Internet Unplugged Kann man ohne das Netz noch auskommen? hat es eine Woche lang probiert

Kann man ohne das Netz noch auskommen? Wenke Husmann hat es eine Woche lang probiert

Sind Seepferdchen nun Fische oder Säugetiere? Davon steht unter der Zeichnung im Bilderbuch des Sohnes, sechs Jahre alt, leider kein Wort. Und schnell hat das Kind mein inkompetentes Gestammel satt und schlägt vor, was es in solchen Momenten immer vorschlägt: »Schau doch im Computer nach!«

Computer und Internet sind für das Kind eins. Deshalb versteht der Sohn auch nicht, dass zwar der Computer noch dasteht, die Klassenzugehörigkeit der Seepferdchen heute aber nicht geklärt werden kann. Morgen auch nicht. Denn das Experiment heißt: eine Woche ohne Netz. Es lässt sich nicht gut an.

Aus der Sicht des Kindes bricht mit dem Verzicht aufs Internet eine allwissende Instanz weg. Aus Elternsicht eine Möglichkeit, sich wenigstens ein bisschen Autorität zu verschaffen. Das letzte Konversationslexikon fiel dem Umzug vor drei Jahren zum Opfer.

Doch ab sofort gibt es auch keinen Zugang mehr zu Sehnsuchtsdingen wie dem ersten Schulranzen (für den Sohn) oder der kommenden Sommermode (für die Mutter). Die tauchen nämlich ebenfalls im Rechner auf, um im glücklichsten Fall wenige Tage später als Paket geliefert zu werden. In den Augen des Kindes ist der Computer deshalb eine Art moderner Weihnachtsmann.

In unseren Augen auch. Seit wir Eltern sind, findet der Einkaufsbummel fast ausschließlich vor dem Rechner statt. Ein Kollateralschaden, den hälftig Familienministerin von der Leyen und Interneterfinder Berners-Lee zu verantworten haben: Die Innenstädte verwaisen.

Davon konnte ich mich überzeugen, denn ich hatte verpasst, das Geschenk für einen Kindergeburtstag online zu bestellen, bevor ich mir den Zugang sperrte. In der Abteilung des Kaufhauses war kein Kunde zu sehen. Auch kein Verkäufer. Rechts und links stiegen Wände aus Lego-Pappschachteln steil empor, sie schienen eine Art Tunnel zu bilden, der sich über uns wölbte. Nein, er stürzte nicht ein. Ich war trotzdem froh, als wir wieder daheim waren.

Der Rest der Woche brachte noch eine gereizte Bandscheibe, weil ich dank eines Online-Lieferservice verlernt habe, wie man Getränkekisten korrekt aus den Knien stemmt (und man telefonisch unsere Bestellung nicht akzeptierte). Und es gab einen unerfreulichen Aufenthalt am Bahnhof, wo ich versuchte, zwei Fahrscheine nach Berlin, Hin- und Rückfahrt, zu kaufen. Mag sein, dass so ein Fall für manchen Bahnangestellten kompliziert ist – aber ich dachte an die Eingabemaske von bahn.de, auf der man mit 25 Eingaben und neun Klicks die Tickets hat. Was etwa drei Minuten dauert.

Vor dem Schalter hatte ich ein Vielfaches davon Zeit. Und keine Krise ohne Selbsterkenntnis: Möglicherweise hat mir das Internet abgewöhnt, auch in schwierigen Situationen Gespräche höflich zu führen? Die Miene des Bahnangestellten signalisierte jedenfalls etwas in der Art. Ich sparte mir den Gang zur Krankenkasse, um (die Bandscheibe!) nach der Kostenübernahme für eine Haushaltshilfe zu fragen.

Am Samstag schien die Abstinenz fast überstanden. Wir waren auf einer Party von Freunden eingeladen. Wir fanden die Adresse, obwohl wir den zerfledderten Stadtplan benutzten. Doch die Bar lag im Dunkeln, ein Fenster war mit Brettern vernagelt. Hier konnten unsere Freunde unmöglich feiern wollen. Als wir sie auf dem Handy anriefen, klingelte es ins Leere; wahrscheinlich hörte es keiner wegen der Musik, die dort spielte, wo wir nicht waren.

Und natürlich hatten sie Bescheid gegeben. Am nächsten Morgen, als ich mich endlich wieder einloggen durfte, las ich in einer E-Mail: »Im Pudel hat es gebrannt. Wir feiern deshalb im...«

Am Ende der Woche notierte ich: Das Internet ist so etwas wie ein allwissender Weihnachtsmann, der allen Menschen gewogen ist und sie zueinanderbringt. Das Bild kommt mir bekannt vor. Schon als Kind hatte ich eine ganz ähnliche Vorstellung – von Gott.

Der hätte ebenfalls gewusst, dass Seepferdchen Fische sind.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Nur so

    Haha schoene Pointe!

  2. Einen lieben gruss an die Autorin (ich nehme einfach mal an, der Autor ist eine Autorin): Es tut mir ja herzlich leid, aber wenn ein kleines Kind die einzige Moeglichkeit zur Wissenserweiterung im Computer sieht, sit irgendetwas falsch! Ich wette in Ihrem Regal steht irgendwo ein Brockhaus oder etwas dergleichen! Bei der Tatsache, dass man alles nur noch uebers Internet kauft, bin ich nur teilweise Ihrer Meinung: Buecher, Musik, DVDs, etc. kaufe ich auch im Internet. Aber vor allem Spielzeug (meine eigene "Kindheit" liegt keine 10 Jahre zurueck) habe ich frueher immer am liebsten im Spielwarenladen gekauft! Das ist einfach ein ganz anderes Erlebnis, das man, meiner Meinung nach, auch keinem Kind aus Gruenden der Einfachheit verwehren sollte! Ich selber muesste ohne Internet auch viele Einschraenkungen machen, aber ein Tragel Wasser in die Wohnung wuerde ich allemal bekommen!Meiner Meinung nach gehoert dieser Artikel in die Kategorie Satire! Zusammen mit dem Vergleich zu Gott! Dann kann man sich einfach darueber amuesieren und annehmen, es sei alles erfunden und damit in Ordnung!"Wir wollten uns geistig duellieren, aber du kamst ohne Waffen!"

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  • Serie Internet-Spezial
  • Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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