Internet Alles umsonst

Musik, Filme, Texte, Comics – alles wird im Internet geklaut. Warum nicht gleich alles gratis hergeben? Chris Anderson erklärt, wie aus »kostenlos« ein Geschäftsmodell wird

DIE ZEIT: In Ihrem neuen Buch Free! sagen Sie, »umsonst« sei das Geschäftsmodell der Zukunft im Internet. Wie soll das funktionieren?

Chris Anderson: Es gibt zwei Arten von »umsonst«. Ein »umsonst«, das nicht wirklich umsonst ist, weil man zum Beispiel Werbung auf der Internetseite ertragen muss. Wie bei Google. Oder bei google411 – da erhält man zwar umsonst eine Telefonauskunft. Google aber entwickelt mit meiner und allen anderen aufgezeichneten Stimmen eine sprachbasierte Suchmaschine für die Handynutzung. Diese Form des »kostenlos« wächst enorm.

Zeit: Und das wirkliche »umsonst«?

Anderson: Das bedeutet: keine Bezahlung in irgendeiner Weise. Wikipedia ist so ein Beispiel, die Blogosphere, craigslist oder freecycle, eine Seite, auf der Menschen etwas verschenken, was sie nicht mehr brauchen. Es gibt keine Werbung auf diesen Seiten, keiner macht Geld damit. Das hat mit der Sehnsucht nach Anerkennung und Aufmerksamkeit zu tun.

Zeit: Das hört sich nicht nach einem Geschäftsmodell an.

Anderson: Nein, aber wir lernen daraus: All unsere Annahmen über die Bedingungen, unter welchen sich Menschen engagieren, waren falsch. Wir dachten, dass man Menschen bezahlen muss, um an ihre Arbeit zum kommen. Aber wenn man die sozialen Anreize richtig platziert, dann spenden Menschen ihre Arbeit. Es ist für sie eine Möglichkeit, Erfüllung und Befriedigung zu erlangen. Das begann mit der freien Software und hat sich zu den User-generierten Inhalten von heute entwickelt.

Zeit: Viele Menschen fühlen sich vom Netz ziemlich unbefriedigt. Webseitenbetreiber benutzen Texte oder Cartoons von Künstlern und Journalisten als kostenloses Material. Diese »umsonst«-Kultur zerstört Arbeitsplätze.

Anderson: Viele glauben, wir lebten noch in einer Welt der Knappheit, in der man sich für ein Produkt bezahlen lassen kann, weil es kaum Wettbewerb gibt. Die liegen falsch. Wir leben wir in einer Welt, in der jeder mit »kostenlos« konkurrieren muss. Ich muss als Chefredakteur von Wired damit konkurrieren, Sie müssen es. Und die Frage ist nicht: Kann man mit »kostenlos« konkurrieren?, sondern: Wie konkurriert man damit? Man muss etwas besser machen als die kostenlose Version, man muss sein Produkt aufwerten. Wenn der Comic gegen Bezahlung nicht besser ist als der Comic, den man umsonst haben kann, wird der Zeichner keinen Erfolg haben.

Zeit: Wie wertet man einen Comic auf? Indem man einen Hund mit hineinzeichnet, um einen Hundefutter-Produzenten als Werbepartner zu finden?

Anderson: Ich weiß es nicht. Die Antwort ist wohl: Man muss das selber herausfinden. Wir haben das Experiment im Musikgeschäft gesehen. Die Band Radiohead hat ihr letztes Album in niedriger digitaler Qualität online gestellt – bessere Qualität auf CD kostete Geld.

Zeit: Jeder sollte online so viel zahlen, wie er wollte. Und viele haben ein oder zwei Dollar bezahlt. Da Radiohead nicht mehr unter Vertrag bei EMI steht, haben sie wahrscheinlich sogar Geld verdient. Aber EMI hat zuvor viel Geld investiert, um die Gruppe bekannt zu machen.

Anderson: Natürlich haben Bands, die bekannt sind, einen Vorteil. Aber wer Musik verschenkt, bekommt ein größeres Publikum, das gilt für alle Bands. Und das ist die Realität von Myspace.

Zeit: Aber kein Modell, um davon leben zu können.

Anderson: Es konnten schon immer nur wenige Bands von ihrer Musik leben. Manche machen es einfach nur aus Spaß. Prince hat letzten Sommer seine CD mit der britischen Mail on Sunday verschenkt. Und gehofft, dass die Leute daraufhin seine Konzerttickets kaufen. Das hat funktioniert.

Zeit: Musiker wie Prince machen das nicht freiwillig. Sie machen das, weil ihre Musik online geklaut wird, sie also ohnehin keine CDs mehr verkaufen. Und weil ihre Fans bereit sind, viel Geld für eine Konzertkarte auszugeben.

Anderson: Für unbekannte Bands stimmt es jedenfalls nicht, deren Problem ist nicht, dass man ihre Musik stiehlt, sondern dass niemand sie kennt.

Zeit: Der Songwriter Billy Bragg hat vor Kurzem in der New York Times kritisiert, dass junge Musiker gezwungen sind, ihre Musik kostenlos auf social networking- Seiten wie Bebo.com zu stellen. Sie machen die Website damit so groß, dass AOL sie für 850 Millionen Dollar kauft. Und die Musiker sehen keinen Cent davon. Bragg will also, dass die Musiker an den Profiten beteiligt werden.

Anderson: Ich glaube nicht, dass das ein gutes Konzept ist. Es macht einfach zu viel Mühe und erfordert eine zu große Buchführung. Aber wenn Billy Bragg findet, dass das ein gutes Konzept ist, dann soll er einfach so eine Seite starten.

Zeit: Stellen wir uns einmal Ihre Zukunft vor: Wired ist eingegangen, weil es gegen die kostenlose Onlineversion nicht ankommen konnte. Würden Sie Ihre Artikel wired.online umsonst zur Verfügung stellen?

Anderson: Ja, natürlich! Ich gebe alles in digitaler Form umsonst her. Auch das Buch. Ich verdiene mein Geld durch Vorträge zu den Büchern. Ich mache das genauso wie Prince!

Die Fragen stellte Kerstin Kohlenberg

Chris Anderson ist Chefredakteur des Lifestyle-Technologie-Magazins »Wired«. In seinem Buch »The Long Tail« sah er die Zukunft des Netzes in Nischenmärkten. Sein neues Buch wird »Free!« heißen

 
Leser-Kommentare
    • iDog
    • 27.05.2008 um 21:35 Uhr

    eine wenig ergiebiges und nicht in die tiefe gehendes gespraech ueber ein ansonsten sehr brisantes thema : der mann ist mit seiner meinung am nabel des zeitgeistes - eventuelle sogar einen zentimeter voraus - aber nicht allein. die opensource communities bewegen wie selbstverstaendlich und ohne viel gehabe und mitwisser in der bevoelkerung bereits mehr als sich alle vorstellen koennen. freiwilligkeit ist eines der sich abzeichnenden prinzipien der zukunft - das urheberrecht dagegen ist ein auslaufendes modell - neue wege der interkonsumatorischen verhaltensweisen und ein selbstverstaendniss im initiativen zugriff auf mediale inhalte, informationen sowie wissen werden sich durchsetzen, ob man sie weiter schuetzen will oder nicht.das argument im Radiohead beispiel, die plattenfirma haette ja jahrelang in die band investiert, und nur daher koenne diese mit erfolg ihre platte (bei freiwilligem obulus) verschenken ist ueberigen nonsens : die plattenfirma hat die ganzen vertragsjahre hindurch ihre investitionen mehr als profitabel amortisiert. wer das geschaeft von innen kennt, weiss wieviel unter den selbst besten bedingungen der kuenstler bekommt, und dass ein plattenfirma in sofern nicht zu bemitleiden ist. im gegenteil hat radiohed gezeigt, dass es auch ohne eine industrie geht, die sich frueher vorwiegend wegen der distribution unentbehrlich machen konnte. nun hat die band aber in kuerzester zeit eine absatzmenge erreicht, die mit plattenfirma nur schleppend zustande gekommen waere und haben zudem im durchschnitt pro platte nicht weniger sondern mehr bekommen, um nach dem umsonst vorab die richtige cd an den kern der liebhaber auch zu normalen preisen zu verkaufen. das internet ist eben die bessere distribution.... sie verteilt darueber hinaus auch an die, die unter frueheren bezahl-bedingungen das produckt  aus den verschiedensten gruenden niemals genommen haetten.

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  • Serie Internet-Spezial
  • Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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