Deutsche Bahn Der Bahntester
Andere sitzen mit Koffern im Abteil, Günter Voß mit Kamera und Diktiergerät. Seit 23 Jahren prüft er die Deutsche Bahn – zum Spaß.
DIE ZEIT: Herr Voß, entschuldigen Sie bitte, dass ich mit dreiminütiger Verspätung anrufe.
Günter Voß: Das geht in Ordnung. Bei der Bahn gelten erst fünf Minuten über der Zeit als Verspätung. Bei mir zählt jede Verspätung.
ZEIT: Sie sind als selbst ernannter Bahntester seit über 20 Jahren in Ihrer Freizeit im Zug unterwegs, dokumentieren Unpünktlichkeit und Missstände. Warum machen Sie das?
Voß: Es ist mir einfach zu langweilig, aus dem Fenster zu schauen. Aber das Bahnfahren reizt mich. Seit meiner Kindheit bin ich ein richtiger Bahn-Fan. Mein Großvater war Oberzugschaffner bei der Reichsbahn, meine Familie hat am Bahnhof im niedersächsischen Seesen gewohnt. Als Junge sah ich die Dampfloks vorbeischnaufen und wollte Lokomotivführer werden. Aber dann bin ich doch Polizeibeamter geworden, weil ich überhaupt ein ordnungsliebender Mensch bin. Als ich in Nordrhein-Westfalen arbeitete und meine Freundin in Hamburg, bin ich dauernd gependelt. Ich dachte, ich müsste irgendwann genug von der Schiene haben. Doch dann kam 1991 der ICE. Und ich fing an, das Bahnfahren exzessiv zu betreiben.
ZEIT: Das bedeutet?
Voß: In den ersten Jahren habe ich dafür meinen Jahresurlaub geopfert – allerdings nur jedes zweite Jahr, um die Nerven meiner Frau nicht allzu sehr zu strapazieren. Zweimal hat mich die Bahn sogar für eine ICE-Expertise und eine Studie zum Wohlbefinden der Reisenden engagiert. Seit ich pensioniert bin, bin ich regelmäßig unterwegs – immer drei Tage die Woche, dienstags, donnerstags und samstags. Ich lege rund 250000 Kilometer im Jahr zurück und gebe meine Testergebnisse zurzeit an die Medien weiter.
ZEIT: Auf was achten Sie zuerst, wenn Sie einen Zug betreten?
Voß: Schon auf dem Bahnsteig halte ich die Augen offen: Ich schaue mir den Zug an, wie er reinkommt. Ich sehe, was mit dem Lokführer los ist, ob er langsam einfährt oder schnell oder stark abbremst. Wenn das der Fall ist, kann man die Bremsen riechen. Dann achte ich darauf, ob die Außenwände der Waggons sauber sind, ob die Türen schließen, wie die Toiletten im Zug aussehen, ob Gepäckstücke im Weg herumliegen und die Abteile gereinigt sind. Um alles zu dokumentieren, habe ich Kamera, Diktiergerät, Faltpläne und Schreibblock dabei.
ZEIT: Was war die schlimmste Verschmutzung, die Sie gesehen haben?
Voß: Einmal hatte jemand eine Tomate von draußen gegen das Fenster geworfen. Die Reste hingen in Wolfsburg an der Scheibe, fuhren nach Hannover, dann nach Bielefeld. Dort bin ich ausgestiegen, doch der Fleck ist sicher noch bis Köln mitgereist. Das Zugpersonal sieht manche Dinge eben nicht.
ZEIT: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Schwachstellen der Deutschen Bahn?
Voß: Beim Personal. Öfter steht das Signal im Bahnhof auf freier Fahrt, und der Zugchef unterhält sich noch. Es dauert einfach zu lange, bis der Zug endlich abfährt. Und dann diese Durchsagen! Sie kommen oft zu spät und sind fast immer ungenau. Dabei will ich als Reisender informiert werden, und zwar vernünftig. Wenn sich ein Zug verspätet, kann man den Gästen ruhig die Wahrheit sagen. Man muss nicht nur so allgemein von Betriebsstörung reden. Von defekten Triebköpfen, Weichen, Signalstörungen und Behinderungen durch langsam fahrende Züge schon – das sind die konkreten und häufigsten Gründe für Verspätungen.
ZEIT: Was mögen Sie an der Bahn?
Voß: Ich fahre gerne den Rhein entlang oder die Strecke von Dresden nach Nürnberg, da legt sich der Regionalexpress so schön in die Kurve. Ich sitze gerne morgens in der aufgehenden Sonne allein in einem Abteil und döse. Schade nur, dass die Abteile in vielen Zügen abgeschafft wurden, ich habe sie immer gemocht. Nun genießt man zwar mehr Komfort und Sicherheit, aber man reist wie im Flugzeug.
ZEIT: Wer finanziert eigentlich Ihr Hobby?
Voß: Ich habe die Mobility BahnCard 100, ein Jahresabonnement, das mich 320 Euro pro Monat kostet. Denn ich zahle selbst.
ZEIT: Sie kehren jeden Abend wieder heim?
Voss: Ja, ich habe mich auf Tagesfahrten spezialisiert, die dauern allerdings oft 15 Stunden und länger. Morgens, wenn ich aufstehe, überlege ich mir als Erstes, in welche Richtung es gehen soll. Dann fahre ich von meinem Wohnort im Harz nach Braunschweig, Göttingen oder Hannover: Das sind meine Ausgangsbahnhöfe. Anschließend lasse ich mich treiben. Von Hannover aus reise ich zum Beispiel nach Hamburg, um von dort mit einem IC nach Dortmund zu fahren. Wenn ich dann weiß, dass der ICE von Berlin nach Köln mit Verspätung einfährt, steige ich spontan auf ihn um. Ich will ja sehen, was aus der Verspätung wird. An den Haltestellen notiere ich jeweils die Ankunfts- und Standzeiten auf meinem Reiseplan, halte die Zeit auf die Sekunde genau fest.
ZEIT: Steigen Sie nie aus, um eine Stadt zu besichtigen?
Voß: Nein, in München und in Frankfurt habe ich mir mal den Flughafen angeschaut. Aber im Prinzip geht es mir darum, schnell anzukommen, schnell wegzukommen und nicht lange mit dem Umsteigen zu warten. Ich will immer weiterfahren.
Interview: Christine Böhringer
- Datum 15.05.2008 - 07:05 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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Ein herrlicher Artikel, und Herr Voss spricht mir aus der Seele!
Nur ein Tipp: für seine Bahncard100 zahlt er deutlich zuviel. Ich habe meine von einem Reisebüro in Freiburg für 20 Euro weniger im Monat. Infos:
http://www.gleisnost.de/bahnpendler/bc100.asp
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