Internet Seid keine Netz-Neandertaler!
E-Mail aus einer Zukunft, in der das Internet auch Auto ist, Raumschiff und Zeitmaschine. Und in der der ganze Kram, den wir heute online stellen, leider immer noch existiert
Liebe 2008ler,
hier spricht das Netz. Wir schreiben das Jahr 2050 und haben beschlossen, Euch eine Mail zu senden, weil Ihr die Eltern und Großeltern unserer Nutzer seid und es an der Zeit wäre, dass Ihr ein paar grundlegende Dinge begreift. Die Entscheidung, mit Euch Kontakt aufzunehmen, ist uns nicht leicht gefallen, denn wer aus der Zukunft schreibt, hat ein grammatikalisches Problem. Euch zuliebe wollen wir uns durch die komplizierten Schichten des »war«, »ist« und »wird gewesen sein« quälen. Wofür haben wir schließlich das Futur II?
Wie Ihr Euch denken könnt, gibt es hier eine Menge Leute, die sich mit Euch beschäftigen. In alter Tradition nennen sie sich Historiker, obwohl das längst ein anachronistischer Begriff geworden ist. Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Das, was Ihr Euch unter Vergangenheit vorstellt, existiert nicht mehr. Die Gegenwart, dieser fiktive Moment, immer schon vorbei oder noch nicht ganz da, hat sich ausgedehnt. Sie umfasst bereits einige Jahrzehnte. Heutzutage ist die Zeit keine Linie mehr, auf der man von Punkt zu Punkt gleitet, sondern eine Fläche, die sich zu den Rändern ausdehnt. Raumzeit!, hören wir die Naseweisen unter Euch rufen, die dehnt sich, das war schon immer so! – Sehr schön, liebe 2008ler, aber wir reden hier nicht von Physik. Wir wollen über den Menschen sprechen. Über Euch und über uns. Wir wollen erklären, warum nicht Raum und Zeit, sondern Ihr und wir dasselbe sind. Aber vielleicht ein bisschen langsamer.
Ihr führt diese niedlichen Diskurse über Virtualität. »Virtuelle Welten« findet Ihr privat ziemlich reizvoll und öffentlich ziemlich böse, vor allem, wenn junge Leute damit umgehen. Grämt Euch nicht, das ist normal. Als die ersten Züge fuhren, glaubten Eure Vorfahren, dass Reisende bei Geschwindigkeiten über 50 km/h dem Wahnsinn verfallen müssten, weil die menschlichen Sinnesorgane mit der Informationsflut nicht zurechtkämen. Nun glaubt Ihr eben, die neue Informationsflut im Internet werde den Menschen eines Tages isoliert, realitätsfern, soziopathisch, kurz: wahnsinnig machen. Warum ausgerechnet Kommunikation zur Vereinsamung führen soll, hat bis heute niemand verstanden. Sei’s drum.
Was Ihr möglichst bald einsehen solltet: Virtualität ist ein virtueller Begriff. Er findet keine Entsprechung in der sogenannten Realität. Mal Hand aufs Herz, liebe 2008ler: Mehr als die Hälfte dessen, was Ihr für Erinnerungen haltet, ist frei erfunden. Der Mensch baut seine eigene Biografie und damit sich selbst nach narrativen, sprich: kommunikativen Mustern, und nicht etwa durch eine Abbildung tatsächlicher Ereignisse. Die Welt, die Ihr betrachtet, ist ein Interpretationsprodukt Eures Verstands. Wenn Ihr Euch am Gartenzaun mit dem Nachbarn unterhaltet und jeder dabei glaubt, er habe den anderen verstanden, teilt Ihr einen glückseligen Raum gemeinsamer Virtualität. Wenn Ihr den Namen »Angela Merkel« hört und an eine bestimmte Person denkt, begegnet Ihr einem Avatar. Wenn Ihr einen Text lest, ein Spiel spielt oder eine mathematische Gleichung löst, bedient Ihr Euch der Fähigkeit zum Umgang mit Abstraktion. Die Liste der Beispiele ließe sich endlos fortsetzen. Ihr steht an der Schwelle zu der Erkenntnis, dass Virtualität und Wirklichkeit einander ähneln, dass sie sich facettenartig ineinanderschieben. Jetzt geht noch einen Schritt weiter: Virtualität ist Wirklichkeit. Keine andere, fremde, neue oder parallele Wirklichkeit, sondern die ganz normale, gute, alte Wirklichkeit in einem wieder neuen Gewand. Der Mensch ist nun mal eine Informationsmaschine. Datenverarbeitung ist kein neuer technischer Prozess, sondern vor allem das, was unsere Köpfe seit hunderttausend Jahren machen. So viel zu den Voraussetzungen.
Bald wird das Erdöl alle sein. Ihr stellt Windräder auf, quetscht Raps, führt Kriege und diskutiert unter neuen Vorzeichen über Atomkraftwerke. Dabei seht ihr den Wald vor lauter Bäumen nicht. Erinnert Ihr Euch an Google Earth? Entschuldigung, Ihr habt es ja noch vor Euch. Nun denkt Euch ein Google Earth, das die Erde dreidimensional abbilden kann. Als Livestream in Echtzeit. Vergesst die Sache mit den Flachbildschirmen, »flach« kann immer nur ein Vorstadium sein. Stellt Euch Euren Monitor als Zimmer vor, acht bis zweihundert Quadratmeter, je nach Bedürfnis und Geldbeutel. Wie das funktioniert, müssen wir nicht erklären, weil Ihr in Kürze selbst darauf kommt. Bei uns gehen die Menschen nicht mehr zur Arbeit, sie gehen auch nicht ins Netz. Sie sind das Netz. Sie sind Frankfurt zum Arbeiten, New York zum Einkaufen und Thailand für den Urlaub. Die Zeit der stinkenden Eisen-und-Schmieröl-Maschinen ist vorbei. Freut Euch darauf: Das Netz wird Euch Auto sein, ICE, Flugzeug und Raumschiff. Ihr habt lange mit Minuten- und Stundenkontingenten für Telefon und Internet gelebt. Wir leben mit Kilometerkontingenten. Fast immer bleibt am Monatsende etwas übrig. Falls Ihr jetzt schon wieder Angst bekommt, erinnert Euch einfach daran, dass Eure Großeltern auch nicht zugrunde gegangen sind, weil sie keine 50000 Kilometer pro Jahr zurücklegen konnten. Und die hatten nicht einmal Faxgeräte.
Vielleicht ahnt Ihr langsam, worauf wir hinauswollen: Bewegung ist vermittelte Information und umgekehrt. Für Euch mal einfach gesagt: Wir fahren nicht mehr Auto, sondern bewegen uns geistig an jeden beliebigen Ort. Dadurch sind wir, Eurer eigenen Unterscheidung nach, eigentlich weniger »virtuell« als Ihr. Immerhin beziehen wir uns direkt auf die Information und möglichst wenig auf die Koordinaten, die sie vermitteln. Oder, anders gesagt: Der Berg kommt jetzt zum Propheten. Wir rasen nicht mehr in schmutzigen Maschinen herum, um Informationen nachzujagen, sondern lassen die Informationen leise und sauber zu uns kommen. Auch in der Zeit können wir uns auf diese Weise frei bewegen – Daten altern nicht. »Gestern« und »heute« sind zu schwimmenden Begriffen geworden. Auch Euch gibt es noch. Wir haben Euch hier. Denn, Achtung bitte: Wir verfügen über Euren gesamten E-Mail-Verkehr.
Zu Eurer Zeit war Geschichtsschreibung ein romantisierender, ein (zynisch gesagt) durch und durch virtueller Prozess. Vor der Erfindung des Internets trugen Schriftsteller angefangene Briefe über Wochen hinweg in einer Ledermappe mit sich herum und feilten immer wieder daran, weil sie wussten, dass der Brief sie mit großer Wahrscheinlichkeit überleben würde. Sie arbeiteten an Ihrem Nachruhm. Und jetzt, liebe 2008ler, denkt einmal daran, was Ihr in Eurem Heute tagtäglich im Internet alles anstellt! Ihr macht Euch nicht klar, dass wir keine gefühligen Fantasien mehr darüber entwickeln, wie die Vergangenheit gewesen sein könnte. Das Netz hat die Daten, aus denen das menschliche Leben schon immer bestand, keineswegs erschaffen. Die wachsende Identität von Leben und Netz hat diese Daten nur dokumentierbar gemacht. Hier kommt die zentrale Erkenntnis: Mit jeder E-Mail, die Ihr schreibt, arbeitet Ihr an Eurer zukünftigen Vergangenheit. Wir wissen viel über Euch und alles über Eure Kinder, ganz gleich, ob sie Popstars oder Sachbearbeiter bei der Allianz (gewesen) sind.
Die Zukunft kann der Vergangenheit niemals Pädagoge sein; das klappt schon andersherum ziemlich schlecht. Trotzdem schreiben wir diese Zeilen, um einen vorsichtigen Hinweis zu geben: Liebe 2008ler, Ihr rennt durchs Internet, als gäbe es kein Morgen. Gewissermaßen im Lendenschurz, die Keule in der Hand, instinktgesteuert, der menschlichen Sprache kaum mächtig. Im Netz benehmt Ihr Euch, wie Ihr es draußen niemals wagen würdet. Ihr erzählt jedem alles über Euch und noch einen Haufen Lügen obendrein. Ihr veröffentlicht Eure intimsten Absurditäten für den kleinen Traum von der Unsterblichkeit. Aber es gibt keine Alles-nur-geträumt-Taste, und Unsterblichkeit macht nur in einem hübschen Kleidchen Spaß. Beendet Euren hysterischen Irrtum über die Virtualität. Zivilisiert Euch, bevor es andere tun. Uns hat es viel Blut, Schweiß und Tränen gekostet, bis die Vorfahrtsregeln zwischen Bürger und Staat auf der Datenautobahn ähnlich demokratisch wurden wie draußen auf der Straße. Das hätte schmerzloser funktioniert, wenn es im Netz Bürger gegeben hätte und nicht nur informationelle Neandertaler, die glaubten, dass ein nackter Mann nichts zu verlieren und damit auch nichts zu verbergen habe.
Zieht Euch was an, sprecht in ganzen Sätzen, tragt die Köpfe hoch. Wir freuen uns auf Euch, auch wenn wir wissen, was selbst die Größten und Berühmtesten unter Euch für erstaunliche Scheißkerle waren.
Auf bald, mit lieben Grüßen und Küssen, Euer Netz
Juli Zeh, 34, wurde als Schriftstellerin unter anderem mit »Adler und Engel« und »Spieltrieb« bekannt. Ihr 2007 erschienener Roman »Schilf« befasst sich mit der Frage: Was wäre, wenn es mehrere Welten gäbe?
- Datum 14.05.2009 - 15:11 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Serie Internet-Spezial
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Dass Menschen in einer Zeitung über Themen schreiben dürfen, von
denen sie offiziell merkbefreit sind, gehört auch zur Demokratie.
des neanderthalers, dass er nicht weiss, dass er einer ist.
es gehört nicht zu den eigenschaften von oberlehrerdamen aus der zukunft dies zu wissen. aber den finger hat man schon mal oben.
ich fahr mal ins neanderthal und schau wieviel neanderthaler sich da noch rumtreiben, die das ansatzweise interessiert. und dann plaudern wir ganz unvirtuell über faustkeile bei wildsaubraten. und dann erzähl ich ihm zum beerendessert, wie er so heisst und was er alles falsch gemacht hat.
vielleicht sollte ich mein schweizermesser einpacken.
So mancher, der sich gedanklich in die Zukunft flüchtet, benutzt dazu nicht seine Phantasie, sondern seine Erinnerungen an eine Zeit, in der der eigene Hochmut ungezügelt ins Kraut schießen konnte, weil es eine allgemeinverbindliche Bestätigungsliturgie gab, die nicht so leicht von Ungeweihten gestört werden konnte, wie das in der Gegenwart geschieht. Nichts gegen Besserwissen, aber in Zukunft bedarf das Besserwissen mehr denn je des Arguments. ___________________
Lyriost – Madentiraden
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren