Wenn Anthropologen heute von Selbstinitiation sprechen, dann meinen sie damit den Versuch, sich als junger Mensch Erfahrungsmomente zu verschaffen, die früher Onkel und Tanten übernahmen: in Form von Firmung, Konfirmation oder Jugendweihe. Die aktualisierte Version könnte darin bestehen, Geld zusammenzukratzen, den Lonely-Planet-Reiseführer in den Rucksack zu packen und für mehrere Wochen in ein fernes Land aufzubrechen – weit außerhalb des Interrail-Bereichs. Südamerika, Asien, Australien, das sind die beliebten Ziele. Die Paradiese der Backpacker eben. Auf den Spuren von Leonardo DiCaprio und Alex Garland The Beach aufsuchen oder literarisch mit Iris Bahrs Moomlatz in Asien die Unschuld verlieren. Wenn’s denn klappt.

So weit ist die 16-jährige Vassar, vorauseilend benannt nach einer ursprünglich Frauen vorbehaltenen amerikanischen Elitehochschule, auf die sie selbstverständlich einmal gehen soll, noch längst nicht. Und so ganz freiwillig bricht sie auch nicht auf aus ihrem durchorganisierten und auf Erfolg programmierten Elternhaus. Doch das von Grandma Gerd als Lockmittel eingesetzte zu lüftende Familiengeheimnis scheint mächtiger zu sein. Mit zehn Koffern und der kompletten Survival-Ausrüstung von Travellers Friend erreicht sie Malaysia. Dort hilft sie ihrer Großmutter, Material für ein überdimensionales Wandbild zu sammeln – ein Großauftrag für die Künstlerin. Begleitet vom nur wenig älteren Hanks, einem asiatischen Cowboy mit angeklebten Koteletten und Westernstiefeln, reist Vassar mit ihrer Grandma zu den Tempellandschaften Kambodschas.

Es tut gut, Abenteuer mal ganz handgemacht zu lesen. Ein lineallanger und bissiger Tausendfüßler ist ein mindestens so gefährliches Geschöpf wie ein Feuer speiender mystischer Drache, ein auf asiatische Körpermaße angelegtes Bootsklo eine mindestens so große Herausforderung wie halb verschüttete Gänge in finsteren Geisterschlössern. Bedeutende Literaturpreise gibt es für Carpe diem sicher nicht zu gewinnen. Aber das Recht auf gute Unterhaltung zählt zu den Grundrechten eines jeden Lesers, und gut zu unterhalten schafft Autumn Cornwell mit Bravour. Der elitäre Highschool-Mädchenzirkel, der ebenso wie die in Watte gepackten Eltern permanent nach Mir-geht’s-gut- E-Mails verlangt, der junge Cowboy als ständiger Retter wider Willen (der dabei sogar seine geliebten Stiefel einbüßt) und die abenteuerlustige Großmutter sind eine gute Kombination, um Situationskomik zu entwickeln. Und aus vollem Herzen lässt die Schriftstellerin unterschiedliche Lebensauffassungen und Überzeugungen frontal aufeinanderprallen – das Buch strotzt vor Konfrontationen der Kulturen und Lebensumstände.

Dass die Familienverhältnisse nach der Reise neu gemischt sind, ist da nur die nützliche Klammer dieser exotisch bunten Geschichte. Aus der Vassar strahlender, erwachsener und verliebt wiederauftaucht – genauso wie mancher Leser. (ab 12 Jahren)
Ralf Schweikart