Der Geburtstagsgruß sieht aus wie eine Todesanzeige. »Kein Grund zu feiern!«, steht da in schwarzen Großbuchstaben und »60 Jahre palästinensische Vertreibung« statt 60 Jahre Israel. Die Anzeige mit Trauerrand erscheint in der International Herald Tribune vom 8. Mai, ausgerechnet am Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Es ist eine zornige, in scharfem Ton vorgetragene Weigerung, das Jubiläum der Staatsgründung zu feiern, solange kein Frieden mit Palästina herrscht. Unterschrieben haben Philosophen, Schriftsteller, Musiker, Filmemacher aus aller Welt, unter ihnen acht Palästinenser, zwei Libanesen, fünf Israelis und viele Autoren jüdischer Herkunft. Zu den 54 Nichtgratulanten zählen Ken Loach, Juan Goytisolo, Mahmoud Darwish, John Berger, Elias Khoury, Tariq Ali, Nigel Kennedy, Gianni Vattimo – und Judith Butler.

DIE ZEIT: Frau Butler, wann waren Sie zum letzten Mal in Israel?

JUDITH Butler: Ich bin mir nicht sicher, was Sie mit »Israel« meinen, da sich dessen Grenzen ständig verschieben. Vor ein paar Jahren war ich in Jerusalem und Tel Aviv, um auf einer Friedenskonferenz zu sprechen, an der sowohl Palästinenser als auch israelische Juden teilnahmen. Es war eine bewegende Erfahrung, aber ich merkte, dass israelische Juden nicht genug wissen über die Armut und Verzweiflung in den besetzten Gebieten.

ZEIT: In der Herald Tribune kritisieren Sie, dass »die Gründung des Staates Israel Huntertausende Palästinenser entwurzelte«. Doch welche andere Chance hatten europäische Juden nach 1945, insbesondere Holocaust-Überlebende, als endlich ihren eigenen Staat zu gründen?

Butler: Man muss unterscheiden zwischen der Notwendigkeit eines Zufluchtsorts für Juden nach dem Zweiten Weltkrieg und den besonderen Bedingungen, unter denen der Staat Israel gegründet wurde. Ich bezweifle keineswegs, dass es eine internationale Pflicht gab, für jüdische Überlebende einen sicheren Hafen zu schaffen. Man kann aber nicht ein Verbrechen durch ein anderes rechtfertigen, selbst wenn die beiden Verbrechen nicht vergleichbar sind. Hannah Arendt hatte recht, als sie prophezeite, dass die Zwangsenteignung der Häuser von mehr als 700000 Menschen zu Konflikten führen würde. Für mich heißt Judesein, Teil einer Welt zu sein, in der Diskriminierung aufgrund von Religion oder Nationalität inakzeptabel ist. Zwangsenteignung und Entrechtung waren für jüdische Flüchtlinge, die so sehr gelitten hatten, der falsche Weg. Allerdings lehnten europäische Länder es nach 1945 ab, zusätzliche Juden aufzunehmen, auch die Vereinigten Staaten schränkten ihre Quote ein. Der westliche Antisemitismus trug so zu den unheilvollen Plänen für Palästina bei. Zwar schlugen Judah Magnes und Martin Buber eine Föderation vor, aber vergeblich. Heute sehen wir, welche katastrophalen Folgen es hat, dass David Ben Gurions Plan über den von Buber und Magnes siegte.

ZEIT: Aber stimmt denn, was jetzt in der Anzeige steht, dass »Israel palastinensischen Flüchtlingen ihre UN-Rechte verweigert, weil sie Nichtjuden sind«? Sprechen nicht manche Palästinenser den Juden das Existenzrecht ab?

Butler: Israel hat sich über UN-Resolutionen jeder Art hinweggesetzt. Ich könnte mehr als hundert nennen, die etwa israelische Militäroperationen verurteilten oder die illegale Aneignung von Boden kritisierten. Sie wurden mit dem Argument ignoriert, die Vereinten Nationen seien antiisraelisch, wenn nicht sogar antisemitisch. Zu den wichtigsten dieser Resolutionen gehört die vom 12. November 1948, als die UN ihren Beschluss bekräftigten, Jerusalem solle internationale Stadt werden, und Richtlinien zur Flüchtlingsfrage formulierten. Da der Unabhängigkeitskrieg andauerte, ging es größtenteils um diplomatische Lösungen, etwa die Einrichtung einer Schlichtungskommission. Außerdem sollten palästinensische Flüchtlinge, die in ihre Häuser zurückkehren und mit ihren Nachbarn in Frieden leben wollten, rasch die Erlaubnis erhalten. Das wurde von Israel abgelehnt. Was soll man also sagen, wenn Israel sich plötzlich auf die UN beruft? Von jenen 700000 Vertriebenen blieben übrigens viele im Grenzgebiet. Gegenwärtig leben 2,5 Millionen Menschen im Westjordanland und weitere 1,5 Millionen in Gaza. Nahezu drei Viertel aller Palästinenser in diesem Gebiet existieren von weniger als zwei Dollar am Tag, die Bewohner von Flüchtlingscamps haben noch weniger. Ist es ein Wunder, wenn manche von ihnen sich weigern, Israel anzuerkennen? Lehnen sie vielleicht nur gewaltsam errichtete Grenzen ab? Warum fragen wir nicht, ob Israel die Rechte Palästinas als eines unabhängigen politischen Gebildes anerkennt?