Überraschenderweise hat das Internet bislang der Literatur nur gutgetan. Nie ist man so schnell und einfach an das gesuchte Buch gekommen wie seit den Tagen von Amazon.de. Und auch in der Antiquariatsbranche hat sich mit Abebooks.com und dem deutschen Ableger Zvab.de ein Paradigmenwechsel vollzogen. In Sekundenbruchteilen findet man nun dank den deutschlandweit digitalisierten Beständen jede längst vergriffene Erstausgabe auf der Homepage irgendeines kleinen Antiquariates in der Provinz – und meist darf man sich zwischen fünf verschiedenen Angeboten auch noch das günstigste aussuchen. Doch, das ist die Lehre der Moderne, kein Gewinn ohne Verlust: Natürlich bedroht das die Tätigkeit (und das Wort…) des "Stöberns", das Finden von Büchern, die man nicht gesucht hat, von denen man noch nicht einmal wusste, dass es sie gab. Die noch immer irritierende Effizienz bei der heutigen Literatursuche ist ein weiterer Schritt unserer fortschreitenden Vermessung der Welt.

Damit es aber auch im Netz nicht zu prosaisch wird, hilft, logisch, die Lyrik. Wer früher eine einzelne Verszeile im Kopf unglücklich mit sich herumtrug wie eine einzelne Socke, der findet heute dank Google das zugehörige Gedicht in einer Geschwindigkeit, in der man früher noch nicht einmal beim Bücherregal angelangt wäre. Die Verssuche im Computer kann Kulturpessimisten auch von der Einschätzung kurieren, dass das Internet nur ein Ort böser Gefühle sei. Es müssen gute Menschen sein, die noch einmal das Gedicht von Benn oder Rühmkorf oder Mörike ins Internet eingeben, obwohl es genau dafür bereits über hundert andere Fundstellen gibt. So landet man dann beispielsweise auf der Suche nach einer Zeile aus Benns Einsamer nie als im August zunächst auf der Seite der Staatskanzlei Brandenburg (erster Eintrag) oder der der "Fotogemeinschaft moving moments" (zweiter Eintrag). Auf meist rührend unbeholfen gestalteten Seiten entpuppt sich das Netz als ironiefreier Ort der Poesie – etwa auf Gedichte.vu. Und wer es avancierter will, für den gibt es Lyrikline.org: Die wohl professionellste und internationalste deutsche Lyrikseite bietet 4700 Gedichte von 470 Dichtern – die meisten davon sogar als Download zum Hören. Gerade ist Makedonisch als 49. Sprache dazugekommen. Da bleibt kein Vers mehr ungefunden.

Und keiner ungesagt: Natürlich ist gerade die kurze literarische Form ideal für Audio-Aufnahmen zum Herunterladen. Zahllose Websites für Downloads auch ganzer Hörbücher demonstrieren anschaulich die Konjunktur dieser Branche – bei Vorleser.net gibt es die meisten Hörbücher sogar umsonst.

Auch für die Selberleser gibt es im Netz Anleitungen zum Glücklichsein – in seinem Witz und Tiefsinn unschlagbar bleibt dabei Arts & Letters Daily, eine Seite mit dem Bleisatz-Layout von Druckschriften der französischen Aufklärung, täglich aktualisiert vom Philosophen Denis Dutton im fernen Neuseeland, die nach einigen Besitzerwechseln und Pausen nun ihren Betrieb unter Aldaily.com wieder aufgenommen hat. Die angloamerikanische Seite quillt fast über von Buchrezensionen, Hinweisen auf kluge Essays oder schräge Lektüren. 3,7 Millionen Seitenaufrufe im Monat für eine Seite ganz ohne Bilder – das ist doch wirklich mal ein Wort.

Aber vielleicht ist Aldaily.com auch nur die Ausnahme, die die Regel beweist: Denn noch ist nicht entschieden, ob sich das Internet – jenseits seiner Rolle als schnellstes Informationsmedium – letztlich als Ort der Entsakralisierung der Texte oder der der Bilder etabliert. Zwei Zwischenstände sind auffällig: Es scheint, als seien es immer mehr die in Sekundenbruchteilen abrufbaren Bilder und Video-Files, die das Internet zum Zentralorgan unseres visuellen Zeitalters machen. Und, so der zweite Befund, während das Internet inzwischen fast den gesamten Bereich dessen ersetzt hat, was man im 20. Jahrhundert "Sekundärliteratur" nannte (dank Wikipedia et al.), erweist sich die Primärliteratur als erstaunlich internetavers. Es gab zahlreiche Versuche, im Internet kollektive Romane zu schreiben (in Deutschland etwa zur Jahrhundertwende das Projekt "Am Pool"), doch die Möglichkeit der Vernetzung und die Idee der Community scheinen bislang keine Basis zu sein für neue Literatur. "Wer allein ist, ist auch im Geheimnis", sagt Benn – doch allein könnte man auch vor dem Computer sein. Die Tatsache, dass das Internet bislang nicht das Buch als Endprodukt von Literatur ernsthaft herausgefordert hat, muss ästhetisch erklärbar sein. Das Veränderbare, das Fließende, die ständige Aktualisierung und Verlinkung, die das Internet auszeichnen, scheinen – zumindest momentan noch – den Normen zu widersprechen, die wir für "dauerhafte Kultur" habituell gefunden haben; das gilt für die "Netzkunst" genauso wie für die Literatur im Internet. Offenbar hat Literatur in der Renaissance die für sie ideale haptisch erfahrbare, transportable, von jedem Aufladegerät unabhängige, stabile Form des gebundenen Buchs gefunden. Und offenbar brauchen wir und auch die Jugendlichen im Silicon Valley – noch – die Illusion des abgeschlossenen Werkes, das nicht fortgeschrieben werden und nicht verlinkt werden kann. Interessanterweise finden sich im Internet zahlreiche inzwischen stillgelegte Blogs und Tagebücher von Schriftstellern, in denen dezent darauf hingewiesen wird, dass die Seite geschlossen ist, da die Einträge jetzt in Buchform vorliegen.

Selbst der Klassiker des Genres, Rainald Goetz’ Abfall für alle, rettete sich aus der Unendlichkeit des Netzes in die Buchform und in die ewigkeitsverheißende Sphäre des Bücherregals. Und doch ist natürlich Goetz die interessanteste Spur, wenn man neue Literatur sucht, die das Wissen um ihren Publikationsort bereits in sich trägt, die also dadurch verändert ist, dass sie im und für das Netz geschrieben ist. Auf der Seite der Zeitschrift Vanity Fair führt Rainald Goetz seit vergangenem Jahr sein neues Kultur-Blog Klage und demonstriert, warum sich die skizzenhafte Tagebuchform als bislang einzig adäquate Form der Internetliteratur zu etablieren beginnt: Goetz führt den Leser durch das Berlin der Politik und der Kunst, durch das Berlin der Geschichte und das des Klatsches – und er führt ihn durch seinen eigenen Kopf. Alles geschrieben mit heiligem Ernst und hellwachem Auge: Nur bei Goetz können und müssen auf Zeilen wie "Die schönsten Bauten hat das späte Kaiserreich in Deutschland der Justiz gebaut" (3. April 2008) die Worte "Der liveact spielt, Miss le Bomb, richtig harte Suppe" (4. April 2008) folgen.

Seit Thomas Mann hat niemand mehr so souverän für die Öffentlichkeit Buch geführt. Aber für Thomas Mann war klar, dass seine Notizen einmal zwischen zwei Buchdeckeln zur Anbetung freigegeben würden. Wirklich neue Literatur im Netz wird es erst geben, wenn weder die Leser noch die Autoren diese Sehnsucht verspüren.