gerade Interview und beantworte dumme Fragen. Journalisten sind echt Web 1.0«, recherchierte ich später) und bestellte sich einen neuen Latte. Ich begann zu begreifen: Vielleicht ist das Netz wie eine Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Und wie in einer Kleinstadt sind auch im Internet diejenigen am besten integriert, die stets für einen Schwatz an der Bushaltestelle zu haben sind.

»Aber was ist mit deinen privaten Urlaubsfotos im Netz?«, fragte ich noch einmal. Mark grinste nur. »Du musst auch zeigen, dass du ein Mensch bist. Die Fähigkeit zur Regeneration der Arbeitskraft ist ebenso wichtig wie die Arbeitskraft selbst.« Wieder so ein PowerPoint-Satz. »Oder würdest du einen Workaholic einstellen, der nach zwei Jahren vom Stuhl kippt? Deswegen gibt es auch kein Bild mehr von mir im Netz, auf dem ich allein zu sehen bin. Oder neben der Spur. Ich kenne einen Service, der Jugendsünden diskret verschwinden lässt.«

»Aber bist das du?«, beharrte ich. Man müsse künftige Arbeitgeber von seiner sozialen Kompetenz überzeugen, sagte Mark und winkte der Kellnerin. Hatte er »künftige Arbeitgeber« gesagt? Mark zögerte kurz. Dann sagte er, mit der Stelle im Business Development sei was schiefgelaufen.

Ich zahlte den Latte macchiato. Auf dem Weg zum Auto war er wieder obenauf. »Das Wichtigste im Internet ist«, dozierte er, »dass du kontinuierlich an deinem Image arbeitest. Manchmal ist das ganz schön anstrengend!« Dann stieg er in sein Auto und brauste davon. Es war ein etwa zwanzig Jahre alter Fiat. Ich hatte wieder Angst um Mark.

Linksammlung

www.xing.com
Das StudiVZ für Führungskräfte (und jene, die es werden wollen)

www.twitter.com
Von »trinke Kaffee« bis »nehme Nobelpreis entgegen«: Sagen Sie der Welt in 140 Zeichen, was Sie gerade tun

www.deutscheblogcharts.de
www.top100-business-blogs.de

Links für eitle Blogger: Bin ich schon unter den 100 Besten?

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 17.05.2008 um 12:35 Uhr
    1. soap

    aus der reihe zeit internet soap.
    heute mark.
    zerstört und aufgebaut durch das web 2.0, sehnt er sich nach web 3.0. wird er es sich leisten können? oder wird er weiter zunehmen, bis er seinen alten fiat sprengt. wir müssen uns jetzt sorgen machen um mark! das ist mark-tschreiend ungerecht sonst! das leben und so! wo es sonst nur gerecht ist! helft mark! spendet! schickt ihm kaffee lattes (halbfettstufe ohne koffein, wenns geht!) und baut sein xing zum ying! dann hat er auch sein yang irgendwann. helft mark! bevor es zu spät ist! zeigt ihm, das leben kann man auch ohne netz schaffen, das leben ist das leben und das ist so!
    spenden bitte an die zeitredaktion oder unter www. ein -leben-für-mark-ohne-netz.com

  1. warum sind zeit-artikel, die informationstechnologie betreffen, eingentlich so häufig auf dem niveau einer bunten friseur-tisch-zeitung?
    mal abgesehen davon, dass der obige artikel dinge als neuheit preist (und das unvermeidliche second life -- für generationen schreibgehemmter journalisten das beste seit geschnitten brot) die selbst in der zeit schon breit getreten wurden ist der ganze artikel mitsamt seinem pseudo-protagonisten "mark" unglaubwürdig -- dazu vereint dieser "mark" einfach zu viele dieser das abendland bedrohenden untugenden, die sich im "web 2.0" (bin ich dankbar, dass die versammelten buzzwörter ohne @ auskommen!) so furchterregend manifestieren.

    besonders schön finde ich allerdings den kommentar zum google ranking mittels linksammlungen:

    »Aha«, sagte ich dümmlich.

    dümmlich ist das richtige wort -- immerhin hat zeit.de (unter anderen zwar, aber immerhin) vor nicht gar so langer zeit von google ein's auf die mütze bekommen, weil sie versucht hat, ihrem rang in den suchergebnissen aufzuhelfen (und der ewig lange schwanz an "services" und anderen links an den seitenenden ist ja auch nicht nur dazu da, weissen platz zu füllen):
    > http://www.heise.de/newst...

    "das netz vergisst nicht" -- immerhin, _der_ kalauer fehlte im text.
    lustig auch wieder die erwähnung von XING (und wie elegant da holtzbrinkens StudiVZ reingebracht wurde!) -- das ist noch so einhe eigenart von zeit-artikeln über it: es gibt faktisch nur kommerzielle techniken, die dauerhaft erwähnung finden: xing, irgendwasVZ, skype, icq.
    mit mühe kam neulich mal ein hinweis durch, dass es zumindest neben icq auch andere, nicht-kommerzielle angebote gibt, die keinen betreiber haben, der auf verwertung der daten aus ist ...

    über die betriebssystem-berichterstattung will ich gar nicht reden -- da ist hopfen und malz verloren.
    windows auf dem computer und werbung von appel an der wand. damit ist die welt dann auch schon zuende.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Anonym
    • 18.05.2008 um 1:13 Uhr

    ich könnts net besser formulieren
    vielleicht gibts in web 3.0 mal ne möglichkeit nen satz zu sagen, statt was ich suche

    • Anonym
    • 18.05.2008 um 1:13 Uhr

    ich könnts net besser formulieren
    vielleicht gibts in web 3.0 mal ne möglichkeit nen satz zu sagen, statt was ich suche

    • Anonym
    • 18.05.2008 um 1:13 Uhr

    ich könnts net besser formulieren
    vielleicht gibts in web 3.0 mal ne möglichkeit nen satz zu sagen, statt was ich suche

    Antwort auf "junge junge"
    • Anonym
    • 18.05.2008 um 1:22 Uhr

    no text

  2. "das Netz vergisst nicht" war leider doch drin - siehe "diskreter Service, der Jugendsünden verschwinden lässt". Ein wenig oldschool ist der Artikel inzwischen nur, das lässt sich nicht verhehlen. Nachdem in jedem 0/8/15-Käseblatt mittlerweile über Datenschutz mehr oder weniger inhaltsreich debattiert wird, fehlt nach und nach tatsächlich greifbarer Inhalt. Mal noch was am Rande, das mich sehr stört. Ich will hier nicht herummeckern, aber eine Beachtung der Groß- und Kleinschreibung (und nicht lediglich der Kleinschreibung) trägt deutlich zur Lesbarkeit bei. Deren Missachtung wiederum ist eines der großen Online-Übel.

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  • Serie Internet-Spezial
  • Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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