Internet Seid keine Netz-Neandertaler!Seite 2/2
Vielleicht ahnt Ihr langsam, worauf wir hinauswollen: Bewegung ist vermittelte Information und umgekehrt. Für Euch mal einfach gesagt: Wir fahren nicht mehr Auto, sondern bewegen uns geistig an jeden beliebigen Ort. Dadurch sind wir, Eurer eigenen Unterscheidung nach, eigentlich weniger »virtuell« als Ihr. Immerhin beziehen wir uns direkt auf die Information und möglichst wenig auf die Koordinaten, die sie vermitteln. Oder, anders gesagt: Der Berg kommt jetzt zum Propheten. Wir rasen nicht mehr in schmutzigen Maschinen herum, um Informationen nachzujagen, sondern lassen die Informationen leise und sauber zu uns kommen. Auch in der Zeit können wir uns auf diese Weise frei bewegen – Daten altern nicht. »Gestern« und »heute« sind zu schwimmenden Begriffen geworden. Auch Euch gibt es noch. Wir haben Euch hier. Denn, Achtung bitte: Wir verfügen über Euren gesamten E-Mail-Verkehr.
Zu Eurer Zeit war Geschichtsschreibung ein romantisierender, ein (zynisch gesagt) durch und durch virtueller Prozess. Vor der Erfindung des Internets trugen Schriftsteller angefangene Briefe über Wochen hinweg in einer Ledermappe mit sich herum und feilten immer wieder daran, weil sie wussten, dass der Brief sie mit großer Wahrscheinlichkeit überleben würde. Sie arbeiteten an Ihrem Nachruhm. Und jetzt, liebe 2008ler, denkt einmal daran, was Ihr in Eurem Heute tagtäglich im Internet alles anstellt! Ihr macht Euch nicht klar, dass wir keine gefühligen Fantasien mehr darüber entwickeln, wie die Vergangenheit gewesen sein könnte. Das Netz hat die Daten, aus denen das menschliche Leben schon immer bestand, keineswegs erschaffen. Die wachsende Identität von Leben und Netz hat diese Daten nur dokumentierbar gemacht. Hier kommt die zentrale Erkenntnis: Mit jeder E-Mail, die Ihr schreibt, arbeitet Ihr an Eurer zukünftigen Vergangenheit. Wir wissen viel über Euch und alles über Eure Kinder, ganz gleich, ob sie Popstars oder Sachbearbeiter bei der Allianz (gewesen) sind.
Die Zukunft kann der Vergangenheit niemals Pädagoge sein; das klappt schon andersherum ziemlich schlecht. Trotzdem schreiben wir diese Zeilen, um einen vorsichtigen Hinweis zu geben: Liebe 2008ler, Ihr rennt durchs Internet, als gäbe es kein Morgen. Gewissermaßen im Lendenschurz, die Keule in der Hand, instinktgesteuert, der menschlichen Sprache kaum mächtig. Im Netz benehmt Ihr Euch, wie Ihr es draußen niemals wagen würdet. Ihr erzählt jedem alles über Euch und noch einen Haufen Lügen obendrein. Ihr veröffentlicht Eure intimsten Absurditäten für den kleinen Traum von der Unsterblichkeit. Aber es gibt keine Alles-nur-geträumt-Taste, und Unsterblichkeit macht nur in einem hübschen Kleidchen Spaß. Beendet Euren hysterischen Irrtum über die Virtualität. Zivilisiert Euch, bevor es andere tun. Uns hat es viel Blut, Schweiß und Tränen gekostet, bis die Vorfahrtsregeln zwischen Bürger und Staat auf der Datenautobahn ähnlich demokratisch wurden wie draußen auf der Straße. Das hätte schmerzloser funktioniert, wenn es im Netz Bürger gegeben hätte und nicht nur informationelle Neandertaler, die glaubten, dass ein nackter Mann nichts zu verlieren und damit auch nichts zu verbergen habe.
Zieht Euch was an, sprecht in ganzen Sätzen, tragt die Köpfe hoch. Wir freuen uns auf Euch, auch wenn wir wissen, was selbst die Größten und Berühmtesten unter Euch für erstaunliche Scheißkerle waren.
Auf bald, mit lieben Grüßen und Küssen, Euer Netz
Juli Zeh, 34, wurde als Schriftstellerin unter anderem mit »Adler und Engel« und »Spieltrieb« bekannt. Ihr 2007 erschienener Roman »Schilf« befasst sich mit der Frage: Was wäre, wenn es mehrere Welten gäbe?
- Datum 14.05.2009 - 15:11 Uhr
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- Serie Internet-Spezial
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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Dass Menschen in einer Zeitung über Themen schreiben dürfen, von
denen sie offiziell merkbefreit sind, gehört auch zur Demokratie.
des neanderthalers, dass er nicht weiss, dass er einer ist.
es gehört nicht zu den eigenschaften von oberlehrerdamen aus der zukunft dies zu wissen. aber den finger hat man schon mal oben.
ich fahr mal ins neanderthal und schau wieviel neanderthaler sich da noch rumtreiben, die das ansatzweise interessiert. und dann plaudern wir ganz unvirtuell über faustkeile bei wildsaubraten. und dann erzähl ich ihm zum beerendessert, wie er so heisst und was er alles falsch gemacht hat.
vielleicht sollte ich mein schweizermesser einpacken.
So mancher, der sich gedanklich in die Zukunft flüchtet, benutzt dazu nicht seine Phantasie, sondern seine Erinnerungen an eine Zeit, in der der eigene Hochmut ungezügelt ins Kraut schießen konnte, weil es eine allgemeinverbindliche Bestätigungsliturgie gab, die nicht so leicht von Ungeweihten gestört werden konnte, wie das in der Gegenwart geschieht. Nichts gegen Besserwissen, aber in Zukunft bedarf das Besserwissen mehr denn je des Arguments. ___________________
Lyriost – Madentiraden
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