Kafka Freigeschürfte Weltsplitter
Eine Ausstellung im Münchner Literaturhaus präsentiert Franz Kafka in seiner Zeit
Der Zeugnisse und Legenden aus dem Leben des hl. Franz K., des Erzevangelisten der literarischen Moderne, sind mehr, als Kiesel am Grunde der Moldau wandern. Ist da noch irgendetwas unerforscht? Wir können mit Kafka ins Kino gehen, auf seinen Spuren Kaffeehäuser besuchen, seine Bibliothek ist rekonstruiert, und man weiß, was die Haushälterin sah. Zu kennen glauben wir die Nöte des anfälligen Körpers, seine Ängste (der Vater!) und Amouren (Felice. Julie. Milena. Dora.), und all dies führt zum noch eifriger ergründeten vielfachen Schriftsinn der Werke: In ihnen legte man den ewigen Sohn und Junggesellen der deutschen Literatur auf die Couch, man glaubte sich dem Trauma, dem Absurden, Existenziellen, ja der Kabbalistik in dieser Kunst auf den Schlichen. Sicher ist eins: Die Erbfolgekriege unter den Kafka-Witwen, die Bannflüche, Häresiologien und Schismen innerhalb der Kafka-Philologie – sie müssen schrecklich sein.
Vor diesem Hintergrund leistet die Ausstellung Kafkas Welt im Münchner Literaturhaus zu seinem 125. Geburtstag einiges. Sie kehrt den verstrickten Deutungen den Rücken der Oberfläche zu: In Fotos, die einen frohen, umtriebigen Kafka zeigen, dem wir hier nahekommen wie selten, nämlich über den Küchenbalkon, über den man die Familienwohnung Niklasstraße 56 betritt: Diese Räume, die die Kafkas von 1907 bis 1913 bewohnten, wurden schräg in den Ausstellungssaal hineinmodelliert. Ein luftiges Gerüst deutet Grundriss, Türen und Ecken an. Jene notorischen Wohnverhältnisse, die Vorlage für die der Samsas in der Verwandlung , sind gelungen abstrahiert vergegenwärtigt.
Die Fotos sind zu fünf Stationen geordnet. Sie zeigen das Prager Umfeld, die Familie, die Schreibwelt, die Frauen um Kafka und seine Reisen. Die 150 Bilder entstammen der erschöpfenden Sammlung aus Kafkas Welt, die der Germanist Hartmut Binder nach jahrzehntelanger Recherche zu einer Lebenschronik in Bildern geordnet hat (Rowohlt, Reinbek 2008; 687 S., 68,– €). Verblüffend, was es an Fotos gab, allein von dem Nest Zürau, wo die Schwester lebte. Und seltsam eigentlich, dass Kafka selbst kaum fotografiert hat. Denn man sieht den Autor hier als modernen jungen Mann. Als stillen, doch kontaktfreudigen Elegant, bei den Frauen beliebt, der gerne schwamm, mehrmals im Jahr verreiste, in die Tatra, die Alpen, nach Paris. Lustige, klischeeferne Bilder gibt es da, etwa Kafka badehosig am Strand von Travemünde – allein: Ganz neu ist dieser munter in den Alltag entzauberte Kafka nicht. Wir kennen ihn seit Klaus Wagenbachs pionierhafter Bildbiografie Franz Kafka. Bilder aus seinem Leben von 1983, die nun, um über 100 Bilder bereichert, neu aufgelegt wurde (Wagenbach, Berlin 2008; 256 S., 39,– €).
Neuartig an der Münchner Ausstellung ist, und das spiegelt Binders Ehrgeiz, Kafkas Leben und Zeit so komplett wie möglich zu rekonstruieren. Da werden mitunter Weltsplitter freigeschürft, die Kafka literarisch eingebunden hat: Manches Foto lässt uns seine Dienste bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt erahnen – und damit den sauren Geschmack jener bürokratischen Umständlichkeiten, deren Essenz sich etwa in den Verschraubungen des Prozess niederschlug.
Etliches mehr ist so zu entdecken – viele Bilder allerdings illustrieren einfach Kafkas Alltag. Aber ist es denn, muss man fragen, wirklich ein Gewinn, das x-te vom Autor besuchte Sanatorium samt Chefarzt zu sehen? Binders Buch enthüllt sogar Funde wie denjenigen der 366 Wasserspeier am Mailänder Dom, den eine zweizeilige Tagebuchnotiz beschreibt. Dagegen erscheint Wagenbachs Sammlung fast schlank, aber man darf sich nicht täuschen: Der akribische Komplettismus ist ein Symptom der Kafka-Kunde überhaupt. So werden Reliquien gesammelt.
In einem wiederentdeckten Gespräch von 1968 spricht Max Brod über die Liebe des Vaters, über Kafkas »bezaubernde Witzigkeit und Spitzigkeit« sowie darüber, wie leicht seinem Freund Realität und Imagination verschwammen: »Betrachten Sie mich als einen Traum«, so soll Kafka sich einmal nächtens beim gestörten Vater Brods entschuldigt haben. Diese Traumgestalt, das ist auch unser Kafka: Weil hier Leben und Kunst verwischen, ja die Kunst das Leben überglänzt, sind diese Fotos so aufgeladen. Noch ein historisches Bild der Karlsbrücke scheint auratisiert, weil Kafka dort spazierte, ebenso die Aufnahme des Hotels Neptun in Marienbad, wo Kafka am 13. Mai 1916 – nun, Rührei mit grünen Erbsen aß. Hier offenbart sich eine besondere Variante der Kafka-Deutung. Die Fotos scheinen sein Mysterium zu bewahren. Zeigen es, ohne es zu entblößen. Lassen es erfahren, ohne es zu erklären. Und womöglich enthält ja eins den Schlüssel, das geheime Zeichen, das alles erklärt, diesen Autor, sein Werk, sein Leben und unseres… So werden Ikonen verehrt.
In der Rekonstruktion dieses Lebens tut sich aber eine Unheimlichkeit auf, die Kafka gefallen hätte. Sie wird umso sichtbarer, je mehr man die hier aufgehobene Welt fassen will, denn je schärfer das Einzelbild, desto deutlicher wird, dass die Totale nicht zu sehen ist: jenes vielkulturige, deutsch-jüdisch-tschechische Prag. Kafka ist der Brückenheilige der Sehnsucht nach einem anderen, heileren Alteuropa. Aber wer lange genug auf die Reliquien schaut, dem blicken die Phantome des Verlustes der eigenen Albträume entgegen.
So gleicht die Ausstellung Kafkas Erzählungen, die anhand scharfer Nahaufnahmen ins Unübersichtliche führen, die aus diesem Wechsel von Akkuratesse und Nebel ihren stets enttäuschten Lockruf nach Deutung entwickeln. Vielleicht ist es die größte Herausforderung seiner Literatur, diese verführerische Verweigerung in ihrer erzählerischen Brillanz zu genießen, dem Drang zum Verstehen aber zu widerstehen. Denn letztlich handelt es sich da um eine leichte, spielerische Balance. Armin Kratzert hat für die Ausstellung Alice Herz-Sommer interviewt, der Kafka als Kind Geschichten erzählte. »Die Atmosphäre fühl ich noch jetzt«, sagt Frau Herz-Sommer, der man ihre 104 Jahre nicht ansieht, »Kafka«, das »war ein Gemisch von Verzweiflung – und Humor. Man soll es von der humoristischen Seite sehen.«
»Kafkas Welt. Sein Leben in Bildern« bis 3. August im Literaturhaus München
- Datum 21.05.2008 - 11:38 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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